Leser-Reportagen
Die Reise zu den Pinguinen
„Das ist eine Durchsage von der Brücke: Es gibt einen Notstand.“ Die Stimme von Kapitän Oliver Krüss aus den Bordlautsprechern reißt die sonnenbadenden Passagiere auf den Liegen des Promenadendecks abrupt aus dem Dösen. Ein Notfall? Hier draußen, mitten im Nirgendwo des Südatlantik, 382 Seemeilen vor den Falkland Inseln und gut 50 Stunden seit dem Auslaufen der MS Alexander von Humboldt von Pier 8 aus dem Hafen von Montevideo, Uruguay. Expeditionsbücher über Scott, Amundsen und Shackelton gleiten auf die Schiffsbohlen.
„Wir suchen noch freiwilliges Reinigungspersonal für unsere Brückenfenster. Als Gegenleistung beantworten wir Ihnen gerne Fragen zu Nautik und Navigation.“ Breites Grinsen aller orten. Aha! Galant umschifft Kapitän Krüss die behördliche Anordnung, die eine Brückenbesichtigung nicht mehr zulässt. Von hier oben hat man definitiv den besten Blick auf die unendlichen Weiten des Ozeans.
Die MS Alexander von Humboldt ist auf Expeditionskreuzfahrt von Rio de Janeiro über Buenos Aires, Montevideo und den Falkland Inseln in die Antarktis. An Bord 265 Gäste aus Deutschland, Österreich und der Schweiz, beseelt von einem Lebenstraum: Einmal per Schiff in die größte Wildnis der Erde, die Antarktis. Sich fühlen wie ein Entdecker. Aber auch die Seelöwen, Seeleoparden, Robben und die befrackten, putzigen Herrschaften – die Pinguine, mal nicht in der Wilhelma oder Hellabrunn, sondern in ihrem Jahrmillionen alten Lebensraum zu beobachten. Früher war es einzig Helden, Wissenschaftlern und Seefahrern vorbehalten, in die gefrorenen Gefilde der Antarktis vorzudringen – der kältesten, ödesten, windigsten und abgelegensten Region unseres Planeten. Ohne all zu große Strapazen auf sich zu nehmen, wird dieses Privileg heute auch dem gemeinen Kreuzfahrern zu teil. Schließlich haben moderne Expeditionsschiffe, wie die Alexander von Humboldt, eine Eisklasse, die es ihnen erlaubt, im arktischen Sommer, von Oktober bis März, wenn die südlichen Meere mehr oder minder eisfrei sind, den Entdecker-Genen freien Lauf zu gewähren. Und obendrein noch Stabilisatoren, sollte Poseidon schlecht drauf sein – was relativ häufig der Fall ist, wenn es durch die gefürchteten Roaring Forties, Furious Fifties und Screaming Sixties geht (teilweise orkanartige Wind- und Wasserbewegungen zwischen dem 40zigsten und 60zigsten Breitengrad).
„Steuerbord voraus, Eisberg in Sicht!“ Kapitän Krüss waltet wieder seines Amtes. Die Sichtung gleicht dem Befehl einer Bienenkönigin. Die Restaurants leeren sich schlagartig, hastig werden die letzten Grüße in die E-Mail-Terminals gehämmert, die riesige Bibliothek gleicht im Null-Koma-Nichts einer Unibibliothek um Mitternacht – alle schwärmen auf die Aussendecks und sichten ihren ersten riesigen Tafeleisberg im XXL-Format. Hoch wie ein sechsstöckiges Haus und breit wie zwei Fußballfeder. Beim Anblick dieses blau schimmernden Giganten würden passionierte Eiskletterer reihenweise in Ohnmacht fallen. Größere und kleinere Torbögen wechseln sich mit glatten, senkrechten Wänden ab. Oben ist er total flach. Psssst! Nicht weitersagen! Eine ideale Location für einen der nächsten Audi-Fernsehspots. Ein erster Vorbote der noch gut 600 Kilometer entfernten Süd-Shetland-Inseln und der Südspitze der Antarktischen Halbinsel.
Der Sechste Kontinent, die Antarktis, ist mit 14 Millionen Quadratkilometer etwa 40 mal so groß wie Deutschland und hat als einziger Erdteil keine Urbevölkerung. Wer heute auf dieser großen, fast fünf Kilometer dicken Platte aus Eis und Schnee auf felsigem Untergrund lebt, tut das im Dienst der Wissenschaft. Rund 40 der zahlreichen Forschungsstationen sind ganzjährig besetzt. Würde das antarktische Eis schmelzen, stiege der Wasserstand der Weltmeere um mehr als 60 Meter. Immerhin sind hier zwei Drittel des weltweiten Wasservorkommens gespeichert.
„Blas voraus!“ trompetet Oliver Krüss durch die Bordlautsprecher. Alle Mann an Deck. Die Alex nimmt Fuß vom Gas, gleitet lautlos durch den Beagle-Kanal, kommt zum Stillstand. Zwei Buckelwale sind gekommen - um zu spielen: Katz und Maus mit dem Kapitän und den Schaulustigen mit ihren Canon(en)rohren und Pixelshots. Mal steigt die Blasfontäne im Doppelpack vor dem Bug Steuerbord, plötzlich Backbord und schließlich hinterm Heck aus dem Wasser. Wie bei den Fischerchören klingt’s, aaahhhhh, jjjaaaaahhhh, wenn die tonnenschweren Säuger zum Luftholen an die Oberfläche kommen und mit ihrer Fluke elegant zum Abschied noch einmal winken und dann abtauchen. Bereit für ein neues Spielchen? Vor der nächsten Showeinlage muss aber erst einmal Futter gefasst werden. Schließlich ist das auch der einzige Grund, warum die Wale die äquatorialen, wärmeren Gewässer nach der Geburt ihres Nachwuchses verlassen haben. Hier im Südmeer gibt es Unmengen von Krill, der Leibspeise der Wale.
Wie auf Daunenfedern gebettet durchzieht die Alex die Antarktische Konvergenz und nimmt stetig Kurs auf den weißen Kontinent. Im Schlepptau eine Hand voll Wanderalbatrosse, die zu zur kostenlosen Flugshow einladen. Wissenschaftler bezeichnen das schmale Band des 55 Breitengrades als Antarktische Grenze. Hier treffen die relativ warmen Wassermassen auf die -2 bis +2 Grad kalten aus dem Süden. Seine größte Ausdehnung erreicht Wasser bei 4 Grad. Ist es kälter sinkt es ab. Das kalte Wasser aus der Antarktis strömt demzufolge in tieferen Wasserschichten nach Norden. Es wird vom wärmeren Wasser aus dem Norden ersetzt, kühlt, sinkt ab und strömt nordwärts. Ein perfektes „Perpetuum mobile“, ein ewiger Kreislauf. Vor diesem wissenschaftlichen Hintergrund sind Windstärke 10 und hoher Wellengang Programm – doch, Fehlanzeige. Bekanntlich hat ja jede Theorie die Farbe Grau. Wer noch behauptet, dass Fliegen die schönste Art des Reisens ist, sei von nun an als Tor dahin gestellt. Die „Kotztüten“, die die Geländer zu den unteren Decks im Ein-Meter-Abstand schmücken – reine Makulatur. Um die Null Grad. Die Sonne scheint, die Liegestühle sind gut besucht.
Die Alexander von Humboldt passiert die Südshetland Inseln auf der Bransfieldstraße, lässt Elefant Island, die Forschungsstationen auf King George Island und die Inseln Nelson, Robert und Greenwich rechts liegen. Sie sind vulkanischen Ursprungs. Ihre Bergflanken sind ganzjährig mit Schnee- und Eisfeldern bedeckt. Riesige Gletscherströme enden mit schroffen Eiswänden im Meer. Im Winter sind die Inseln von Meereis eingeschlossen, das erst im Frühjahr wieder aufbricht. Bis in den Sommer treiben ausgedehnte Schollenfelder umher, die gemeinsam mit Eisbergen die Fahrt durch die engen Fjorde behindern können.
„Um 10 Uhr Ausbootung der ersten Gruppe“ lautet die Ansage von Kreuzfahrtdirektor Winfried Prinz. Vor Half Moon Island surrt der Anker in die Tiefe. Rein in die Gummistiefel und noch eben schnell durch ein Desinfektionsbad gewatet. Alsdann bringen die erfahrenen Bootsführer des Expeditionsteams in ihren wendigen Spezialschlauchbooten, den Zodiacs, die eingemummten Passagiere in Stoßtrupps à zehn Mann, hinüber zur Insel. Dort hat bereits das neugierige Empfangskomitee neben einem uralten, verrotteten norwegischen Walfängerboot Stellung bezogen. Es heißt die seltsamen Fremden, mit einem kurzen aber kräftigen Geschnatter willkommen. Die vier schwarz gefrackten Zügelpinguine zeigen keine Scheu. „Endlich mal wieder was los. Ist auch schon ein halbes Jahr her, dass Besuch da war.“ Sie haben ihrer Pflicht genüge getan, drehen sich um und watscheln auf der durch Exkremente gezeichneten schneebedeckten Pinguinstraße in Richtung restlicher Kolonie. Der antarktische Verhaltenskodex schreibt den Besuchern vor, wenigstens fünf Meter Abstand zu den Pinguinen zu halten, ihre Straßen nicht zu betreten und den Pinguinen generell „Vorfahrt“ zu gewähren. Auch sollte nicht auf Flechten und Moose getreten werden. Die erholen sich von einem Fußabdruck auch nach 100 Jahren noch nicht!
Die Alex nimmt Kurs auf eine der „Top Five“ Touristikziele in der Antarktis: Cuverville Island. Dort erwartet den weitgereisten Gast eine einmalige Performance. Aus der nahe gelegenen Gerlachstraße driften Eisberge heran, die nur der Strömung und dem Wind gehorchen und gehen prompt in die Falle. Von den Wellen auf und nieder bewegt, drücken sie zuerst ihre Unterseiten in den Grund und schrammen dann noch weiter auf die Küste zu, bis sie endlich ihre letzte Ruhestätte finden. Gestrandet, einer nach dem anderen, liegen sie zusammen da wie auf einem Friedhof – schmelzende Grabsteine.
„Bockwurst Alarm!“ tönt es aus den Lautsprechern. Gemeint sind damit Krabbenfresser-Robben. Kapitän Krüss und seine Alex sind in ihrem Element. Wie ein atombetriebener russischer Eisbrecher sprengt der Bug die Eisschicht des Neumayer- und Lemairekanals. Mühelos schiebt er sie einem Scheibenwischer gleich auf die Seite. Vollkommen unberührt verfolgen die Robben das Spektakel, haben nur ein müdes Gähnen für die Sprengung ihrer Lieblings-Eisscholle übrig und widmen sich gleich wieder dem Sonnenbad.
Die Passage durch die zwei bis vier Kilometer breite und 30 Kilometer lange Seestraße führt durch eine der schönsten Landschaften der Antarktischen Halbinsel. Weite Gletscherfelder und Eisabbrüche gleiten ganz nahe am Schiff vorbei. Man könnte heulen vor Glück.
Die steilen Bergflanken ziehen sich bis 1.000 m hinauf, die höchsten Gipfel erreichen mit dem Mount Francais 2.821 m und dem Mount Agamemnon 2.572 m.
„Kap Hoorn voraus!“ erklingt es von der Brücke. Die Drake Passage ist geschafft. Zwei Tage hat sie gedauert. Den tapferen Kreuzfahrern bleibt der mit Spannung erwartete Höllenritt durch die Wellen erspart. Bei der Ankunft in Ushuaia/Feuerland, der südlichsten Stadt der Welt, verlassen die Antarktis-Eroberer mit einem Koffer voller einmaliger Eindrücke „ihre Alex“.




Sabine sagte vor 3 Jahre 47 Wochen:
Hallo Frank,
so eine Reise würde ich auch gerne einmal machen. Steht definitiv auf meiner Reisewunschliste!
Hast du nicht noch ein paar Fotos? Da würde ich mir gerne noch ein paar anschauen..
Gruß,
Sabine
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traveltime sagte vor 3 Jahre 49 Wochen:
Kommt schön rüber!
Die Reise steht auch noch auf unserem Wunschzettel.
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neosummer sagte vor 3 Jahre 49 Wochen:
neid! es muss toll gewesen sein...
schöne grüße aus hamburg!
:-)
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sprotte1964 sagte vor 4 Jahre 1 Woche:
Super - von so einer Reise träume ich schon lange
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