Leser-Reportagen
Amrum - Königin der Nordsee
Seit rund 5000 Jahren wird die Nordfriesische Insel Amrum von Menschen bewohnt, wobei sie erst seit dem 14. Jahrhundert eine Insel ist. Der Kniepsand hat einen der ausgedehntesten Sandstrände Europas gebildet. Die Nordsee auf der einen und das Wattenmeer auf der anderen Seite lassen den Reisenden in eine Welt eintauchen, die es so kaum ein zweites Mal auf der Welt gibt.
Sylt, Föhr, die Halligen und Amrum bilden im Bundesland Schleswig-Holstein die nordfriesischen Inseln. Den Titel „Königin der Nordsee“ würden die beiden größeren Inseln Sylt und Föhr am liebsten für sich beanspruchen, verdient hat ihn sich aber die kleinere, nämlich die Insel Amrum.
Kilometerlange Strände, Strandkörbe, Windsurfer und unzählige Menschen, die ihre Freizeit am Strand genießen, dieses Bild hat jeder vor seinem inneren Auge, wenn er an die Nordsee denkt. Dies alles trifft auch auf Amrum zu. Der Sandstrand an der Nordsee hat eine Ausdehnung, die sich ein Mensch kaum vorstellen kann. Im Kniepsand bilden Vordünen einen Lebensraum für verschiedene Vogelarten, weshalb vor allem im Frühjahr, Teile dieser Vordünen als Vogelschutzgebiete ausgewiesen sind. Direkt dahinter beginnt das Naturschutzgebiet der Dünen. Eine traumhafte Landschaft, die eine Ruhe ausstrahlt, wie sie kaum mehr zu finden ist. Nur das Geschrei der Vögel unterbricht immer wieder die Stille. In den Dünen finden sich auch Spuren einer frühzeitlichen Besiedelung der Insel, Gräber und die Reste eines Hauses, welche auf ca. 3000 vor Christus datiert sind, zeugen davon, dass der Mensch bereits in dieser Zeit der Nordsee getrotzt hat, wobei Amrum zu dieser Zeit noch keine Insel war, sondern zum Festland gehörte. Diese Spuren sind aber nicht nur in den Dünen zu finden, sondern überall auf der Insel. Die Grabhügel bei Steenodde sind ein weiteres beeindruckendes Zeugnis dieser Zeit.
Die beiden ältesten Orte auf Amrum sind Süd- und Norddorf. Nebel entstand erst später, als dort die Kirche gebaut wurde. Hier gibt es auch eine nette Geschichte, die eine Fremdenführerin in der Clemenskirche zu berichten wusste: Die Bewohner von Süd- und Norddorf waren sich nicht einig, wo denn die Kirche errichtet werden sollte. Also beschloss man einen Wagen mit Steinen zu beladen und das Pferdegespann loszuschicken. Dort wo der Wagen zusammenbrechen würde, sollte die Kirche erbaut werden. Eine nette Geschichte, welche aber sicher in das Reich des Seemannsgarns gehört. Sicher ist, dass die Clemenskirche auf einem Platz errichtet wurde, der bereits früher ein heiliger Ort war. Der jüngste Ort auf der Insel ist Wittdün, dieser entstand erst um 1900, als der Badebetrieb auf Amrum losging. Damals gab es auch noch die Inselbahn, mit welcher die Gäste befördert wurden.
Waren die Bewohner Amrums früher Seeleute, so verdient sich mittlerweile der Großteil der rund 2100 Insulaner durch den Tourismus den Lebensunterhalt. Große Bettenburgen wird man auf Amrum dennoch vergebens suchen. Was auch gut ist, denn dadurch wurde ein typisches Erscheinungsbild bewahrt. Besonders in Nebel sind noch typische Friesenhäuser zu finden. Für den Großteil der Gäste ist es die Ruhe und einzigartige Natur, die sie auf die Insel Amrum lockt. Bieten doch der Nordseestrand, das Wattenmeer und die Geschichte der Insel Erholung und Abwechslung. Am besten lässt der Reisende das Auto zuhause oder beim Parkcenter in Dagebüll und genießt die Insel bei ausgiebigen Wanderungen durch die Dünen, entlang des Strandes oder erkundet Amrum mit dem Fahrrad.
Recht umständlich war die Anreise nach Amrum. Während der Flug von München nach Westerland auf Sylt lediglich eine Stunde dauerte, war die Weiterreise sehr zeitaufwendig. Als Ortsunkundiger bestieg ich am Flughafen ein Taxi und dachte mir: „Es kann ja so teuer nicht sein, wenn ich mich gleich zum Fähranleger nach Hörnum bringen lasse.“ Dieser Gedanke war jedenfalls falsch, die Fahrt kostete mich sage und schreibe 30 Euro. Am Anleger angekommen ging ich in den Pavillon der Reederei, um mir das Ticket für die Fähre zu besorgen. Sylt – Amrum und zurück, knapp 29 Euro. Als ich bezahlte, sah die freundliche Dame aus dem Fenster und meinte: „Schade, jetzt haben Sie die Fähre verpasst, die legen gerade ab.“ Also hieß es warten, bis die Adler-Express um 17.15 Uhr zur zweiten Überfahrt nach Amrum ablegte. Wegen eines technischen Gebrechens verschob sich diese Fahrt um eine halbe Stunde. Den Nachmittag verbrachte ich mit Spaziergängen in der Nähe des Hafens und der Jagd mit meinem Teleobjektiv auf Möwen.
Um 18.45 Uhr stand ich dann auf dem Anleger in Wittdün auf Amrum und laut Fahrplan hätte ich noch eine Stunde auf den Bus warten müssen. Drei Damen und ein Kind waren außer mir noch auf dem Kai und überlegten, wie sie wohl weiterkommen würden. Als eine Taxe vorbeikam, beschlossen wir, uns dieses zu teilen, der Taxler lud uns ein und verteilte uns in den Orten, sodass ich gegen 19 Uhr im Hotel angekommen war.
Am nächsten Morgen machte ich mich auf den Weg durch die Dünen zum Strand. Die Dünenlandschaft wirkte doch etwas fremd auf mich, anders als erwartet, aber in positivem Sinn. Ich fühlte mich teilweise wie in den Bergen, nur dass es eben nicht Fels, sondern Sand war, der die höchsten Erhebungen wie Berggipfel in die Höhe ragen ließ. Der erste Besuch am Strand war ebenfalls beeindruckend. Nachdem gegen Mittag die Wolken immer dichter wurden, kehrte ich nach Norddorf zurück. Während der zwei Wochen Aufenthalt auf Amrum führte mich der Weg immer wieder in die Dünen hinaus. Auch der Strand bot unzählige Motive. An zwei Stellen in den Dünen sind frühzeitliche Funde zu sehen, leider sind diese mittlerweile stark versandet, sodass man schon einiges an Fantasie braucht, um sie zu erkennen und sich vorzustellen, wie diese einmal ausgesehen hatten.
Eine tolle Sache sind die täglichen Führungen im Vogelschutzgebiet Amrum-Odde. Der Vogelwart versteht es auf humorvolle Art, den Menschen die Welt der Vögel näher zu bringen und Einblicke in deren Verhalten zu geben. Wie überall sonst auch wurde darauf hingewiesen, dass man den Tieren absolut nichts Gutes tut, wenn sie gefüttert werden.
Auch die Orte der Insel haben einiges zu erzählen. In Norddorf fiel mir auf, wie gepflegt der ganze Ort ist. Überall sind die Einwohner darauf bedacht, ihre Gärten in Schuss zu halten. Auch der große Platz im Zentrum wirkt einladend, sich in einen der aufgestellten Strandkörbe zu setzen. Hier entsteht der Eindruck, dass die Welt noch in Ordnung ist. Auffallend ist auch, dass es keine Bettenburgen gibt, lediglich kleine Hotels oder Pensionen. Das erste Haus am Platz ist das Vier-Sterne-Haus „Hüttmann“, welches sich aber ebenfalls harmonisch in das Gesamtbild einfügt. In Norddorf befindet sich auch das Kino der Insel. Leider fehlte mir doch die Zeit, um mir einen Film anzuschauen.
Nur einige Kilometer entfernt erreichte ich Nebel. Obwohl der Ort erst nach Nord- und Süddorf entstanden ist, finden sich heute die wichtigsten Sehenswürdigkeiten in Nebel. Als ich von Norddorf kommend den Ort erreichte, war der Kirchturm der St. Clemenskirche das zentrale Objekt. Vorbei an den typischen Friesenhäusern, welche noch immer mit Ret gedeckt werden, suchte ich mir den Weg zur Kirche. Gleich als ich den Friedhof betrat, fielen mir links neben dem Eingang die besonderen Grabsteine und das Heldendenkmal auf. Diese Grabsteine sind eine Besonderheit, sie werden auch als sprechende Grabsteine bezeichnet. Aufwendig gearbeitet erzählen diese noch heute über das Leben des Menschen, für welchen der Stein gefertigt wurde. Wenn man bedenkt, dass die Schrift nicht in den Stein gemeißelt wurde, sondern erhaben ist, also der Stein um die Schrift entfernt wurde, kann sich jeder vorstellen, dass sich so einen Stein nur Wohlhabende leisten konnten. Die Steine selbst stammen auch nicht von Amrum, sondern mussten vom Festland oder der Insel Föhr auf die Insel transportiert werden. Einer der wichtigsten dieser Steine ist jener von Hark Olufs. Er war als 16-Jähriger in maurische Gefangenschaft geraten und als Sklave nach Algier verkauft worden. Dort brachte er es vom Pflaumenpflücker bis zum Schatzmeister. Nach zwölf Jahren gelang es Hark Olufs freizukommen und nach Amrum zurückzukehren. Mit 46 Jahren starb er als reicher Mann.
Das Innere der Clemenskirche erinnerte mich stark an die Kirchen in Siebenbürgen. Genau der gleiche Baustil. Als Besonderheiten sind in der Kirche das Taufbecken aus dem 13. Jahrhundert und die geschnitzte Apostelreihe aus dem 14. Jahrhundert zu erwähnen. Im Gegensatz zu anderen Kirchen wurde in der St. Clemens die Orgel im Altarraum untergebracht.
Die nächste Station war für mich die alte Windmühle. Der „Erdholländer“ wurde 1771 gebaut und bis 1964 genutzt. Heute ist in der Mühle ein kleines, aber nicht wenig interessantes Museum beheimatet. Richtig herausgeputzt wird die Mühle zum Mühlentag. Mit Fahnen geschmückt rückt die Mühle ins zentrale Interesse. Um die Mühle wird dann gefeiert und der Trachtenverein tanzt mit den schönen Friesentrachten auf. Auf der gegenüberliegenden Straßenseite ist ein kleiner Friedhof zu sehen, der sich beim Näherkommen als Friedhof der Namenlosen entpuppt. Hier liegen all jene begraben, die über die Jahrhunderte von der Nordsee oder dem Wattenmeer auf die Insel gespült wurden. Die kleine Anlage ist liebevoll hergerichtet, um den Toten eine angemessene letzte Ruhestätte zu sein.
Ein weiteres Museum ist im Öömrang Hüs untergebracht. Dieses erzählt die Geschichte von Amrum von der Frühzeit bis heute. Ein besonderes Erlebnis für Brautpaare ist die Hochzeit im Öömrang Hüs. Für diese Anlässe steht ein eigener Raum zur Verfügung. Das Museum ist für die Dauer der Trauung für Besucher gesperrt. „Es wird geheiratet. Bitte nicht stören“, ist dann am Zaun zu lesen.
Zwischendurch führte mich der Weg auch immer wieder in die Dünen hinaus, ob früh am Morgen oder später am Abend. Die Wanderungen in den Dünen und am Strand boten mir immer wieder neue Motive, aber auch die Möglichkeit alles rund um mich herum zu vergessen. Ein schönes Fotomotiv ist das Quermarkenfeuer bei Norddorf. Der Strand dahinter erstreckt sich wieder Hunderte Meter, bis der Wanderer die Nordsee erreicht. Einer der schönsten Wege führt vom Campingplatz bei Nebel nach Wittdün. Da der alte Bohlenweg mittlerweile komplett unter dem Sand begraben liegt, wurden Pflöcke geschlagen, um den Weg zu markieren. Es ist allerdings etwas anstrengend so direkt durch den Sand zu laufen, der Eindruck ist aber ein besonderer, da man hier die Dünen hautnah erleben kann. Am Ende des Weges erreichte ich den Dünensee Wriakhorn bei Wittdün. Der See und die ihn umgebende Natur sind wieder ein Paradies für Vogelfreunde.
Auf Amrum steht auch der höchste Leuchtturm der Nordsee. Dieser erhebt sich 64 Meter in die Höhe und ist von Montag bis Freitag für Besucher geöffnet. Der Aufstieg über die zahllosen Treppen rentiert sich auf jeden Fall, hat man doch von der Aussichtsplattform einen tollen Rundumblick über die Insel. Der Weg auf die Düne, auf welcher der Leuchtturm steht, ist so angelegt, dass jeder zu einem tollen Foto als Andenken kommt.
Wittdün ist der jüngste Ort auf der Insel, leider mussten die meisten der Häuser aus dem 19. Jahrhundert in den 1970er Jahren dem damals „modernen“ Baustil weichen. Wittdün ist aber auch der erste Ort, den der Besucher betritt, wenn er am Anleger die Insel erreicht. Die schönen Geschäfte, die zahllosen Cafés und Imbisslädchen laden zum Shoppen oder Verweilen ein.
Der Rückweg nach Norddorf führte mich meist an der Wattseite der Insel entlang. Ein netter kleiner Ort liegt zwischen Wittdün und Nebel. Zur Zeit des großen Walfanges war Steenodde der bedeutendste Hafen der Insel. Heute befindet sich dort der Seezeichen- und Jachthafen. Ein großes Zeitzeugnis befindet sich direkt oberhalb von Steenodde, ein Gräberfeld mit unzähligen kleinen Grabhügeln und direkt daneben der Große Eesenhuch. Hünengräber finden sich auf der ganzen Insel. Auch eine lang gezogene Wallanlage, der Krümwaal, welcher zwischen Steenodde und Süddorf liegt, sind beeindruckende Überbleibsel der Frühzeit, in welcher Amrum bereits besiedelt wurde.
Für jeden, der Ruhe und Erholung sucht, ist die Nordseeinsel Amrum genau das Richtige. Obwohl im Hochsommer die Strände sicher nicht so menschenleer sind, wie ich sie Mitte Mai erleben durfte, ist es dennoch möglich ein ungestörtes Plätzchen zu finden. Bei ausgedehnten Spaziergängen am Strand, bei Wanderungen durch die Dünen oder auf Entdeckungstour über die Insel und durch die Orte kann der Besucher die Seele so richtig baumeln lassen. Solche Strände wie auf Amrum findet man in ganz Europa kein zweites Mal.























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