Geheimnis Nagaland
Dichter, kalter Nebel liegt über den Langhäusern der Konyak. Es ist morgens gegen sechs Uhr und es wird noch eine halbe Stunde dauern, bis die Sonne über Myanmar / Burma aufgeht und auch die Berge des Nagalandes vom Nebel befreit und den Hochgebirgsdschungel aufheizt.
Wir, Uwe und ich, sowie unser gemeinsamer und langjähriger Freund Longshaw, wollen gemeinsam in das "Vergessene Dorf" laufen. Eine Strasse existiert nicht, es gibt lediglich einen Dschungelpfad und in 3 bis 4 Stunden sollen wir das Dorf erreichen.
Uwe und ich wissen von früheren Reisen, das unser Marschtempo anders sein wird. Unsere Film- und Fotoausrüstung geben wir nicht aus der Hand und so haben wir beide nur rund 5 kg zu "schleppen" - unser anderes Gepäck übernehmen die Träger und wir wissen: unsere Träger sind mindestens doppelt so schnell wie wir.
Nein, Zeit spielt zum Glück bei uns keine Rolle und so haben wir genügend Möglichkeiten, die näher Umgebung genau zu betrachten.
Hochgebirgsdschungel ist eine Besonderheit. Urwaldriesen von mehr als 40 Meter Höhe, dichtes drei und vier Meter hohes Farnkraut und unzähliche Schmarotzerpflanzen säumen unseren Weg. Vögel, wilde Affen und die unglaublich lauten Zikaden verleihem dem Dschungel einen ganz eigenen "audiovisuellen" Eindruck.
Unser Ausgangspunkt lag auf rund 1400 m Höhe ü.NN. Die Sonne ist nun schon längst am hohen Himmel, die Uhr zeigt 12 und unsere Träger sind schon lange nicht mehr zu sehen. Es ist heiss, es ist schwühl und das Wasser tropft an uns runter. Wir benötigen viel länger als geplant, denn die zu überwindende Strecke stellt sich für uns doch schwieriger dar als gedacht. Steile Berghänge hinauf und wieder runter, die feuchte Hitze trotz Schatten macht jeden Schritt schwer. Wir denken an Milada Ganguli und Christoph Fürer v. Haimendorf. Aus den alten Schriften weis ich, das auch sie vor 50 bzw 70 Jahren diesen Weg gegangen sind - damals allerdings immer noch unter dem Problem nicht wirklich willkommen zu sein. Denn das Gebiet, in welchem wir uns bewegen, gehörte über viele Jahrhunderte vielleicht sogar Jahrtausende zu den gefährlichsten Gebieten der Welt: die geführchteten Kopfjäger vom Stamm der Konyak haben hier ihr seit altersher ihr Stammesgebiet. Und weder den Briten noch den Japanern ist es gelungen, das Gebiet vollständig unter Kontrolle zu bringen. Aber dies ist eine andere Geschichte.
Erschöpft aber glücklich kommen wir am späten Nachmittag im "vergessenen Dorf" an.
Die Hunde wittern unsere Ankunft als erste. Kein menschliches Wesen ist zu sehen, Hunde kläffen uns aus den Hausumfriedungen an und ab und zu erblicken wir ein scheues Gesicht, welches gleich wieder verschwindet. Eine eigentümliche Stille liegt über dem Dorf.
Unsere Träger sind schon vor Stunden angekommen und erwarten uns bei einer befreundeten Familie. Erschöpft aber glücklich lassen wir uns nieder. Frisches Quellwasser wird uns gebracht und wir atmen erleichtert auf, denn das heisst, das wir willkommen sind. Wir verteilen Kekse und Schokolade und zögerlich kommen die Leute, insbesondere die Kinder zu uns. Nur die mutigsten wagen sich, einen Keks aus unserer Hand zu nehmen. Langsam aber sicher kommen immer mehr Menschen, bleiben erstaunt stehen und mustern uns von oben bis unten.
Wir machen Grimassen, verstecken unser Gesicht mit den Händen, schauen zwischen den Fingern durch und erschrecken wenn uns jemand anschaut und so langsam aber sicher tauen die Menschen auf, Gelächter auf beiden Seiten macht sich breit und der Bann ist gebrochen.
Wir werden nun ins Haus geladen, es riecht nach gebratenem Hühnchen, nach Gemüse und Reis und ein kleiner Tisch mit noch kleineren Hockern aus Bambus ist für uns bereitet. Herrlich ist es nach dem langen Marsch das überaus leckere Essen zu geniessen, auch wenn uns durch die schärfe des Fleisches das Wasser erneut aus allen Poren dringt, hier in den Begren gibt es das schärfste Chili der Welt wie sich nach unserer Rückkehr herausstellen wird ( But jolika chili)
Während dem Essen werden wir intensievst beobachtet. Alle stehen, sitzen oder liegen um uns herum und schauen uns gespannt zu. Longshaw, unser Freund, erzählt ihnen inzwischen wer wir sind. Ungläubiges Staunen folgt, als er beschreibt, wie lange wir gereist sind, um in dieses Dorf zu kommen. Im Gegenzug hält nun der Hausherr eine ausführliche Ansprache und dabei erfahren wir auch, das sich keiner der Einwohner daran erinnern kann jemals weisse Menschen gesehen zu haben. Wir sind scheinbar seit vielen Jahren die Ersten, die in dieses "vergessene Dorf" kommen. Und es wird uns immer wieder klar gemacht, wie sehr sie sich freuen.
Eine besondere Begebenheit, so wird uns erzählt, geschah vor einigen Jahren: das Dorf liegt unmittelbar im Grenzgebiet zwischen Indien und Myanmar, dem früheren Burma. Nun muss damals ein Hubschrauber der indischen Armee diese Gebiet überflogen haben. Als er am Himmel auftauchte liefen die Menschen in Panik davon, denn sie dachten nun würde Gott vom Himmel kommen um sie alle in die Hölle zu bringen. Christliche Missionare hatten bis in die 90ger jahre hinein immer wieder versucht, auch in den entlegensten Gebieten die Leute zu missionieren, was ihnen zum grössten Teil auch gelang aber nicht immer gut für das soziale Gebräge war. Doch auch dies ist eine andere Geschichte.
Wir verbrachten einen spannenden Abend bei unseren neuen Freunden. Wir teilten unseren Rumvorrat mit ihnen und erfuhren so manche schöne Geschicht aus dem Stammesleben.
Der nächste Tag begann mit viel Lärm vor dem Haus. Wer uns gestern nicht gesehen hatte, wolte uns heute sehen. Die Leute drängelten sich um uns. Alle wollten wenigstens unsere Haut berühren, rubbelten und zwickten daran herum, lachten und kicherten.
Den besonderen Abschluss machte der Besuch der "Schädelstätte". Von den christlichen Missionaren zwar verboten, wird noch immer den Ahnen gehuldigt. Die Schädel werden sorgsam aufbewahrt und nur bei speziellen Festen gezeigt. Unsere Anwesenheit war diesmal Anlass genug und wir durften die verborgen Plätze sehen und erhielten einen kleinen Einblick in das Stammesleben der Naga's.
Wir kammen als Fremde und gingen als Freunde. Und sollte es irgenwann die Zeit erlauben, so werde ich mich wieder auf den Weg machen und diese so gefürchteten Kopfjäger wieder besuchen.
Kolobah, August 2010








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