Leser-Reportagen
Im Seebad in Italien (Arenzano)
Für den Italienbesucher besteht Italien, das man wegen der Form das Landes auch Den Stiefel nennen darf, (während in Österreich die Bezeichnung Das Schnitzel nicht so gut rüberkommt, obwohl das Wiener Schnitzel der italienischen Schuhindustrie an Bedeutung kaum nachsteht,) aus 2 ganz verschiedenen Teilen: Dem Urlaubsort und dem Weg dahin. Und der Weg dahin führt über die Autobahn. Norditalien ist schließlich keine Bananenrepublik, auch wenn es sich gelegentlich als solche gebiert, sondern ein hochentwickelter Wirtschaftsstandort, der über mehr Wirtschaftskraft, was immer das heißen mag, verfügt als Westdeutschland. Das riecht man natürlich, und die Leitplanken an den Autobahnen sind daher auch mindestens 4-stöckig, so dass man kaum die hübsche Hügelchen mit den kleinen alten Dörflein sieht, die wie Inseln aus dem Meer der Scheußlichkeiten ragen. Alles, was jünger ist als 1920 ist ausnehmend hässlich. Moderne Architektur findet in Italien nicht statt. Nicht zufällig hat den Wettbewerb um die Rekonstruktion des Berliner Stadtschlosses ein italienischer Architekt gewonnen. Es gilt zudem generell eine generelle Generalamnestie für Schwarzbauten. Wenn dann im Erbebengebiet eine Schule zusammenfällt und 28 Kinder 4 Lehrer und den Hausmeister unter sich begräbt, und der Staatsanwalt eine Untersuchung startet, weil die Schule kürzlich aufgestockt wurde, so ist das dann als kleiner Scherz am Rande zu lesen.
Die Autobahn München – Lindau – Mailand - Genua führt, nach kurzer Zufahrt, auf nächstem Weg von meinem Wohnzimmer zum Meer, genau nach Arenzano nämlich. Arenzano liegt etwa 20 km westlich von Genua und ist das, was man unter einem italienischen Seebad verstünde, wenn man sich eines vorstellen würde:
Ganz außen befindet sich immer das Meer, dann kommt der Strand und oberhalb des Strandes die Strandpromenade mit ausreichend gemauerten und gekachelten Bänken, auf denen dann Rentner unter Palmen rumsitzen. Zwischen dem Meer und der Stadt verläuft die unvermeidliche Küstenstraße, die auf den Ansichtskarten immer so kunstvoll wegretuschiert wird, und die zu überqueren abenteuerlich ist. Über der Straße reihen sich Cafés und Pizzerien, ebenfalls mit Palmen, und in der Häuserreihe dahinter, in den oberen Stockwerken, sind die Hotels, in denen aber wegen des Lärms der Straße und der Cafés und Pizzerien bis 3 Uhr früh an Schlaf nicht zu denken ist. Trotzdem kommt für den klassischen Italienreisenden natürlich nur ein Zimmer ‚nach vorne hinaus‘ in Frage. Ganz links steht das Grand Hotel, vor dem ein Reisebus aus Cottbus steht, was darauf hinweist, dass in der Nebensaison die Zimmer an Reisegruppen verramscht werden, daneben das Hotel Metropol, dessen Eingangshalle an einen der Stände mit Putti, Elefanten und nackten Negerinnen erinnert, wie sie an Durchgangsstraßen zu finden sind. Im Hotel Regent sitzen in einer riesigen Halle in der Belle Etage lauter alte Italienerinnen, die nicht gestört werden möchten. Das Hotel Albatros hat blaues Licht in den Fluren, ähnlich gemütlich wie das blaue Licht in den Insektenfallen, und ein schönes Zimmer mit Meerblick, das durch eine versteckte Tapetentüre im Treppenhaus betreten wird. Das ist meins.
Hinter den Hotels verläuft die Bahnlinie, und hinter der Bahnlinie, das Gelände nun schon leicht ansteigend, liegt die Altstadt mit Läden, weiteren Pizzerien und Wohnungen, an denen Elektrodrähte herumhängen und Wäsche zum Trocknen. Hinter der Altsstadt liegt am Hang die Neustadt, mit weiteren Läden, weiteren Pizzerien und Wohnungen, an denen keine Elektrodrähte mehr herumhängen, aber weiterhin Wäsche zum Trocknen. Mitten durch das Neubaugebiet verläuft auf Stelzen die Autobahn. Hinter der Neustadt ist Schluss, die Berghänge sind herrlich unberührt, sie dienen nicht zur Naherholung, sondern werden von den Bewohnern nur betreten, wenn es Singvögel oder Wildschweine abzuschießen gilt.
Arenzano ist vor allem denen zu empfehlen, die der Meinung sind, früher sei eh alles besser gewesen. Da das aber kaum jemand denkt, ist auch die Gefahr, dass der Küstenstrich von jetzt an völlig überlaufen sein wird, gering. Es wird, wenn auf solch ein geradezu philosophisches Thema die Rede kommt, doch nur unverzüglich auf die harte Arbeit in den Kohlebergwerken im 19. Jahrhundert hingewiesen und auf die hygienischen Mängel am Hofe Ludwigs des Vierzehnten. Solcherlei durchsichtige Argumente lassen sich aber leicht mit Stichworten wie Hartz 4 oder Poollandschaft entkräften oder einer Schilderung von Kindern, die 12 Stunden am Tag den Inhalt der Container herstellen, die aus Asien kommend Genua anlaufen, und zu Zweiundzwanzigst im Schichtbetrieb in einem 11 qm großen Raum auf dem Betonboden schlafen, und sich bestenfalls einmal im Monat einen BigMac leisten können und jeweils zu zweit ein Mobiltelefon.
Als ich in die Volksschule ging, mussten wir etwa einmal pro Woche unter Androhung körperlicher Gewalt wie Tatzen den Film ‚Die Ferien des Monsieur Hulot’ ansehen, dessen Humor mir leider bis heute verschlossen blieb, aus dem mir aber der Brauch in südlichen Ländern bekannt ist, den Strand komplett mit kleinen Häuschen zuzubauen, in denen sich die Badenden unbehelligt umziehen können, ohne ihre Blöße der Welt kundtun zu müssen oder sich in lächerliche Säcke zu packen um darin Verrenkungen zu vollführen, und die dann in diesen Häuschen ihre Siebensachen von Diebstahl gesichert während der deshalb gänzlich ungetrübten Badefreuden aufbewahren. Halt, rufen jetzt die Sozialdemokraten, wenn schon die Vergesellschaftung von Grund und Boden nicht recht geklappt hat so sei doch der freie Zugang zu den Gewässern eine wichtige Errungenschaft des Kampfes der Arbeiterklasse um Licht und Luft. Geschenkt, antworte man gönnerhaft lächelnd, selbstverständlich sind in Arenzano weiterhin öffentliche Strandabschnitte ausgewiesen, der Strand ganz rechts, der Strand ganz links und sogar in der Mitte gibt es einen ca. 1 Meter sechzig breiten öffentlichen Strand, auf dem sich jeder zwischen Hundehaufen und Coladosen, die die ohne ausreichende Erfahrung im Umgang mit vergesellschaftetem Grund und Boden ausgestatteten Bürger und deren Hunde hinterlassen haben, sonnen kann.
Wer mal nicht faul am Strand liegen möchte, der kann auch eine Wanderung in die hinter der Stadt liegenden Berge unternehmen, von denen er auf den Strand hinunter sehen kann oder die erwähnten Schiffe beobachten kann, die den zwischen Arenzano und Genua liegenden Containerhafen Genua Volti anlaufen, rostig aussehende Riesen voll gepackt mit Containern, in denen lauter Sachen sind, mit denen dann die Chinaläden in den Hafenstädten beliefert werden, mit Flip Flops für 3 Euro, seidenen Schlafanzügen aus Polyester für 6 Euro und Hip-Hop-Hüten Modell 1989 für 4,50.
Die Chinesenläden in Genua befinden sich in den Straßen zwischen Bahnhof und Hafen. Hinter diesen Straßen, ebenfalls zwischen Bahnhof und Hafen, sind enge Gassen, die eine Brutstätte der Kriminalität oder vielleicht sogar Keimzellen internationalen Terrorismus sind und die zu durchschreiten nur demjenigen zu empfehlen ist, der an der Notwendigkeit der Wiederwahl der Regierungspartei Zweifel hegt, was aber ordentliche Italiener momentan sowieso nicht haben, denn auch die Italiener selbst bestehen aus 2 Teilen.
Wenn nämlich Dostojewskij in den Brüdern Karamasow schreibt, dass es viel leichter sei, seinen Fernsten zu lieben als seinen Nächsten, dass Letzteres gar gänzlich unmöglich sei, so zeigt das eigentlich nur, dass Dostojewskij nicht allzu viel rumgekommen sein kann; in Italien jedenfalls war er sicher nicht.
Der ferne, der gemeine, der namenlose Italiener, ist nämlich ein widerlicher Drängler und Raser vornehmlich in deutschen Mittelklassewagen der Premiumklasse – Audi, BMW, Mercedes - ein dummer, ungehobelter Zeitgenosse, der stets Berlusconi wählt - nicht obwohl kriminell bis auf die Knochen, sondern gerade weil, der Hund -, ein blöder eingebildeter Gockel, der meint, dick und hässlich wären keineswegs hinderlich für einen latinlover, der sich sonntags in Camouflage kleidet, in den Wald geht und alles abknallt, was ihm vor die Flinte kommt, und der am liebsten Fast Food und Packungen mit Fixundfertigpfannen in sich reinstopft,
während der nahe, der persönlich bekannte Italiener, der einen Namen hat, nie und nimmer Berlusconi wählen würde, wunderbar italienisch kocht, sehr nett ist, kreativ, dem Klischee entsprechend nicht immer ganz zuverlässig, aber lustig, hilfsbereit, gebildet und viel lockerer und pragmatischer als der oftmals zu Recht als unbeweglich und stur bekannte ferne gemeine und namenlose Deutsche.



toma (nicht überprüft) sagte vor 47 Wochen 1 Tag:
2x ja und 1x nein
Ja, vielen Dank dass Ihr Euch die Mühe gemacht habt, den Beitrag zu kommentieren, Feedback ist ein wichtiger Punkt einer Community,
ja, der Beitrag ist zu sehr Stakkato, die Form ist für für so ein Forum nicht geeignet, möglicherweise wäre er in Printform noch lesbar, am PC / Mac aber nicht mehr ordentlich.
Nein,wenn Assoziationsketten nicht akzeptiert werden weil in Reiseberichten nur Aussagen über Landschaft Wetter Essen und Befindlichkeit erwartet werden, oder wenn die Assoziationsketten kritisiert werden weil nicht kapiert, dann kann der Verfasser damit wenig anfangen und nichts daraus lernen.
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greekangel33 sagte vor 1 Jahr 20 Wochen:
Hmmmm.....Oliver so stimmt das auch nicht ganz...zum Lachen gibts hier drin jede Menge, nur muss ich sagen dass mir persönlich sowas wie dieser Bericht auch nicht unbedingt taugt, der hat hier schon irgendwie nix verloren... der wie du das ausdrückst, Stakkato macht das Ganze extrem mühsam zu lesen...
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Oliver Engelbrecht sagte vor 1 Jahr 21 Wochen:
Moin, Toma, mach Dir nix aus dem Krackowitzer Verriss an sich ... ich habe auch schon gemerkt, dass satirische Texte hier nicht von allen als solche erkannt oder goutiert werden. Aber Du haust da teilweise wirklich ein ganz schönes Stakkato raus, dass es schwierig ist, noch einigermaßen zu folgen ... kein Wunder, dass Dir Hulot nicht gefällt, der seine Pointen ja häufig recht genüsslich entwickelt und auswalzt.
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Peter Krackowizer (nicht überprüft) sagte vor 1 Jahr 23 Wochen:
Ein etwas eigenartig anmutender Reisebericht. Was macht beispielsweise der Satz über das Wiener Schnitzel hier? Ehrlich gesagt, verstehe ich nicht. Auch der Scherz am Rande mit dem Schul-Einsturz findet hier irgendwie nicht den passenden Platz in einem Artikel über einen Ort in Ligurien, das bisher noch von keinem, zumindest bekannt gewordenen, Erdbeben heimgesucht wurde.
Film "Die Ferien des Monsieur Hulo" und anschließende Sozialdemokraten kann ich auch nicht recht einordnen und die letzten beiden Absätze mit u. a. "...ein dummer, ungehobelter Zeitgenosse, der stets Berlusconi wählt.." lösen bei mir Kopfschütteln aus.
Irgendwas will Toma da mitteilen, allein, das WAS entzieht sich des Lesers Kenntnis...
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