Leser-Reportagen
Istanbul
Das erste was ich sehe als ich aufwache ist ein Mashallah, das groß, bunt und breit auf dem LKW vor unserem Bus prangt. Mashallah, das bedeutet Gott schütze Dich. Dieser Wunsch ist angesichts der Fahrweise so mancher LKW-, PKW- und Busfahrer, vor allem in den türkischen Städten, auch bitter nötig. Nachdem wir von Yalova aus das Marmarameer mit der Autofähre überquert haben, fahren wir stundenlang durch Istanbuler Vororte, die entlang der Autobahn zu einem einzigen, riesigen, scheinbar unendlichen Industrie- und Wohngebiet verschmelzen. Ayse, die türkische Deutschlehrerin, die 10 Jahre in Deutschland gelebt hat, verabschiedet sich und steigt an einer Autobahnabfahrt aus. Sie wird hier in ein paar Minuten von Bekannten mit dem Auto abgeholt werden. Zwei Stunden später schluckt uns der Untergrund des größten Busbahnhofes der Welt.
Von der langen Fahrt im sehr bequemen Reisebus sind wir noch ziemlich mitgenommen als wir im Artefes einchecken. Erstmal entspannen, ein bisschen schlafen, und dann herausfinden, wo wir genau gelandet sind. Wer nach Sultanahmed kommt, sucht den Glanz vergangener Zeiten. Möchte sich verzaubern lassen von der Schönheit der Ayasofya und der Erhabenheit der Sultan Ahmed Camii, möchte den Erzählungen der modernen Geschichtenerzähler lauschen und die Üppigkeit der Auslagen in Geschäften und Basaren bewundern. Wir suchen vor allem den Alltag, die Normalität zwischen dem aufgeregten Gerenne der Touristen und dem geschäftigen Treiben der Souvenirhändler. Unser erster Weg führt uns deshalb auch nicht zum nahe gelegenen Hippodrom sondern durch die engen Gassen von Sultanahmed, entlang der alten Orient-Express-Strecke, hinunter zum Wasser. Und hier finden wir ihn, den Alltag, die Normalität: unzählige Männer verbringen ihren Nachmittag hier mit Tee trinken und reden, über Brettspielen und beim Angeln. Hier ist ein guter Platz, um sich mit Istanbul anzufreunden.
In den nächsten Tagen werden wir uns die Stadt am Goldenen Horn genauer anschauen, ihre Menschen kennen lernen und ihre Schätze entdecken. Dazu gehören natürlich auch Ayasofya und die Blaue Moschee, der Galataturm und der Große Basar. Dazu gehören aber auch die Straßen und Gassen Istanbuls auf europäischer und asiatischer Seite, ihre unglaubliche architektonische Vielfalt, ihre Farben und Gerüche.
Fast jeden Abend zum Sonnenuntergang zieht es uns in Richtung der Galatabrücke. Dann nämlich kann man zusehen, wie sich dieser Ort mit jeder Minute verwandelt: die letzten Angler ziehen im goldenen Licht ihren Fang aus den Fluten des Bosporus, Fähren spucken im Minutentakt heimkehrende Pendler aus, Touristen wandern auf der unteren Ebene der Brücke auf der Suche nach einem guten Platz im Restaurant umher und die Händler, die eben noch ihre Ladengeschäfte geschlossen haben, breiten ihre Waren auf dem Platz vor dem Eminönü Ferry Terminal aus. Dazwischen preisen Snackverkäufer Nüsse und getrocknete Früchte, heiße Makronen und andere Köstlichkeiten an. Wir halten uns lieber an balik ekmek, das wahrscheinlich leckerste Fischgericht der Welt. Frischer Fisch (balik) wird auf einer heißen Platte gebraten und dann mit frischem Salat in einem angerösteten Brot (ekmek) serviert. Wer will, kann sein Festmahl noch mit Zitronensaft und Salz aus den bereit stehenden großen Flaschen verfeinern. Unglaublich gut!
Möchte man die Menschen in Istanbul wirklich genauer kennen lernen, kommt man um einen Besuch im Hamam nicht herum. Nicht weil das so im Reiseführer steht, sondern weil man dort Istanbuler und Fremde, Türken und Menschen aus aller Herren Länder trifft. Uns verschlägt es in den Cagaloglu Hamami (http://www.cagalogluhamami.com.tr/). Ehrlich gesagt lassen wir uns etwas von Michael Palin inspirieren, der sich hier auch schon die Knochen hat verdrehen lassen. Wieder zurück in Deutschland empfiehlt uns ein türkischer Bekannter den Cemberlitas Hamami (http://www.cemberlitashamami.com.tr/), der einen besseren Service bei geringeren Preisen bieten soll.
Kurz gesagt, ein Besuch im Hamam ist nicht nur entspannend, sondern kann (zumindest in Istanbul) auch sehr amüsant werden. Während sich mein männlicher Begleiter eine Sultan-Massage gönnt und mit einem Südafrikaner, einem Engländer und einem Franzosen im Hamam ein Bierchen zischt, wäscht mir meine Natir dreimal die Haare, weil sie sie so schön findet, was mir Zeit gibt mich etwas umzuschauen. Die türkischen Waschfrauen finden die englischen Touristinnen, die farblich an gekochte Hummer erinnern und hysterisch kichern, sehr amüsant, können aber mit der japanischen Touristin, die Scheu hat, ihre Handtücher abzulegen und stattdessen Gymnastikübungen vollführend im Kreis wandert, wenig anfangen. Ich lasse mich von der entspannten Heiterkeit anstecken, was mir Unmengen von Turkish Delight, freundliche Zustimmung und einen Blümchenschlüpfer einbringt.
Die Tage vergehen viel zu schnell in dieser Stadt, in der Gemüsehändler mit dem Lastwagen noch bis vor die Haustür kommen und Kinder die Straßen mit Lachen erfüllen, während ein paar Straßen weiter die Menschen zwischen den glasverkleideten Bankhäusern hin und her hasten und Touristen erbittert um Preisnachlässe bei Gewürzen und Mitbringseln feilschen. Zwischen all der Geschäftigkeit tut es gut, sich einfach in die nächste Fähre zu setzen und auf dem Wasser etwas Abstand zu gewinnen. Abstand zu den Menschen, Abstand zur Hektik, Abstand zum Lärm.
Wie auch die Busse und Straßenbahnen gehören die Fähren zum öffentlichen Nahverkehr und transportieren täglich Tausende Menschen über den Bosporus nach Hause oder zur Arbeit. Die Fährterminals sind wie auch die großen Busbahnhöfe hochmodern und erinnern an eine Flughafenwartehalle. Im Minutentakt und immer pünktlich legen die Fähren an, um bereits nach wenigen Minuten voll beladen mit Menschen, Gepäck und Geschichten wieder abzulegen. Wellen klatschen an den Rumpf, Möwen umkreisen uns aufgeregt und die ersten Passagiere haben es sich auf den Sitzen im Freien bequem gemacht. Innen gibt es Tee und simit, die überall erhältlichen Sesamkringel, die am besten schmecken, wenn sie morgens warm und knusprig aus dem Ofen kommen. Unser Ziel ist der Haydarpasa-Bahnhof, das im Jugendstil erbaute Juwel, das seine Züge in Richtung Anatolien, Iran, Irak und Syrien aussendet. Von hier geht unsere Reise weiter in Richtung Anatolien.
Auf den fast endlosen Bahnsteigen finden wir schließlich unseren Zug, unser Abteil und machen es uns gemütlich. Der Pamukkale Express setzt sich am späten Nachmittag in Bewegung. Langsam stampft er durch die Vorstädte, Kilometer um Kilometer, mehr als eine Stunde lang. Dann verlassen wir die Stadt, die uns in den letzten Tagen so vertraut geworden ist. Mustafa aus dem Nachbarabteil organisiert Abendessen für seine beiden Söhne und wir arrangieren uns mit unserem wortkargen aber freundlichen türkischen Mitfahrer, während die Sonne langsam und mit goldenem Strahlen tiefer sinkt.
Goodbye Istanbul. Auf zu neuen Abenteuern.














Pele sagte vor 4 Jahre 3 Wochen:
Hallo, Christiane!
Istanbul ist unbedingt eine Reise wert.
Gut geschildert.
Viele Grüße
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Christiane Bredehorn sagte vor 4 Jahre 9 Wochen:
Danke Sandfisch, freut mich, wenn mein Bericht etwas Appetit machen konnte, in welcher Hinsicht auch immer ;)
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Sandfisch sagte vor 4 Jahre 9 Wochen:
Dein Bericht hat die Stimmung Deiner Reise gut eingefangen und macht Lust mal ein paar Tage in Istanbul zu verbringen. Balik ekmek möchte ich auch gerne probieren :o)
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