Leser-Reportagen
ISRAEL - "Denk ich an Jerusalem..."
VORGESCHICHTE
Vor 33 Jahren unternahm ich meine erste große Auslandsreise. Diese natürlich nur für mich bedeutungsvolle Jahreszahl nehme ich zum Anlass, ein paar Bilder und Eindrücke von damals aufzuarbeiten. Seither bin ich viel in der Welt herumgekommen, aber dieser Trip ins Heilige Land war für mich ein besonderes Erlebnis und wird auch immer etwas Besonderes bleiben.
Ich war damals 21 Jahre alt und warum ich mir ausgerechnet Israel als Ziel ausgesucht hatte, weiß ich heute nicht mehr so genau. Ich weiß nur, daß ich dahin reisen wollte, wo noch keiner aus meinem Freundes- oder Bekanntenkreis gewesen war. Ach ja, und ich hatte damals gerade „Die Quelle“ von James A. Michener und „Exodus“ von Leon Uris gelesen. Diese Bücher hatten mich stark beeindruckt und sicher auch meine Reisepläne beeinflußt.
Ich mußte damals, an einem Samstag Morgen im Juli zuerst mit der Bahn nach Frankfurt fahren und zwar allein, weil keiner von meinen Freunden Zeit, Lust oder Geld gehabt hatte, mit mir diese Reise zu unternehmen. Auch war ich nicht gerade in bester Verfassung, da ich in der Nacht erst gegen 3:00Uhr morgens von einer Party heimgekommen war. Der Freund meiner Schwester rettete mir den Urlaub, weil er mich aufgeweckt und gerade noch rechtzeitig zum Bahnhof gebracht hatte. Meine Utensilien hatte ich schon tags zuvor gepackt.
Der Frankfurter Flughafen war riesig und verwirrend für mich. Ich war ja zuvor erst einmal von dem vergleichsweise provinziellen Flughafen München-Riem gestartet. Flug mit EL AL nach Tel Aviv und zwei Wochen Hotel in Jerusalem, so hatte ich gebucht. Die Gepäck- und Personenkontrollen waren peinlich genau und wurden von israelischen Sicherheitsleuten durchgeführt. Im Gedächtnis ist mir geblieben, daß einer der Kontrolleure sogar in der Niveadose mit einem Metallstift umrührte. Schließlich wurden die Passagiere mit Bussen zu der von Grenzschutz bewachten und abseits auf dem Flugfeld geparkten Boeing 747 gebracht.
Der Flug dauerte etwa vier Stunden. Gegen 21:30Uhr die Landung in Tel Aviv. Dort ging die Abfertigung schneller voran, trotzdem dauerte es eine Weile, bis ich die Reisetasche und meinen allerersten Visastempel im Reisepass hatte. Ein junger Mann von der Reiseagentur wartete schon und nach einer Stunde Fahrt mit dem Bus war ich dann im Hotel „SHALOM“ in Jerusalem angekommen. Es war fast Mitternacht, als ich mein Zimmer im zehnten Stockwerk bezog.
JERUSALEM
Die folgenden Tage verbrachte ich mit Spaziergängen, hauptsächlich in der Altstadt. Ich war im Basar unterwegs, bestaunte dort die für mich gänzlich unbekannte orientalische Welt. Arabische Händler, jüdische Kaufleute, Touristen aus aller Herren Länder. Ein babylonisches Gewimmel. Ich war abends im Hotel oft ganz erschlagen von den unzähligen Eindrücken. Einen ganzen Tag lang trieb ich mich am Haram esh-Sharif, dem ehemaligen Tempelplatz vor der Klagemauer herum und beobachtete dort das Geschehen. Natürlich besuchte ich den Tempelberg mit dem imposanten Felsendom und der Al-Aqsa-Moschee. Im christlichen Viertel schaute ich u.a. die Grabeskirche und die Zitadelle an. Im Muslimischen Viertel durchstreifte ich einen Großteil der Via Dolorosa, hin bis zum Damaskustor. Ich wanderte durch das kleine Kidrontal, das den Tempelberg und die Altstadt im Westen und den Ölberg im Osten voneinander trennt. Auf dem Weg hinauf zum Ölberg kam ich im Garten Gethsemani an uralten Olivenbäumen vorbei und an der farbenfrohen „Kirche der Nationen“. Von oben war der Ausblick auf das in der Hitze flimmernde Alt-Jerusalem sehr imponierend.
Ich schaute mir aber auch das Parlamentsgebäude, die Knesset an. Im Israelischen Nationalmuseum verbrachte ich einen halben Tag und dem Park am Mount Herzl stattete ich einen Besuch ab. Zwischen meinen Aktivitäten legte ich aber immer genügend Pausen am Hotelpool ein, denn die enorme Hitze jeden Tag war ich einfach nicht gewohnt. Ich wollte aber nicht zwei Wochen lang nur in Jerusalem herumspazieren und so buchte ich an der Rezeption drei Ausflüge mit„Egged-Tours“. Dieses Unternehmen bot Tagestouren und mehrtägige Busreisen in ganz Israel an.
TOUR ANS TOTE MEER
Schon einen Tag später saß ich frühmorgens mit einer amerikanischen Reisegruppe in einem klimatisiertem Bus. Wir fuhren an Jericho vorbei, immer abwärts durch kahle Hügellandschaft bis zum Toten Meer. Ein kurzer Halt bei den Ruinen von Qumran.
Weiterfahrt bis nach Massada unmittelbar entlang dem Salzmeer. Eine beklemmende und fremdartige Umgebung. Die ehemalige jüdische Festung befindet sich am Südwestende des Toten Meeres und das über 400m hoch gelegene Plateau war mit einer Seilbahn zu erreichen. Jede Menge Busse standen bei der Talstation und es herrschte ein reger Betrieb, obwohl die Sonne gnadenlos runterbrannte. Die Fahrt hinauf zur Festung dauerte nur ein paar Minuten. Die Aussicht auf das Tote Meer war grandios, die schattenlosen Ruinen dagegen interessierten mich nicht so sehr.
Nach etwa einer Stunde war die Führung zu Ende und wir bekamen die Gelegenheit, ein Bad in den salzigen Fluten zu nehmen. Ein außergewöhnliches Erlebnis bei einer Wassertemperatur von gut 30°C und einem Salzgehalt von 28%.
Unsere Reisegruppe fuhr danach zurück in die Oase En Gedi am Westufer des Toten Meeres. Dort wurde Mittagspause gemacht. Anschließend fuhren wir ein paar Kilometer weiter ins Nature Preserve des Kibbuz. Im Nachal (=Tal) David konnte man an einem Bachbett entlang, durch einen dichten Schilfgürtel, bis zum Schulamit-Wasserfall hinaufsteigen. Das Wasser stürzte in mehreren Kaskaden in beckenartige Mulden. Dort tummelte sich die Jugend des Kibbuz. Ein wunderbarer Ort inmitten der ausgebrannten Steinwüste. Nach dieser erholsamen Pause wurden wir zurück zu den Hotels gebracht.
TOUR DURCH GALILÄA
Die Teilnehmer bei diesem zweitägigen Ausflug waren bunt gemischt. Franzosen, Amis, ein paar Deutsche, Japaner. Wieder ging´s zuerst nach Jericho, dann weiter nördlich, entlang des Jordan-Tales bis Beit Shean. Dort besichtigte die Gruppe ein gut erhaltenes Amphitheater aus der Römerzeit. Weiter bis Tiberias am See Genesareth, dem tiefstgelegenen Süßwassersee der Erde (-212m). Ein zünftiges Mittagsbuffet erwartete uns dort in einem Restaurant direkt am See. Viele exotische Speisen und Früchte, die ich damals noch nicht kannte. Mein Hunger war aber nicht sehr groß, weil mir wieder die brutale Hitze zusetzte. Der nächste Stop war das Bergdorf Safed, wo wir eine Synagoge besuchten. Am frühen Abend erreichte die Reisegesellschaft dann den Kibbuz Ayelet Hashahar. Dort wurden wir in einfachen Gästehäusern einquartiert. Ich teilte das Zimmer mit einem japanischen Lehrer. Für mich jungen Kerl war das natürlich sehr lehrreich, mit allen möglichen Leuten in Kontakt zu kommen. Nach dem Abendessen konnte man sich in der Siedlung, die in einer gartenähnlichen Anlage mit einem großen Gemeinschaftshaus lag, frei umsehen. Auch die Häuser der Kibuzzniks waren offen. Sehr interessante Ein- und Ansichten gewann ich damals.
Nach dem ausgiebigen Frühstück am frühen Morgen saßen wir bald wieder im Bus. Durch die Siedlung Rosh Pina ging es auf die Golanhöhen zu. Bald wurde das Land wild und unkultiviert. Dann ging es los mit Stacheldrahtverhauen, Schützengräben, Bunkern, zerschossenen Gebäuden, rostenden Wracks. Drei Jahre nach dem Jom-Kippur-Krieg sah es dort noch schrecklich aus. Auf einem Hügel hatte man inmitten von Minenfeldern und Bunkern ein Denkmal für dort gefallene Israelis erbaut. Ich war damals gerade bei der Bundeswehr und diese Bilder machten mich ganz schön betroffen. Von diesem Hügel hatte man aber auch einen wundervollen Blick auf das grüne, fruchtbare Hule-Tal.
Bei Quneitra fuhr der Busfahrer bis auf einige hundert Meter an die syrische Grenze heran. Ein zerstörtes Fabrikgebäude und eine mit einem Steinwall versperrte Straße bildeten den von UNO-Truppen kontrollierten Grenzposten. Es ging weiter auf einer hügeligen Hochebene bis zu dem Kibbuz El Rom, eine von Stacheldraht und Wachtürmen eingezäunte Oase mit Blumen geschmückten Luftschutzkellern, in einem öden Schlachtfeld. Von El Rom führte die holprige Straße nur einige Kilometer weiter zu dem beliebten Ausflugsziel Birket Ram. Ein kleiner See und der höchste Punkt des Golan, der Mount Hermon (2.814m) bildeten die friedliche Kulisse. Das dortige Rasthaus war der nördlichste Punkt der Tour, nahe am Dreiländereck Libanon, Syrien und Israel.
Danach fuhren wir auf kurvenreicher Straße bis zum Fluss Banyas, einem der drei Quellflüsse des Jordan. In einem Naturbecken bekamen wir Gelegenheit, uns in dem klaren Wasser zu erfrischen.
Die weitere Fahrt, immer entlang der libanesischen Grenze durch das Hule-Tal, zurück bis Ayelet Hashahar war wegen der Hitze ziemlich ermüdend. In dem Kibbuz, in dem wir übernachtet hatten, wurde nun Mittagspause gemacht.
Letzter Halt nach längerer Fahrt am See Genesareth entlang war die Stadt Nazareth. Die Verkündigungskirche durfte ich dort deswegen nicht betreten, weil ein Wärter meinte, meine Shorts seien zu kurz!
Die Tourteilnehmer wurden nun so nach und nach auf der Rückfahrt über Hadera, Natanya und Tel Aviv an ihren Hotels abgesetzt. Erst am späteren Abend war ich, ziemlich erledigt, wieder zurück im Hotel in Jerusalem.
Zwischendurch fuhr ich mit einem Linienbus für einen Tag nach Tel Aviv. Von der zweitgrößten Stadt Israels bekam ich nicht sehr viel zu sehen, denn ich verbrachte die meiste Zeit am Strand. Ich genoss die lockere Atmosphäre, die Sonne und das warme Meer.
TOUR ANS ROTE MEER
Drei Tage vor Ende meines Urlaubs war ich nochmal mit dem Bus unterwegs. Elat, an der Südspitze Israels war das Ziel. In Beersheva stieß noch ein weiterer Teil der Reisegruppe, aus Tel Aviv kommend, dazu. Im Kibbuz Sde Boker war dann der erste Halt. Dort liegt das Grab von Ben-Gurion, der an diesem Ort gelebt hat und dessen Haus nun als Museum dient.
Nächster Stop in der ehemaligen Karawanenstadt Avdat. Gelegenheit zu einer kurzen Besichtigung der Ausgrabungsstätten. Avdat lag einst direkt an der legendären Weihrauchstraße.
Die Fahrt durch die Wüste Negev war ein echtes Erlebnis. Ich war fasziniert von der Landschaft. Berge, Wadis, Täler und Ebenen in allen erdenklichen Farben und Formen. Bei Kfura führte die Piste über einen Gebirgsrand runter in ein weites Tal, in dessen Mitte die Grenze zu Jordanien verlief. Eine Fahrtunterbrechung machten wir bei Timna, wo es die antiken Kupferminen des König Salomon zu bestaunen gab. Ein echter Hingucker. Die ganzen Felsen in dieser Region schimmerten rötlich.
Gegen 17:30Uhr erreichten wir endlich Elat. Eine Wohltat der Sprung in den Hotelpool, nachdem wir eingecheckt hatten. Das “Laromme-Hotel“ stand in bester Lage direkt am Meer. Ich teilte das Zimmer mit einem älteren Franken. Jost hieß er. Ein typisch deutscher Nörgler, aber das war mir egal. Beim Abendessen hatte man von der Terrasse aus einen tollen Ausblick auf die glitzernden Lichter von Akaba auf der jordanischen Seite des Golfes und auf die vor Anker liegenden Schiffe. Später am Abend kam ich dann noch mit Sigi, dem Reiseleiter, an der Hotelbar ins Gespräch. Sigi war Israeli mit deutschen Wurzeln. Für mich Jungspund war das damals sehr unterhaltsam. Die Nacht war unheimlich schwül und zu allem Überfluß schnarchte mein Zimmergenosse ein Loch in die Matratze. Ich schlief dementsprechend schlecht.
Am nächsten Vormittag stand für die Reisegruppe zuerst ein kurzer Trip zu einer fotogenen Bucht am Roten Meer auf dem Programm. Warum das Rote Meer so heißt blieb mir verschloßen, denn das Wasser war überall herrlich blau. Danach war Stadtrundfahrt angesagt mit Besuch einer Malachitschleiferei („Spottpreise meine Damen“) und dem Unterwasserobservatorium. Vor dem Lunch im Hotel hatte man noch Gelegenheit zum Schnorcheln.
Die Rückfahrt nach Jerusalem wurde dann leider eine echte Härteprüfung, denn nach etwa einem Drittel der Strecke fiel die Klimaanlage des Busses aus. Das bedeutete, daß die Temperatur auf fast 50° C kletterte. Eine ältere Dame bekam deswegen Kreislaufprobleme und der Fahrer mußte ein paar kurze Trink- und Abkühlpausen einlegen. Auch ich war am Ende der Fahrt richtig geschafft.
NACHWORT
Ich war damals ein völlig reiseunerfahrenes „Landei“ und deshalb hat sich diese 14tägige Urlaubsreise besonders eingeprägt. Viele Erinnerungen sind beim Lesen des Reisetagebuches und beim Schreiben dieses Berichts wieder hochgekommen. Israel war und ist sicher kein „einfaches“ Reiseziel, aber auf jeden Fall eine Reise wert. Ich bin leider nie mehr ins Heilige Land gekommen.
Es gab auch noch keine Digitalkameras. Ich habe seinerzeit mit einer ganz einfachen „Kodak Instamatic 50“ Dias gemacht. Diese sind mittlerweile auf CD gebrannt, aber die Qualität ist halt nicht so toll. Für mich aber sind die Bilder unvergesslich.
Copyright by: Text und Fotos , Josef Stadler







































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