Leser-Reportagen
UKRAINE - Reise nach Jalta
Schon lange wollte ich einmal auf die Krim reisen und Jalta besuchen, diese doch etwas abseits der üblichen Reiserouten gelegenen Stadt am Schwarzen Meer.
Nun hatte ich Anfang Mai eine einwöchige Gruppenreise dorthin gebucht.Eine Gruppenreise ist normalerweise nicht mein Ding, aber in diesem Fall war es einfach praktischer und preiswerter gewesen, denn Visum, Unterkunft, Transport usw. waren geregelt und vor Ort konnte ich mich ja wieder selbstständig machen.
War mit dem Zug von München nach Frankfurt gefahren. Dort hatte sich mittags die Reisegruppe getroffen und nach einem dreistündigem Flug mit einer Boeing 737 der "Ukraine International" waren wir in Simferopol, im Zentrum der Halbinsel Krim gelandet. Trotz Visum, Einreiseerklärung und Zolldeklaration zog sich die Paßkontrolle ewig hin. Unangenehme Erinnerungen an frühere Reisen hinter den "Eisernen Vorhang" wurden in mir wach. Vor der schäbigen Ankunftshalle wartete dann bereits der Bus, der die Gruppe ins Hotel nach Jalta bringen sollte. Aus nicht ersichtlichen Gründen verzögerte sich die Abfahrt um eine weitere Stunde. Für die zirka 100km lange Fahrt über das Jaila Gebirge brauchte der Bus fast zwei Stunden, bot aber recht abwechslungsreiche Aussichten auf die Landschaft. Schließlich erreichten wir am frühen Abend unser Hotel.
Das Hotel "Jalta" war ein riesiger Komplex mit 16 Etagen und 2.230 Betten. Inmitten des Massandra Parks gelegen, war der 150m entfernte Kieselstrand nur über einen Lift zu erreichen.
Mein Zimmer lag im fünften Stockwerk, mit tollem Ausblick vom Balkon. Es war ordentlich und sauber, aber bieder eingerichtet und ein bißchen schäbig. Es roch nach abgehalftertem Sozialismus. Das traf für das gesamte Hotel zu, wie ich im Lauf meines Aufenthaltes feststellen konnte. Das Gros des Personals paßte leider auch in dieses Schema, aber ich wunderte mich nicht darüber. Wenn man täglich den Unterschied zwischen
"reichen" Touristen und dem eigenen dürftigen Dasein realisieren muß, ist das ganz sicher nicht einfach. Und das Hotelpersonal gehörte ja sogar noch zu den Priveligierten, weil sie einen Job hatten und auch die Möglichkeit zu manchem, für sie lukrativen Nebenerwerb.
Leider gab es in der Reisegruppe auch einige "nette Personen", die sich den betuchten "Westler" so richtig raushängen ließen. Für die diversen Bars und Restaurants im Hotel brauchte man aber auch einen dicken Geldbeutel, denn das Preis-,Leistungsverhältnis hatte doch starke Schlagseite in Richtung Preis.
Das Hotel "Jalta" liegt etwa eine halbe Gehstunde östlich der Stadt. Von ein paar Mitreisenden, die schon öfters hier gewesen waren, hatte ich beim Frühstück Tips bekommen, um mich besser allein bewegen zu können. Ich geriet gleich mitten in den Sonntagsmarkt. Eine buntes Durcheinander zwischen Lebensmittel-, Kleider- und Flohmarkt. Auch die Geschäfte waren geöffnet und gleich neben dem Platz, auf dem eine Leninfigur von einem Sockel winkte, wurde ein Stück Straße geteert. Ich spazierte rum und bestaunte den Betrieb. An einem LKW stand eine Schlange von Kunden um frische Tomaten an. Weißkohl, Zwiebel, Kartoffeln wurden lautstark von derben Bäuerinnen angeboten. An einem einfachen Stand lagen die Teile eines frisch geschlachteten Schweines zum Verkauf. Der blutige Saukopf grinste mich traurig an. Ein runzeliger Alter hatte eine kleine Pyramide von Katzenfutter in Dosen aufgebaut. Ob die Käufer den Inhalt wirklich an Katzen verfütterten? Ein paar Meter weiter waren ölige Ersatzteile von Motoren auf dem Boden ausgebreitet.
Was mich sehr berührte, war der Anblick einer alten, ärmlich gekleideten Frau, die verschämt auf einem Holzstuhl saß und stumm einige kleine Gewürzgurken und einen welken Strauß selbstgepflückter Wiesenblumen anbot. Niemand beachtete sie. Ich gab ihr einige Griwna und nahm dafür die Blumen und die Gurken.Ich wollte ihr das Gefühl geben, ein Geschäft gemacht und nicht gebettelt zu haben. Sie lächelte freudlos und sagte etwas, das ich nicht verstand. Sie schämte sich wohl, daß sie das nötig hatte. In welchem Wohlstand leben wir im Vergleich!
Jalta ist der größte, bekannteste und älteste Badeort auf der Krim. Es liegt im Halbrund an einer tiefen Meeresbucht an den Ausläufern des Jaila Gebirges. Es gibt jede Menge Sanatorien, Erholungsheime, Hotels und Kureinrichtungen. Die bewaldeten Berge schützen Jalta vor kalten Nordwinden und vom Wasser her zieht stets eine salzhaltige Brise durch die Straßen, die alle zur Uferpromenade führen. Die zieht sich an der Bucht entlang
vom Hafen bis zum Gagarin Park am Meer. Sie ist sehr belebt und Cafes, Bars und Shops liegen dort dicht nebeneinander.
Wunderbar konnte ich bei einer Tasse Kaffee das Treiben
auf dem Kai beobachten. Auffallend die vielen, oft geschmacklos aufgebrezelten jungen Damen im Schlepptau ihrer Begleiter mit Bodybuilderfigur, die mit protzigen Ringen und schweren Goldketten ihre finazielle Potenz zur Schau stellten, aber gleichzeitig in diesen lächerlichen Trainingsanzugsimitaten von Adidas oder Nike eine Witzfigur abgaben. Hey, war das nicht Popeye Klitschko? Aber jedem das Seine!
Zwischen Kai und Wasserlinie gab`s einen ungepflegten Kiesstreifen, auf dem sich ungeniert dickleibige, weißhäutige Urlauber wie Walrosse in der gar nicht so warmen Sonne wälzten. Als ich genug von der Fleischbeschau hatte, unternahm ich eine Gondelfahrt auf den Darsan Hügel. Die gesamte Seilbahn machte einen wenig vertrauenerweckenden Eindruck, aber ich erreichte ohne Probleme den Aussichtspavillon. Jalta lag mir zu Füßen und der weite Blick auf`s Meer war toll.
Eine Bootsfahrt zum "Schwalbennest" am Kap Ai-Todor gehört unbedingt zum Besichtigungsprogramm. Etwa zwanzig Minuten tuckerte das Boot entlang der Küste zu der Anlegestelle unterhalb des kleinen Märchenschloßes, daß zirka vierzig Meter über dem Meer auf einer Felsnase klebt. 1912 hatte es ein betuchter Russe für seine Geliebte erbauen lassen. Heute beherbergt es(leider)ein Cafe.
Wenn man an der jüngeren Geschichte Interesse hat, so sollte man auf keinen Fall eine Führung durch den Livadija Palast versäumen. Der Sommersitz des letzten russischen Zaren ist umgeben von einem herrlichen Park.
Im Februar 1945 fand dort die Jalta Konferenz mit Stalin, Roosevelt und Churchill statt, die nach dem Krieg die Teilung Europas in Ost und West zur Folge hatte. War irgendwie ein seltsames Gefühl, sich auf so geschichtsträchtigem Boden zu bewegen.
Nennen wir sie mal Norbert und Lothar,die zwei älteren Gentlemen aus dem Raum Aschaffenburg, bei denen ich am Frühstückstisch saß. Sie waren schon des öfteren in Jalta gewesen, wie sie mir erzählt hatten. Warum, darüber ließen sie mich im Unklaren. War mir auch egal. Jedenfalls hatten sie mir angeboten, sie auf eine Fahrt nach Sewastopol zu begleiten, wo sie "etwas zu erledigen" hatten. Ich nahm dieses Angebot natürlich erfreut an, denn dies war eine einmalige Gelegenheit, in diese bis vor einigen Jahren für Touristen absolut gesperrte Stadt zu kommen. Dort lag nämlich die russische Schwarzmeerflotte vor Anker.
Igor war der Mann einer Hotelangestellten, der mit seinem Privatauto nach Bedarf Gäste rumkutschierte. Zu weit besseren Konditionen, als der vom Reiseleiter angebotenen Ausflugspakete. Wir verließen Jalta in nordwestlicher Richtung und Igor bog bald ab auf eine schmale, holprige, sich in unzähligen Serpentinen durch Laubwald schlängelnde Bergstraße. Wir saßen anscheinend im einzigen Fahrzeug, das unterwegs war. Leider war es so neblig, daß kaum etwas von der Landschaft zu erkennen war. Erst nachdem wir nach einer guten Stunde Fahrt auf etwa 1.100 Meter Höhe das Hochplateau des Ai-Petri Bergmassivs erreicht hatten, war eine tolle Sicht auf die Hochebene und die jetzt unter uns liegenden Nebelschleier möglich. Ein kurzer Stopp an einem Weltkrieg II Partisanendenkmal. Dann führte auf der anderen Seite des Plateaus eine gleich miserable Piste wieder bergab. In dem Kaff Peredovoje machten wir einen kurzen Halt, da sich die beiden Herren etwas zu Trinken kauften. Ich war von der Rückständigkeit dort sehr beeindruckt. Leider wurde das Wetter schlechter. Es fing zu regnen an. Igor quälte seine Kiste noch mindestens eine Stunde durch die gebirgige, später hügelige Landschaft, bis wir die Vororte von Sewastopol erreichten. Wir steuerten das Stadtzentrum an, wo Norbert und Lothar mit einem Antiquitätenhändler irgendwelche Deals machten. Nach einer Stunde wollten wir uns wieder treffen.
Ich spazierte am Hafen rum, aber dort gab es nicht viel zu sehen und überall verboten Hinweisschilder das Fotografieren. Außerdem regnete es noch immer. Auf der anderen Seite des Hafenbeckens gab`s eine ganze Reihe kaum besuchter Cafes und Imbißbuden. Oberhalb der Promenade dagegen, in einem Parkgelände, wimmelte es nur so von Kindern und Jugendlichen. Viele trugen Uniformen. Es war der Tag der "jungen Pioniere", wie ich später von Igor erfuhr. Ich genehmigte mir ein giftgrünes,komisch schmeckendes Eis und dann tauchten die beiden Herren wieder auf, mit Igor im Schlepptau. Der hatte als Dolmetscher fungiert. Sie hatten einige eingeschnürte, verschieden große Päckchen dabei. Sie redeten mit mir nicht darüber, aber ich hörte sie schimpfen, daß die Preise so gestiegen seien. In einer entfernt an McD... erinnernden Imbißbude machten wir noch eine kurze Pause. Ich trank einen Becher Kaffee, der abscheulich schmeckte und an der heißen Marmelade des Krapfens verbrannte ich mir auch noch das Maul. Danach machten wir uns wieder auf den Rückweg. Extra wegen mir machten sie noch einen Abstecher zum Armee-Museum am Sapus Berg. Dort waren Geschütze, Panzer und andere Gerätschaften aus der Schlacht um Sewastopol
zu sehen. Für die Rückfahrt wählte Igor nun einen kürzeren Weg, der allerdings nicht ungefährlich war, denn an vielen Stellen war der Seitenstreifen weggebrochen und es war sehr neblig. Aber am frühen Abend waren wir unbeschadet in Jalta zurück.
Ich nahm am nächsten Tag nochmal die Dienste von Igor in Anspruch. Diesmal für mich allein. Er brachte mich nach Alupka zum Woronzow Palast. Ich mischte mich dort unter eine russische Reisegruppe. Das ersparte mir das Eintrittsgeld, aber ich verstand kein Wort. Für was hatte ich einen Reiseführer? Der Palast, erbaut 1828 - 1840, beherbergt heute ein Museum und liegt in einem gepflegten Park, der bis zum Meer reicht.
Zum Mittagessen lud mich Igor in sein Haus ein, daß irgendwo in den Hügeln über der Ortschaft Mischor stand.
Er machte eine Griessuppe und eine Art Krautwickerl warm, die seine Frau, die im Hotel Jalta arbeitete, vorbereitet hatte. Es schmeckte besser als es aussah. Igor war ein Typ, der überall seine Finger im Spiel hatte. Überall Beziehungen und Verbindungen und er dachte immer nur an "business". Er war allerdings auch fleißig und er war mit Sicherheit dort ein priveligierter Mann. Trotzdem war sein Haus für unsere Maßstäbe eine ziemliche Bruchbude. Wie hausten dort dann die Unterpriveligierten? Bei einem Tauschgeschäft luchste er mir schließlich für eine Flasche Rotwein eine Jeans und zwei T-shirts ab.
Nach der Mahlzeit chauffierte er mich in das zirka 15km östlich von Jalta gelegene Städtchen Gurzuf. Auch ein Kurort am Meer mit schwarzem Kieselstrand und malerischer Kulisse. Auf den ersten Blick eine Idylle, aber auf den zweiten war es schäbig, heruntergekommen, abgewirtschaftet. Kaum Kurgäste zu sehen. Tote Hose.
Igor verlangte 25 Euro für seine Dienste, bevor er mich zurück zum Hotel brachte.
Am Abend vor dem Rückflug nach Frankfurt meldete sich auf einmal Norbert wieder bei mir. Er fragte, ob ich nicht eines dieser obskuren Päckchen, die sie von Sewastopol mitgebracht hatten, in meinem Gepäck unterbringen könnte. "Ist nur eine billige, kleine Ikone". Natürlich lehnte ich dieses Ansinnen ab. Hielt der mich wirklich für so bescheuert?
Und tatsächlich hatten die Zöllner den lieben Herrn Norbert am nächsten Tag am Wickel. Warum sie ausgerechnet ihn beim Einchecken kontrollierten? Mit einer gewissen Schadenfreude beobachtete ich, wie sie ihn samt Koffer in ein Büro führten. Der Reiseleiter wurde ganz aufgeregt aktiv, aber vor dem Abflug sah ich keinen Norbert mehr. Sein Spezl, der Lothar, sah etwas blass aus und er verhielt sich sehr ruhig und unauffällig. Wie diese Geschichte für Norbert wohl ausgegangen ist? Keine Ahnung.
Für mich endete jedenfalls, ohne Zwischenfälle, eine interessante Reise.
Copyright by: Text und Fotos: Josef Stadler























Tiki sagte vor 3 Jahre 41 Wochen:
freue mich schon auf die Fortsetzung...
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