Leser-Reportagen
Mit dem Auto auf der Schiene
Mit den DB Autozug Verbindungen über Nacht macht die Bahn dem Flugzeug und der eigenen Fahrt mit Auto oder Motorrad Konkurrenz. Denn im Schlafwagen des DB Autozug vergeht die Zeit wie im Flug. Oder besser gesagt wie im Schlaf. Ein Selbstversuch.
Der Urlaub in Südfrankreich, Spanien oder Portugal steht vor der Tür. Fliegen? Selber Fahren? Wir entscheiden uns für eine Bahnreise von Düsseldorf nach Narbonne in Südfrankreich. Mit dem DB Autozug. Im Schlafwagen!
In Zeiten, in denen Billigflieger angeblich für ein Trinkgeld kreuz und quer durch Europa jetten, klingt das irgendwie hoffnungslos nostalgisch. Allerdings ist das Flugzeug in diesem Fall auch keine echte Alternative: Zu unserem Wunschtermin lässt es sich mit dem Billigflieger wahrlich nicht billig fliegen. Außerdem hätten wir bei dem frühen Abflugtermin gleich die ganze Nacht durchmachen können. Und mit Lisa und Tim auf dem Rücksitz kann so eine lange Fahrt mit dem eigenen Auto zu einer richtigen Tortur ausarten…Da liest sich der Fahrplan des DB Autozug wesentlich nervenschonender. Fahrzeugverladung in Düsseldorf von 14:40 bis 14:50. Abfahrt um 15:54, Ankunft in Narbonne/Südfrankreich um 10:08 Uhr – wohlgemerkt, am nächsten Morgen!
Zweifel bleiben: Kann man im Schlafwagen eigentlich schlafen? Ist das der Heilige Gral des „Urlaubs von Anfang an?“
Düsseldorf DB Autozug Terminal – unmittelbar neben dem Hauptbahnhof. 14:35 Uhr. Im Gepäck viele Koffer, Massen an Spielzeug und jede Menge Vorurteile über Reisen mit der Bahn. Das erste löst sich allerdings gleich bei Verladung der Fahrzeuge. Die beginnt nämlich auf die Minute pünktlich.
Motorräder, Cabrios und Oldtimer werden auf das untere Deck gefahren. Dann sind wir schon an der Reihe. 1. Gang rein und mit einem kleinen Ruck geht’s rauf auf den Fahrzeugtransportanhänger. Ist echt total easy.
Nur bewaffnet mit unserem Handgepäck begeben wir uns zum Bahnsteig, wo schon die Schlaf- und Liegewagen von AZ 1315 für uns bereit stehen.
Auch Vorurteile zwei und drei überleben nicht lange, die Wagen sind weder verqualmt - in den Schlaf- und Liegewagen, selbst im Speisewagen, pardon im Bord Restaurant, herrscht komplettes Rauchverbot - und Schlafwagenschaffner sind keineswegs mürrische, von chronischem Schlafmangel geplagte Zeitgenossen mit Ringen unter den Augen. Vielleicht liegt es ja auch daran, dass die nicht mehr Schlafwagenschaffner sondern „Serviceteam-Mitarbeiter“ heißen, klingt ja auch irgendwie freundlicher. Unser Serviceteam-Mitarbeiter ist ausgesprochen freundlich - was allerdings kein Einzelfall zu sein scheint, wie uns auch andere Reisende erzählen - und er nimmt sich die Zeit, die technischen Feinheiten unseres rollenden Hotelzimmers zu erläutern. Das ist auch dringend nötig, denn wir Schlafwagen-Neulinge stehen zunächst etwas hilflos in unserer neuen Bleibe. Die Bedienung des lichtundurchlässigen Rollos am Fenster - rauf-runter - erschließt sich intuitiv. Aber es kann zu Beginn der Reise schon vorkommen, dass die Tür zum Nebenabteil, wo die Kiddies schlafen werden, mit der zum Waschraum verwechselt wird. Und die Bedienung der diversen Schalter für Nachtlicht, Hauptlicht, Leselicht – ungelogen, insgesamt zehn pro Abteil - ist zumindest für blutige DB Autozug Novizen ebenfalls erklärungsbedürftig. Es gibt Tasten zum Abstellen des automatischen Weckrufes, eine Ruftaste für den Serviceteam-Mitarbeiter, nur eine Taste, um das Bett zu machen, die gibt es nicht - und überhaupt - wo sind eigentlich die Betten? Die verbergen sich - jeweils drei übereinander pro Abteil - hinter aprikot farbenen Wandpanelen, aus denen herausfordernd dicke Aluminiumgriffe ragen. Ein kräftiger Zug daran - und nichts passiert. Auch hier ist, zumindest auf der Jungfernfahrt, Beistand vom Profi gefragt.Ist die Sicherheitsverriegelung gelöst, lässt sich allerdings binnen Augenblicken ein frischbezogenes, blütenweißes Bett aus der Wand ziehen, das verführerisch im gedämpften Licht der Leselampe leuchtet. Schade nur, dass man im Schlafwagen wahrscheinlich kein Auge schließen kann...
Insgesamt 15 Minuten dauert der Einführungslehrgang über die Schlafwagentechnik des 21. Jahrhunderts, der mit dem Einsammeln der Ausweis-Papiere und dem Notieren der gewünschten Zeit fürs Wecken endet. Wenn das mit jedem Fahrgast so geht, ist der Zug in Südfrankreich und der Mann hat keine Stimme mehr. Diese Sorgen müssen wir uns aber nicht machen, schließlich ist immer ein Serviceteam-Mitarbeiter nur für einen Waggon zuständig. Außerdem sind wir an diesem späten Nachmittag die Einzigen mit erhöhtem Lernbedarf. Bei fast allen anderen Fahrgästen in den Nachbarabteilen scheint es sich um Stammgäste zu handeln, die sich bestens in ihrem Domizil auf Schienen auskennen.
Es ist an der Zeit, sich im Abteil umzuschauen und ein weiteres Vorurteil über Bord zu werfen. Schlafwagen sind keine Relikte aus der Zeit, als bei der Bahn noch Dampfloks qualmten. Modernes Design, dezente, aufeinander abgestimmte Farben und eine geschickte Raumaufteilung machen das Abteil zu einem kleinen, aber äußerst komfortablen Hotelzimmer auf Rädern. In der Mitte die rundliche Kabine mit der Vakuum-Toilette, schwenkbarem Waschbecken und Dusche mit Chromarmaturen - aus denen übrigens Trinkwasser rauscht, frische Handtücher, Seife und Mundwasser, sogar eine Flasche mit Haar-/Duschgel hängt am Haken. Alle Achtung, das hat manches „bodenständige“ Hotel nicht zu bieten!
Abendessen im Bord Restaurant. Pasta oder Käseplatte, Nürnberger Würstchen oder lieber ein Süppchen? Während die Lichter der Städte vorbeiziehen, genehmigen wir uns noch ein Gläschen Wein und plauschen mit den Tischnachbarn. Wie sich herausstellt, alte Hasen in Sachen Autozug. „Lange Strecken fahren wir nicht mehr selbst – da lassen wir uns fahren.“ Gar nicht dumm.
Zeit für’s Bettgehen. Das wartet schon ausgeklappt mit Daunendecke und Leselicht. Idealer Termin zur kleinen Dichterlesung für den Nachwuchs, der ob der vielen neu gewonnen Eindrücke auch fluchs ins Land der Träume entschwebt.
AZ 1315 rollt in die Nacht hinein und die sanften Bewegungen des Zuges fangen an, ihre beruhigende Wirkung zu entfalten. Ob man wirklich nicht schlafen kann im Schlafwagen?
Leise ist es hier drinnen: Nur gedämpft dringen Rollgeräusche selbst bei hohen Geschwindigkeiten ins Wageninnere - und mischen sich mit dem leisen Rauschen der Klimaanlage zur typischen kleinen Nachtmusik auf Schienen, die die Fahrgäste mir nichts dir nichts in den Schlaf säuselt.
Mit dem Schlafwagen-Konzept hat die Bahn die Renaissance des Nachtreisens eingeläutet. Dem Geschwindigkeitsvorteil des Flugzeugs setzt sie einen Klassiker im neuen Gewand entgegen - und das Argument, dass die Reise im Zug die Übernachtung unterwegs spart. Und den Sprit, Maut, Abnutzung – und Nerven! Staus? Tja, die gibt’s auf der Schiene ebenso wenig.
Derzeit verbindet der DB Autozug deutsche Terminals mit Zielen in Österreich, Italien und Frankreich. Dazu kommen innerdeutsche Verbindungen von Hamburg, Hildesheim, Düsseldorf und Berlin nach München. Gebucht werden kann in zwei Kategorien. Denn der DB Autozug führt neben Schlafwagen, deren Abteile entweder mit Waschgelegenheit oder mit Dusche und WC ausgestattet sind, auch Liegewagen mit.
Irgendwo im Kopf ertönt ein Weckton. Der Zug steht. Aus einem Bahnhofslautsprecher dringen ungewöhnliche Laute ans Ohr, die wie Französisch klingen - was seltsam ist, denn auf deutschen Bahnhöfen wird in der Regel Deutsch gesprochen..... Auch die Tatsache, dass hinter dem Rollo unseres Abteilfensters offensichtlich längst wieder die Sonne aufgegangen ist, stimmt verwunderlich. War die Nacht so kurz? Eben gerade haben wir noch den Bahnhof Mainz passiert – das hier aber ist eindeutig Avignon. Narbonne ist nur noch eine gute Stunde entfernt und auf dem Gang riecht es verdächtig nach frischem Bohnenkaffee und knusprigen Brötchen. So schnell ist nicht einmal ein Flugzeug. Wir müssen doch tatsächlich kurz eingenickt sein...
Wir duschen uns noch alle genüsslich und dann steht ein deftiges Frühstück im Bord Restaurant an.
Pünktlich um 10:08 Uhr rollt AZ 1315 im Bahnhof von Narbonne ein.
Fazit: Wir freuen uns zwar alle auf unseren Urlaub an der spanischen Costa Blanca, die nur noch „einen Steinwurf“ entfernt ist. Da bleibt uns dann genügend Zeit, langsam die Vorfreude auf die Rückfahrt aufzubauen. Auf eine gemütliche Nacht im fahrenden Hotel zurück nach Hause.
Infos zum Autoreisezug findet man im Internet unter
www.dbautozug.de
Und die Fahrkarte kann man sich auch gleich am heimischen PC ausdrucken!




streckenposten sagte vor 3 Jahre 41 Wochen:
Danke für den heißen Tipp Frank. Habe die Preise mal gecheckt. An manchen Terminen fast billiger als selber fahren - und definitiv bequemer. Und Maut, Stress und Autoschlangen lassen sich so ja ein gutes Stück umgehen!
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Sabine sagte vor 3 Jahre 47 Wochen:
Hallo Frank,
arbeitest du bei der Deutschen Bahn? ;-)
Ich bin mal vor Jahren mit einem Schlafwagen gefahren und war durch das Geschaukel "seekrank". Ich konnte mich nicht hinlegen. Ich habe die Nacht nur igendwie sitzend hinter mich gebracht. Gott war mir übel. Aber vielleicht hat sich das ja nun geändert und die neuen Schlafwagen rütteln nur noch gemächlich. Wäre wünschenswert.
Gruß,
Sabine
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peter_pfaender sagte vor 3 Jahre 48 Wochen:
Na, über diesen PRima Beitrag freut sich die dbautozug aber sicher gewaltig.
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Rosario sagte vor 3 Jahre 49 Wochen:
Hallo Frank!
Klingt interessant. Ein Autozug für lange Strecken ist sicher überlegenswert. Was hat denn die Fahrt Düsseldorf–Narbonne gekostet?
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