Leser-Reportagen
BALKANFAHRT
Ostermontag, 21.04.2003
Um 7 Uhr 30 setzte ich mich daheim in Traunstein(Obb.) in mein Auto und startete Richtung Kroatien. Dubrovnik, am südlichsten Zipfel war mein Ziel. Zwanzig Minuten später war ich schon in Österreich. Um die Maut für das Tauerntunnel zu sparen, fuhr ich Landstraße über Obertauern bis Rennweg. Weiter Autobahn Villach - Klagenfurt - Völkermarkt. Bei Lavamünd passierte ich die Grenze zu Slowenien. Weiter nach Celje, von dort ostwärts bis Rogatec. Dort Einreise nach Kroatien. Nahm die Autobahn Richtung Zagreb und fuhr daran vorbei. Gegen halb fünf nachmittags hatte ich vom Fahren genug und es wurde Zeit, sich um die Übernachtung zu kümmern. Bei Kutina verließ ich also die Autobahn. Konnte zum Glück mit Euro bezahlen, denn ich hatte an der Grenze keine Kuna eintauschen können. In Kutina hatte ich schnell ein Hotel ausfindig gemacht (Hotel Kutina). Es sah ziemlich schäbig aus, aber ich konnte mit Kuna zahlen und das Zimmer war ganz ordentlich. Es gab sogar funktionierendes Satelliten-TV und Geld konnte ich auch wechseln. Außerdem lag das Hotel auch recht zentral.
Machte dann gleich mal einen Erkundigungsspaziergang, um mir die Füße zu vertreten nach der langen Fahrt. Gönnte mir einen Capuccino. Da ich genügend Verpflegung dabei hatte, gab´s im Hotelzimmer das Abendessen. Danach spazierte ich nochmal in der Umgebung rum und setzte mich auf ein Bierchen in ein Cafe.
In Kärnten hatte es geregnet, in Slowenien war´s sonnig gewesen und hier war´s bedeckt aber relativ warm, so um die 20°C. Mit dem Hotel"Kutina" hatte ich wieder ein Näschen gehabt. Der Tag war überhaupt gut gelaufen. Verkehrs- und straßenmäßig keinerlei Probleme. War
615 km gefahren. So um halb neun ging ich zurück ins Hotel, da ich nun saumüde war. Das Haus wurde gerade renoviert und ich war vermutlich der einzige Gast.
Dienstag, 22.04.03
Schlief ganz gut. Nach dem Frühstück (Schinkenomelett) besorgte ich mir an der Rezeption kroatische Kuna. Gegen 8 Uhr 30 war ich wieder unterwegs. Bei der nächstbesten Tanke kaufte ich vorsichtshalber einen Liter Motorenöl. Gut 60 km benutzte ich wieder die Autobahn. Landschaftlich keine Hingucker. Bei Ausfahrt Okucani verließ ich die Autobahn. An der letzten Tankstelle vor der bosnischen Grenze ließ ich den Tank nochmal vollmachen, inklusive Reservekanister. In Bosanska Gradiska überquerte ich den Fluß Save und war damit nun in Bosnien. Irgendwie beschlich mich langsam ein mulmiges Gefühl. Warum, konnte ich nicht definieren. Bis Banja Luka herrschte ein reger Verkehr. In den Ortschaften, die ich durchquerte, sah ich zahllose kleine Läden, Cafes, auffallend viele Autowaschstationen. Das meiste in ziemlich verwahrlosten Zustand. Banja Luka selbst kam mir so unwirtlich , runtergekommen vor, daß ich überhaupt keine Lust auf eine Pause verspürte. Ich machte, daß ich aus dieser Stadt rauskam.
Bald danach zog sich die Straße entlang dem Fluß Vrbas durch tiefe, gewundene Schluchten. Mir kam das Buch von Karl May, "In den Schluchten des Balkan", in den Sinn, daß ich als Junge begeistert gelesen hatte. Der Zustand der Straße war überraschend gut. Eine Kurve folgte der anderen. Kaum Verkehr. Eine kurze Mittagspause machte ich auf einem der Stadt Jaice gegenüberliegendem Parkplatz. Dort sah ich nun zum ersten Mal massive Kriegsschäden. Ausgebrannte Ruinen, gesprengte Häuser, unten im Flußbett rostende Fahrzeugwracks. Die schier endlose Kurverei ging dann weiter entlang des Flußes, dessen Ufer, und nicht nur diese, völlig mit Plastikabfällen verdreckt waren. Überall wilde Müllkippen und Dreckhalden, zerstörte Häuser und Ruinen. Ein paar Begegnungen mit SFOR-Konvois. Ansonsten sah ich kaum Menschen. "Was habe ich hier eigentlich zu suchen?", ging mir öfters durch den Kopf. Irgendwann entschied ich, nicht nach Sarajevo, sondern gleich bis Mostar zu fahren. Zwischen Bugojno und Jablanica wand sich die Straße einen wilden Pass hinauf, dann wieder runter in tiefe Schluchten. Trotz der Beanspruchung lief mein kleiner Wagen wie geschmiert - zum Glück! Eine Panne in dieser Gegend wäre das Allerletzte gewesen, was ich gebraucht hätte. Einmal kam ich an großen Stauseen vorbei, in denen Forellen gezüchtet wurden.
Gegen 15 Uhr 30 erreichte ich schließlich Mostar. Wollte dort übernachten. Also Quartiersuche auf gut Glück. Im erstbesten Hotel, ein ziemlich neues Haus, erkundigte ich mich, aber 82 Euro war mir zu teuer. Fuhr weiter Richtung Stadtzentrum und stand bald vor dem Hotel "ERO". Nach Anfrage schlug ich dort zu. Für 40 Euro bekam ich ein sauberes, komfortables Zimmer mit Frühstück. Wichtig - auch einen eingezäunten und bewachten Parkplatz gab es. Dort standen einige Fahrzeuge mit internationalen Kennzeichen und UNO-Jeeps rum.
Nachdem ich das Zimmer bezogen hatte, ging ich gleich noch in die nahe Altstadt. Die berühmte steinerne Brücke war ja leider von Granaten zerstört worden. Die Rekonstruktion war gerade im Bau. Zahlreiche Cafes und Bars hatten geöffnet, aber außer den vielen SFOR-Soldaten gab es kaum Gäste zu sehen. Sich hier als Tourist zu bewegen, war irgendwie ein sonderbares Gefühl. Die Kriegsschäden waren auch nach fast zehn Jahren kaum beseitigt worden. Ganze Wohnblocks, entlang dem Fluß Neretva, der die Stadt in ein moslemisches und ein serbisches Viertel teilte und der im Bürgerkrieg Hauptkampfzone war, lagen noch in Schutt und Asche. Jede Menge Ruinen, gekennzeichnet mit "Danger Of Life - Mines". Ein bedrückender Aufenthaltsort. Passend dazu das Wetter. Den ganzen Tag war der Himmel mit dunklen Wolken überzogen. Es hatte auch einige Male kurz geregnet. Abends blieb ich im Zimmer und versuchte die Eindrücke des Tages zu verarbeiten. Ich wollte mir gar nicht vorstellen, was im Bürgerkrieg hier alles passiert sein mußte.
Mittwoch, 23.04.03
Da ich ein fleißiger Ansichtskartenschreiber bin, hatte ich tags zuvor Karten und Briefmarken im Moslemviertel
gekauft. Nach dem Frühstück wollte ich sie im um die Ecke
gelegenen Postamt aufgeben. Die Frau am Schalter klärte mich umständlich mit ein paar Brocken Englisch auf, daß die Briefmarken nur im Moslemviertel auf der anderen Seite der Neretva gültig seien und ich die Karten auch dort zur Post bringen müßte. Jenes Postamt lag im Serbenviertel und dort gab es eigene Marken und es wurde auch nur serbische Post befördert. War doch irre!! Mußte also nochmal in den "richtigen" Stadtteil gehen.
Gegen 9 Uhr 30 saß ich wieder im Auto und suchte mir den Weg raus aus Mostar in Richtung Küste. Schon etwas außerhalb der Stadt wollte ich auf einen Hügel rauffahren, um nochmal einen Ausblick auf die Stadt zu genießen, aber der schmale Weg endete an einem Minenfeld. Nichts wie weg!
Für die Fahrt zum Tagesziel Dubrovnik wählte ich nun eine Nebenstrecke entlang des Velez-Bergmassivs und dann durch das Zalomska-Tal. Ich genoß diese Fahrt, auch in der Gewißheit, daß ich mich auf mein Auto verlassen konnte. Zwischen Blagaj und Gacko kam ich gut voran. Die schmale Straße war in relativ gutem Zustand. Kaum Verkehr. Einsame, karstige Höhenzüge. In der Ferne schneebedeckte Berge. Menschenleer wirkende, traurige Dörfchen. Ein grünes, ursprüngliches Flußtal mit kleinen Schafherden und Rindern. Trotz Sonnenschein war es ziemlich kühl, wenn ich hin und wieder anhielt, um die Stille und diese friedliche Landschaft zu genießen.
Bei Gacko endete diese Idylle. Ein riesiger Kohletagebau, überragt von einem gewaltigen Kraftwerkskühlturm verschandelte die Gegend.
Ab da bewegte ich mich zur dalmatinischen Küste hin. Bis Trebinje führte die Straße immer entlang der Grenze zur autonomen serbischen Provinz Montenegro. Zwischen Bileca und Orah tolle Ausblicke auf den Bilezcko Jezero Stausee. Trebinje lag wunderschön in einem weiten Tal. Ich ließ dann einen jungen Anhalter einsteigen, der kurz vor der Grenze wieder raus wollte. Die Grenzposten am bosnisch-kroatischen Übergang waren ziemlich behelfsmäßig, aber ich konnte ohne Probleme passieren. Am späteren Nachmittag blickte ich schließlich von der Küstenstraße auf Dubrovnik hinunter.
Nun brauchte ich ein Zimmer, möglichst nah an der Altstadt. Fuhr also Richtung Zentrum und parkte erst mal in Hafennähe. Zu Fuß machte ich mich auf die Suche. "Sobe"- Zimmer- wurden überall angeboten. Bei der dritten Nachfrage wurde ich fündig. Gleich außerhalb der Stadtmauer. Frau Vukic vermietete mir für 20 Euro eines ihrer Zimmer, inklusive Benutzung ihres Privatbades. Das gefiel mir weniger, aber ok! Lage und Preis waren in Ordnung. Mit viel Glück ergatterte ich dann sogar vor dem Haus einen Parkplatz. Nun war ich versorgt. Die Alte lud mich auf ein Bier ein, das wir bei einer mühsamen Unterhaltung auf dem Balkon tranken.
Zum Abendessen kehrte ich gepflegt in einem der zahlreichen Lokale in der Altstadt ein.
Donnerstag, 24.04.03
Obwohl das Bett viel zu weich war, hatte ich ganz gut geschlafen. Frau Vukic servierte mir Kaffee. Der Himmel war blank. Sonnenschein. Aber es wehte ein frischer Wind. Den ganzen Tag verbrachte ich in der wirklich sehenswerten Altstadt. Die Kriegsschäden waren dort längst beseitigt worden. Auf der Stadtmauer konnte man die ganze Altstadt umrunden. Ich ließ mir gute zwei Stunden Zeit dazu. Jede Menge Touristen waren unterwegs. Viel Jungvolk. Ein Plakat im Fenster eines kleinen Reisebüros erweckte meine Aufmerksamkeit. "Tagestour nach Montenegro incl. Mittagessen für 38 Euro". Ich überlegte nicht lang und buchte. Zum Abendessen leistete ich mir eine Pizza. In der Hauskneipe trank ich vor dem Schlafen noch ein Bier.
Freitag, 25.04.03
Hatte eine lausig unruhige Nacht hinter mir. Ständiger Lärm von der Straße, vor allem das Rumgegröhle von Besoffenen bis in die Morgenstunden, raubte mir den Schlaf. So bestieg ich etwas unausgeschlafen gegen 7 Uhr den Bus, der mich vor dem Haus abholte. Es wurden noch einige Hotels abgeklappert, um weitere Gäste aufzunehmen. Zwei nette, Englisch sprechende Girls waren die Reiseleitung. Wir fuhren in Richtung Süden, vorbei am Flughafen bei Cavtat. Eine knappe Stunde später erreichten wir die Grenze zur Republik Montenegro. Die Formalitäten dauerten etwas. Wir bekamen sogar einen Einreisestempel in den Pass gedrückt.Die erste Stadt war Hercig-Novi. Dann ging es kurvenreich weiter, entlang der Bucht von Kotor, bis zur gleichnamigen Stadt. Eine bezaubernde Landschaft.
Erster Aufenthalt in Kotor mit Besichtigung der interessanten Altstadt und des bunten Treibens auf dem Fischmarkt. Von Kotor führte eine unglaublich spitzkehrige, enge, steile Straße bis auf 1.300m Höhe den Lovcen-Paß hinauf. Wie der Busfahrer die Kurven meisterte war echt bewundernswert. Die Aussicht auf Kotor und die Küste war phantastisch. Im Dorf Njegusi war Brotzeitpause. Weiter ging die Tour nach Cetinje, der früheren Hauptstadt des bis 1918 unabhängigen Königreiches Montenegro. Das bedeutet "Schwarze Berge" und das konnte man gut sehen auf dieser Strecke. Ein Land wie ein Steinbruch und leider auch, wie in Bosnien, allerorten wilde Müllhalden. In Cetinje besichtigten wir im Schnelldurchgang den ehemaligen Königspalast. Heute ein wenig informatives Museum. Auch sonst machte die Stadt nicht viel her.
Dann wieder endlose Kurverei runter bis auf Meereshöhe nach Budva, einem malerischen Städtchen mit netter Strandpromenade und gemütlicher Altstadt. Dort wurde nochmal eine Kaffeepause eingelegt, bevor die Rückfahrt angetreten wurde. Der Bus fuhr über Tivat nach Lepetane, von wo aus wir eine Fähre benutzten, um nach Kamenari zu gelangen. Die Überfahrt dauerte nur zehn Minuten und ersparte uns den langen Rückweg rund um die Bucht von Kotor. Am frühen Abend waren wir dann zurück in Dubrovnik.
Zum Abschluß dieses unterhaltsamen, aber auch anstrengenden Tages genehmigte ich mir noch einen Restaurantbesuch. Danach war ich absolut bettreif.
Samstag, 26.04.03
Frisch und ausgeschlafen stand ich gegen 6 Uhr 30 auf. Frau Vukic servierte mir noch Kaffee und ich verabschiedete mich herzlich von meiner netten Vermieterin. Dann saß ich wieder in meinem Auto und los ging`s auf der Küstenstraße in Richtung Norden. Für mich war das nun nicht mehr "terra incognita". In vergangenen Jahren hatte ich schon mehrmals die kroatische Küste bereist, auch als es den Staat Jugoslawien noch gab.
Zufrieden gab ich Gas, denn eine weitere Woche Urlaub lag noch vor mir.
Copyright by: Text und Fotos: Josef Stadler





















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