Leser-Reportagen
Segeln mit dem Schutzgott des Meeres
Vom Nordausgang der Amsterdamer (http://www.amsterdam.info/) Centraal Station sind es nur wenige Schritte bis zum Fähranleger. Die kleine Autofähre (http://www.gvb.nl/english/travellers/transporttypes/Pages/ferries.aspx) hat heute gut zu tun, um die Besucher des Großseglertreffens Sail 2010 (www.sail2010.nl) zum Wohngebiet auf der Nordseite des Flusses IJ überzusetzen. Mit mäßiger Fahrt bahnt sich das Schiff einen Weg durch das Gewusel an großen und kleinen Wasserfahrzeugen, deren Besatzungen und Gäste sich bestens gelaunt an Deck zeigen. Wie beim Start zu einem Marathonlauf dauert es am anderen Ufer eine Weile, bis sich die Menschenmenge auf der Fähre in Richtung Land in Bewegung setzt. Ich bahne mir meinen Weg in Richtung der Liegeplätze für die großen Schiffe, vorbei an der Musikbühne, dem Info-Pavillon der niederländischen Marine und den vielen Futterbuden. Rechterhand passiere ich den in Elsfleth beheimateten Dreimaster "Großherzogin Elisabeth" (www.grossherzogin-elisabeth.de) mit immerhin schon über 100 Jahren auf dem Buckel. Ein paar Schritte weiter begrüße ich die Galionsfigur unter dem weit ausladenden Bugspriet "meines" Schiffes. Es ist zugleich der Namensgeber des Schiffes, der Schutzgott des Meeres "Dewaruci" (www.dewaruci.net). Es dauert noch eine Weile, bis ich mit meinem Gepäck durch das Gedränge an der Gangway an Deck gelangt bin, wo mich der wachhabende Offizier abfängt. Über einen mitfahrenden Gast sei er nicht informiert, und die SMS des Kapitäns auf meinem Handydisplay beeindruckt ihn nicht. Der Kapitän sei gerade an Land zum Captain's Dinner, also müsse ich bis zu seiner Rückkehr oben an Deck warten.
Hier drängen sich die Besucher des Segelschulschiffes der indonesischen Marine zwischen den Masten, Niedergängen, Podesten und den Souvenirtischen, um sich einen guten Platz für die Folklore- und Musikdarbietungen der Kadetten zu sichern. Dieses Spektakel findet hier und in anderen Häfen Europas alle fünf Jahre statt, wenn die großen Segelschiffe dieser Welt sich zwischen den untereinander ausgetragenen Regatten (www.sailtraininginternational.org) bei den Tall Ship Events dem Publikum zu zeigen. In der Regel sind die Schiffe beim sogenannten "Open Ship" tagsüber für jedermann zu besichtigen.
Mich zieht es in dieser Woche hierher, um an Bord der 58 Meter langen indonesischen Barkentine "KRI Dewaruci" die Auslaufparade über den IJ bis zur Schleuse in IJmeuden und anschließend entlang den friesischen Inseln zur Sail in Bremerhaven mitzusegeln.
Das "Seite pfeifen" mit der Bootsmannspfeife kündigt das Eintreffen einer wichtigen Person an. An Deck erscheinen Kapitän Suharto und der für die Kadetten zuständige Ausbildungsoffizier Andike. Der Wachhabende berichtet über die Vorkommnisse an Bord während deren Abwesenheit und zeigt auf den neu eingetroffenen Gast. Ein freundlicher Händeschlag, "Welcome on board" und schon geht es mitsamt Gepäck unter Deck in die Offiziersmesse. Inzwischen ist es eine Stunde vor Mitternacht und seit knapp zwei Stunden Zeit für das Fastenbrechen im Fastenmonat Ramadan. Ein Crewmitglied bringt uns leckeren Fisch auf Reis, mit Gemüse und reichlich scharfer Sambalsauce, dazu einen heißen Tee und ein Glas Wasser zum Neutralisieren der Schärfe.
Der Kapitän bzw. Kommandant fragt nach meiner Beziehung zu seinem Schiff. Von dem hatte ich erstmals im Jahr 2003 gehört. Damals kam das 1953 in Hamburg gebaute Schiff zu seinem 50jährigen Geburtstag für einige Tage nach Hamburg. Ein indonesischer Studienfreund aus der maritimen Industrie hatte mich damals gebeten, mit den Kadetten an Bord in einer Nacht-und-Nebel-Aktion einige deutsche Seemannslieder einzustudieren, damit beim Auslaufen die richtige Abschiedsmusik erklingt. In der Schleuse zum Nord-Ostsee-Kanal war meine Reise damals leider zu Ende.
Seitdem habe ich mich ein wenig mit der Geschichte des Schiffes befasst und Interessantes über die Beziehung zu Deutschland herausgefunden. Das Segelschulschiff wurde bei H.C. Stülcken Sohn im Hamburger Hafen gebaut, an einem Ort, der jedem Hamburg-Besucher sofort ins Auge fällt. Gegenüber den Landungsbrücken steht heute der gelbe Zeltbau des Musicaltheaters, in dem seit Jahren der "König der Löwen" aufgeführt wird.
Im Jahre 1952 tauchte bei der Werftdirektion ein gewisser August Friedrich Hermann Rosenow auf. Der 1892 auf der Insel Usedom in Swinemünde geborenen Leutnant zur See kam nach Ausbruch des Ersten Weltkriegs mit einem deutschen Kriegsschiff nach Sumatra, wo dieses interniert wurde. Er beschloss im damaligen Niederländisch Indien zu bleiben und wurde nach Kriegsende zunächst holländischer Staatsbürger. Einige Male zog es ihn zurück in die alte Heimat, wie 1929, als er auf Usedom seine Frau kennenlernte. Bei einer weiteren Deutschlandreise erkrankte eine der beiden Töchter an Malaria und blieb zum Auskurieren bei der Großmutter an der Ostsee. Das Schicksal und der Zweite Weltkrieg waren schuld daran, dass Kapitän Rosenow seine Tochter erst nach 16 Jahren wiedertraf, als er mit einem jungen Marineoffizier nach Hamburg kam, um im Auftrag des ersten indonesischen Präsidenten Sukarno, zu dessen maritimem Berater Rosenow damals wurde, nach der Unabhängigkeit von den Niederlanden für die neu gegründete Marine ein Segelschulschiff bauen zu lassen.
Der Rest könnte aus einem Hollywood-Film stammen: Zwischen dem Jungkapitän und Rosenows Tochter funkt es und beide nehmen zwecks Eheschließung den nächsten Flieger nach Indonesien, während sich der Vater um die Bauaufsicht und anschließende Überführung des Schiffes nach Südostasien allein kümmert. Auf der Ahnentafel aller bisherigen Kommandanten steht Rosenow noch heute ganz oben. Rosenows Urne wurde 1966 von einem Marineschiff aus auf hoher See in der Sundastraße bestattet. Sein Schwiegersohn zog nach der Zeit bei der Marine von 1957 bis 1966 in den Dschungelkrieg und starb 1989.
Geblieben ist die nach dem indonesischen Schutzgott des Meeres benannte „Dewaruci“. Das Ausbildungsschiff für etwa 80 Kadetten, die mit ihren schmucken Uniformen und ihrem musikalischen Repertoire in allen Häfen ein Hingucker sind, ist in Indonesien eine Art Nationalheiligtum. Nur ein kleiner Teil der Bewerber hat eine Chance, eine Ausbildungsreise mitzumachen und kann anschließend auf eine Offizierskarriere bei der indonesischen „Armada Laut“ hoffen.
Ich bekomme eine Koje in der ohnehin schon engen Kabine eines der Offiziere zugewiesen. An den Garderobenhaken hat Andre seine verschiedenen Uniformen hängen, und auf den Schreibtisch passt gerade mal ein Mini-Notebook. Für einen Stuhl mit Rückenlehne ist kein Platz, ein karg gepolsterter Hocker muss reichen. Von der Decke strahlt kaltes Neonlicht in den Raum, angenehmer sind da schon die mit Glühlampen bestückten Leseleuchten am Kopfende der Kojen.
Kurz nach vier Uhr nachts werde ich durch eine Lautsprecherdurchsage aus dem Schlaf gerissen. Verzerrt verstehe ich etwas von "Shower, shower" und denke an das Wecken der Kadetten mit dem Aufruf zum kollektiven Duschen. Später erklärt man mir, dass der frühmorgendliche Weckruf "Sahur, sahur" im Ramadan der Aufruf zum letzten Mahl in der Morgendämmerung ist, bevor dann für 16 Stunden gefastet wird. Obwohl die überwiegende Mehrheit der 180 Mann an Bord dem Islam angehören, befinden sich auch Hindus, Buddhisten und Christen auf dem Schiff und zur Frühstückzeit können sich Hungrige in der Pantry mit Reis, Omelett, Chicken Wings und anderen Leckereien bedienen.
Am Vormittag macht sich ein Teil der Besatzung auf den Weg, um die Innenstadt Amsterdams zu erkunden. Ich kaufe mir vor dem Hauptbahnhof für 6 Euro eine Tageskarte für die Straßenbahn. Auf dem Flohmarkt am Waterlooplein treffe ich etliche Besatzungsmitglieder wieder, denen es dort die Stände mit gebrauchten Fahrrädern angetan haben. Die Bandbreite beginnt bei etwa 70 Euro und für 550 Euro werden einige hochaktuelle Bikes mit Titanrahmen und E-Motor angeboten. Neupreis im Internet 3800 Euro. Alle Räder werden laut Händler mit Papieren verkauft, denn der Handel mit gestohlenen Rädern wird hart bestraft. Das fast neuwertige Titan-Elektro-Bike kostet am Ende der Verhandlungen nur noch 350 Euro. Für die Indonesier sind die Preise attraktiv, und so wechselt manches Gefährt vom Waterlooplein auf die "Dewaruci", wo die Räder bis zur Rückkehr in der Heimat unter den Deckbalken aufgehängt werden. Wieder zurück an der Centraal Station, setze ich meinen Fußmarsch in östlicher Richtung fort, wo weitere Großsegler vor der neuen Musikhalle und den Neubauten des sich anschließenden Java Eiland mit den teuren Apartmenthäusern besichtigt werden können. Zwischen den unzähligen Fastfood- und Getränkeständen findet sich etwas versteckt sogar ein Fischverkäufer mit den typischen "Nieuw Haring" und gewürfelten Zwiebeln. Inzwischen habe ich das Hafenbecken mit unzähligen großen und kleinen Schiffen umrundet, darunter auch etliche Replikabauten wie die aus Schweden stammende "Götheborg" (http://www.soic.se/). Unweit der Hauptbühne vor dem Riesenrad warten schon Hunderte Besucher auf die Fähre über den IJ. Es dauert eine Weile für die wenigen hundert Meter Strecke, bis sich das Schiff leer auf die Rampe schiebt. Fahrgäste werden während der Sail nur in einer Richtung mitgenommen, um so den Verkehrsfluss zu regulieren und eine tragische Massenkollision wie bei der Loveparade in Duisburg zu verhindern. Wieder bahnt sich der Fährmann mit Fingerspitzengefühl den Weg durch die dicht gedrängten Boote und Großsegler, die sich schon jetzt eine gute Position für das abendliche Feuerwerk sichern wollen.
Auf der "Dewaruci" hat die Mannschaft die Vorbereitungen für den Empfang des indonesischen Botschafters weitgehend beendet und an der Gangway warten schon die ersten Gäste auf Einlass. Ich drängle mich mit einigen anderen Mannschaftsmitgliedern vorzeitig an Bord, um mich für große Party frisch zu machen. Eine Dusche wie bei uns üblich gibt es an Bord nicht. Stattdessen wird mit einer Plastikkelle kühles Wasser aus einem Bottich geschöpft und über den Körper geschüttet. Zur Feier des Tages ziehe ich mir ein traditionelles Batikhemd über. An Deck kündigt die Bootsmannspfeife das Erscheinen seiner Exzellenz des Botschafters an. Für Junus Effendi Habibie, den jüngeren Bruder des früheren Staatspräsidenten, ist der Besuch an Bord eine Herzensangelegenheit. Vor über fünfzig Jahren war er selbst Kadett an Bord dieses Schiffes. Nach seiner Ansprache legen die Kadetten mit ihrer Folklore-Show und Tänzen aus verschiedenen Regionen Indonesiens los, begleitet von zahlreichen Trommlern und der Band. Zum Ufer hin bleiben einige Meter an der Reling frei, so dass auch das Publikum an Land auf seine Kosten kommt. Allmählich betrachten die Gäste das Büffet als eröffnet und verteilen sich mit ihren Tellern über das Deck. Als der Botschafter sich auf den Heimweg in seine Residenz macht, strömen weitere Besucher an Bord und versuchen sich an einem Tanz, bei dem die Offiziere den Rhythmus vorgeben. Erst gegen Mitternacht wird es oben ruhiger, während unter Deck das Abendessen für die Besatzung wartet.
Nach einem weiteren Tag mit "Open Ship" heißt es am Montag 10 Uhr Abschied nehmen von Amsterdam. Der Lotse erscheint mit Frau, Sohn und Neffe an Bord, ebenso noch einmal der Botschafter und der Gouverneur der Marineakademie (http://www.aal.ac.id/) in Surabaya (http://www.sparklingsurabaya.com/), die sich mit ihren Frauen von jedem einzelnen Kadetten verabschieden und gute Wünsche mit auf den Weg geben. Auf Kommando erklimmen die in blaue Paradeuniformen gekleideten Kadetten ihre Positionen auf den Masten und Rahen, und unten an Deck legt sich die Kapelle ins Zeug. Die niederländischen Navy gibt von Land aus einige Salutschüsse ab, und unter dem Sirenengeheul der uns begleitenden Schiffe geht es am Bahnhof vorbei flussabwärts in Richtung IJmuiden. An der berühmten Schleuse, die in den Niederlanden in einem Lied besungen wird, warten schon die im Lied erwähnten jungen Damen auf den Anblick der schmucken Seemänner. Auf der anderen Seite der Schleuse wird nochmal festgemacht, um die Segel so zu sichern, dass sie bei dem sich ankündigenden Starkwind keinen Schaden nehmen.
An der Ansteuerungstonne verlässt uns endgültig der Lotse und wir nehmen bei zunehmendem Wind und Wellengang Kurs auf Bremerhaven. Vor den friesischen Inseln baut sich allmählich eine hohe Dünung auf und wer nicht unbedingt an Deck zu tun hat, verkriecht sich unter dasselbe. Der Wetterbericht meldet für die Nacht neun Beaufort und in der Offiziersmesse geraten nicht nur die Stühle ins Rutschen. Mit dem Zangengriff der linken Hand werden Teller und Trinkgefäß gleichzeitig festgehalten und mit der rechten das Esswerkzeug zum Munde geführt. In meiner Kabine sorgt ein nicht vollständig abgedichtetes Bullauge für eine unerwartete Befeuchtung des Fußbodens, was ich aber erst bemerke, nachdem ich mich, aufgeweckt durch das "Sahur, sahur" aus dem Lautsprecher, in Richtung WC auf den Weg mache. Inzwischen wurde die Maschine gedrosselt, um etwas gemächlicher gegen die See anzukämpfen. Bei Tagesanbruch ist das Schlimmste überstanden und an Deck kehrt wieder Alltag ein. Einige Kadetten treten mit ihren braunen Uniformen zum Navigationsunterricht auf der Brücke an und üben sich im Lesen der Seekarten und in der Handhabung von Zirkel und Kursdreieck. Die anderen spannen Strecktaue über das Deck zwischen dem Vor- und dem Großmast und hakten sich mit ihren um den Bauch gebundenen Sicherungsgurten dort ein, um sich musikalisch auf den Besuch in Bremerhaven vorzubereiten, ohne dabei über Bord zu gehen. Mit Pauken, Trommeln, Trompeten und Glockspiel intonieren die Kadetten ihr Repertoire, angereichert um einige deutsche Titel wie "Seemann, lass das Träumen" und "Lilli Marleen" just in dem Moment, als das Schiff an Steuerbord die Insel Langeoog passiert, wo die Sängerin Lale Andersen lange Zeit lebte und jetzt begraben ist.
Inzwischen haben wir über Mobiltelefon Kontakt zum Botschafter, der mit Bremerhavens Oberbürgermeister die Ankunft des Schiffes erwartet, und über UKW-Bordfunk Kontakt mit der Leitzentrale aufgenommen, um einen Lotsen anzufordern. Die Lotsen sind wegen der zur Bremerhavener Sail (www.bremerhaven.de/meer-erleben/sail-bremerhaven/sail-2010/) anreisenden Großsegler alle im Einsatz, weshalb wir außerhalb der Fahrrinne auf Reede über Nacht ankern sollen. Das passt nur gar nicht in die Planung des Kommandanten, die sturmbedingte Verspätung wieder aufzuholen und halbwegs zeitig festzumachen. Nach einigen Telefonaten von höherer Stelle mit der Leitzentrale ist dann doch irgendwann ein Lotse zur Stelle und das Schiff kurz nach Mitternacht am richtigen Liegeplatz fest vertäut. Der Botschafter und der Vertreter der Seestadt Bremerhaven machen dem Kapitän ihre Aufwartung ausgeschlafen am kommenden Vormittag, und binnen weniger Stunden ist die "Dewaruci" wie in Amsterdam der Publikumsliebling der Besucher. Unter Deck sind seitdem einige Fahrräder und sogar ein Surfbrett hinzugekommen.
Inzwischen hat die "Dewaruci" das indische Mumbai verlassen und Kurs auf Colombo genommen. Urlauber auf Sri Lanka haben ein letztes Mal die Gelegenheit für "Open Ship".
© 2010 K. Neumann







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