Leser-Reportagen
„Bunkertours – die Touren auf den Spuren unserer Großväter“ - Der Ostwall in Polen 2004
„Bunkertours – die Touren auf den Spuren unserer Großväter“
Der Ostwall in Polen 2004
Von Eckhard Brand
Der erste Weltkrieg war vorbei, die Grenzen in Europa wurden neu geordnet und militärische Beistandsverträge zwischen den Großmächten geschlossen. Die deutschen Nachbarstaaten hatten aus dem ersten Weltkrieg falsche Schlussfolgerungen zum Schutz des nationalen Territoriums gezogen und versuchten sich in einer statischen Verteidigung gegenüber dem geschwächten Deutschland. Es wurde gebuddelt, gegraben und betoniert. In Frankreich die Maginot Linie und in Tschechien die Benes Linie.
Deutschland selber stand zwischen den beiden starken verbündeten Staaten Frankreich und Polen und durfte laut Versailler Vertrag nur 100.000 Mann unter Waffen haben. Also versuchte auch Deutschland sich zu schützen und so wurden in den 20iger Jahren ebenfalls gut ausgebaute Verteidigungslinien geplant. Der Westwall gegen Frankreich, der Ostwall mit dem Oder Warthe Bogen, der Pommernstellung und der Oderstellung gegenüber Polen.
Statische Verteidigungen haben einen großen Nachteil. Sie sind wie es das Wort schon zum Ausdruck bringt Statisch – an einen bestimmten Ort gebunden. Schon die Bauwerke der frühen Geschichte zeigten jedoch, das sie nur von kurzer Verteidigungswirksamkeit sind. Der Limes der Römer wurde genau so wie die große Chinesische Mauer überwunden, Verteidigungsanlagen des Mittelalters wurden belagert und eingenommen.
Gerade in den Jahren nach dem 1. Weltkrieg nahm die Mobilität in der Kriegsführung zu. Statt der gewohnten Pferde wurden Panzer und Flugzeuge entwickelt, die große Entfernungen in kurzer Zeit überwanden. Diese statischen Verteidigungen waren durch die Dynamik in der Kriegsführung und deren Mobilität längst überholt worden. Trotzdem wurde auf allen Seiten der verfeindeten Parteien auf Biegen und Brechen gebuddelt, gebuddelt und gebuddelt.
Der Ostwall, der Ende der Zwanziger Jahre geplant wurde, nahm ab 1934 seine Gestalt an. In den ersten 7 Jahren sollte eine rund 110 km lange und 3 km Tiefe Verteidigungslinie mit allen notwendigen Waffen im Wert von rund 600 Mio Reichsmark geschaffen werden. Unter strengster Geheimhaltung wurden im deutschen Reich die erforderlichen Arbeitskräfte rekrutiert, die zum angeblichen „Autobahnbau“ in die deutschen Ostgebiete beordert worden. Vorrang hatte die Verteidigung des so genannten „Lebuser Tores“, die direkte Einfallslinie der polnischen Armee rund 120 km ostwärts von Berlin entfernt.
Bis September 1939 war die Verteidigungslinie zu ca. 2/3 fertig gestellt. 87 Panzerwerke und rund 35 km Hohlgangsystem standen nun an der deutschen Ostgrenze. Verstärkt wurden diese Bunkerbauten durch hydrotechnische Anlagen, die ein großes Gebiet kurzfristig zu einem unpassierbaren Sumpf anwachsen ließ. An den wichtigsten Zufahrtsstraßen befanden sich Stände für 3,5 oder 5 cm PAK und die großen Panzerwerke besaßen schwere Maschinengewehre, automatische 5cm Granatwerfer und Festungsflammenwerfer, die weiträumige Gebiete um die Panzerwerke in Flammenmeere verwandeln konnten. Geplant waren darüber hinaus schwere Artillerie Batterien mit Kanonen und Haubitzen.
Von 1939 bis 1944 ruhten die Baumaßnahmen. Als sich der Krieg jedoch wieder den ehemaligen Ausgangspunkten näherte versuchte man fieberhaft diese Anlagen wieder wehrhaft zu machen. Erfolglos. Im Januar 1945 überquerte die Rote Armee ohne nennenswerten Widerstand diese immense Verteidigungslinie um Ende April 1945 Berlin einzunehmen und Deutschland zur Kapitulation zu zwingen. Somit war auch dieses Kapitel einer statischen Verteidigungslinie ein erfolgloser Versuch geblieben.
Nach 1945 wurden die Anlagen durch die russische Armee als Lager von Waffen und Munition genutzt. Nach dem Abzug der Russen bediente sich die polnische Armee an den Hinterlassenschaften der Deutschen und anschließend nahm die polnische Bevölkerung die Liegenschaften in Beschlag. Jetzt wurde alles was noch vorhanden war demontiert und als Schrott zu Geld gemacht.
Heute sind noch viele der betonierten Stellungen in den Wäldern des Oder Warthe Bogens auszumachen und in einige dieser Bunker kommt man problemlos hinein. An einigen wichtigen, zentralen Komplexen der Anlage werden organisierte Führungen angeboten. Diese sind gut gestaltet und dienen dem besserem Verständnis der hier gebauten Komplexe. Andererseits ist es auch gefährlich auf eigene Faust in die unterirdischen Systeme einzudringen. Überall lauern Gefahren. Unter den Panzerwerken befinden sich tiefe Schächte von bis zu 40 m. Wer dort fahrlässig und unverantwortlich handelt kann schnell zu Schaden kommen.
Nachdem wir uns die Bunkerbefestigungen des Atlantikwalls in Dänemark und Frankreich angeschaut hatten, finden wir 2004 schnell ein neues Ziel, den Oder Warthe Bogen im heutigen Polen. Unsere für drei bis vier Tage geplante Tour beginnen wir mit einer geführten Besichtigung in der Burschenschleife.
Die Burschenschleife ist ein unterirdisches Bauwerk in der unmittelbaren Nachbarschaft der Ortschaft Burschen. In gut 30 m Tiefe sollte die kasernierte Unterbringung von Personal, Technik, Munition, Ausrüstung und Versorgungsgütern ermöglicht werden. Oberirdisch war eine feuerstarke 3 x 15 cm Haubitzenbatterie geplant. Die Burschenschleife ist mit den anderen Bauwerken des Oder – Warthe Bogens durch ein Hohlgangsystem verbunden welches durch Berliner U-Bahnbauer geschaffen wurde. In diesen betonierten, eiförmigen Gängen führt der schmale Schienenstrang einer von Akkumulatoren betriebenen Bunkerbahn entlang. Unter dem Schienen eine weitere Meisterleistung der Ingenieurbaukunst, die Entwässerung der Anlage. Mit einem Gefälle von 3 ‰ plätschert noch heute gut hörbar das Wasser unter den Gleisen entlang. Dadurch konnte bis heute die Trockenheit der Anlage gewährleistet werden. Nur an einigen Stellen gibt es mutwillige Zerstörungen der Dränage und sofort steht die Feuchtigkeit im Gang. Nicht nur die Dränage wurde an einigen Stellen zerstört, sondern auch die Ausstattung und Einrichtung. An einigen Orten wurden Bohrungen und Sprengungen vorgenommen, da fleißige Schatzsucher noch Wertgegenstände der Nazis vermuten. Die Hirngespinste gehen sogar soweit, dass einige hier in diesem System das legendäre Bernsteinzimmer finden wollen.
Ein junger polnischer Lehrer bietet sich uns als Museumsführer an. Für umgerechnet 20 Euro erhalten wir beide eine fast dreistündige, faktenreiche Privatführung durch das jetzige Reich der Fledermäuse. Die zweckmäßige Bauweise der Anlage, die noch vorhanden und fast noch funktionsfähigen Schienenwege mit der Dränage und die gut durchdachte Funktionalität beeindrucken uns sehr. Gemeinsam mit den Erläuterungen ergibt sich ein umfassendes Bild. Er bittet uns das Licht auszuschalten. Ringsherum beklemmende Finsternis.
Froh und versorgt mit neuem Wissen über eine Verteidigungsanlage, die nur ein paar Tage für ihre Zweckbestimmung genutzt wurde, erreichen wir durch versteckte Gänge wieder den Ausgang. Draußen eine Anzahl polnischer Jugendlicher in militärischer Anzugsordnung. Unser Führer erläutert uns, dass sich einmal im Jahr hier viele Bunkerfreaks treffen um ihren Hobby zu frönen. Dieses Wochenende ist heute.
Unser nächstes Ziel ist die Werkgruppe „Scharnhorst“ mit den Panzerwerken 716, 716a und 717. Auch hier wird uns eine organisierte Führung angeboten, an der wir sehr gern teilnehmen. Die Außenanlagen des Museums werden mit einigen militärischen Relikten aus der Zeit des 2. Weltkrieges bis zur Gegenwart ergänzt. Hier an der Straße zwischen Hochwalde und Kalau gelang am 29.1.1945 zwischen 20:00 und 22:00 Uhr der 44. sowjetischen Garde- Panzerbrigade der Durchbruch durch die Festungsfront. Der Oder – Warthe Bogen war somit als letztes Bollwerk vor Berlin gefallen. Nun stand der Roten Armee der Weg nach Deutschland weit offen.
Die Führung durch einen gut deutsch sprechenden Polen beginnt. Erst erläutert er uns die Bedeutung der Anlage und dann entführt er uns in die gut erhaltene Unterwelt der Panzerwerke. Die Erläuterungen und unsere bisherigen Erkenntnisse des Militärbauwesens ergeben ein detailreiches Bild der Anlage. Unsere polnischen Nachbarn verstehen es die Hinterlassen unserer Großeltern gut zu vermarkten.
Langsam geht der erste erfolgreiche Tag zu Ende. Nun geht die Suche nach einer vernünftigen und preiswerten Übernachtung los. Dabei kommen wir durch einige kleine Orte. Hier fühlen wir uns um wenigstens 20 Jahre in die finsterste Vergangenheit der DDR zurück versetzt. Unbefestigte Holperstraßen, marode, alte Gebäude, die unbedingt einer Sanierung bedürfen. Trotzdem herrlich anzuschauen. Ein Hauch längst vergangener Tage. Ein Flair welches unbedingt in die herrliche Landschaft des polnischen Landes passt. Alle geht ruhig und gesittet ab.
Endlich finden wir auch eine vernünftige Bleibe für die erste Nacht. Sachen im Zimmer verstaut und dann noch einmal los in die nähere Umgebung der Unterkunft. Natur pur. Satt grüne Wiesen und Wälder und da zwischen immer wieder kleine saubere Seen. Ein schöner Tagesausklang.
2. Tag
Wir haben gut geruht und heute wollen wir uns weitere Bauwerke des Oder – Warthe Bogens anschauen. Durch die immer wieder herrlich grünen Wälder und an sauberen Seen vorbei ging es zum Panzerwerk 745 – eine PAK Stellung zur Verteidigung der Zugangsstraße zwischen Miedzyrzecz – Pieski. Ein gut erhaltener Hindenburgstand, heute frei zugänglich – aber Achtung es gibt ein Untergeschoss – Absturzgefahr. Dieses Panzerwerk ist stark umlagert. Eine Gruppe junger polnischer Wehrpflichtiger hat gerade eine Führung durch die Anlage. Wir warten so lange draußen. Sie sind weg und wir gehen hinein. Eine gut ausgebaute PAK-Stellung erwartet uns. An den Wänden noch die Inschriften aus den 30iger Jahren. Der Aufbau des Bunkers ist zwei etagig. Über eine solide Betontreppe gelangen wir in den unteren Aufenthalts- und Versorgungsbereich. Alles leer, etwas mystisch und dunkel. Unsere Taschenlampen helfen uns etwas Licht ins Dunkle zu bringen. Auch hier finden wir wieder die Inschriften, die die Zweckbestimmung von Bunkerteilen festlegen.
Gesehen und weiter.
Im verlaufe des Tages schauen wir uns weitere Bauwerke in der schönen Natur des polnischen Landes an. Am späten Nachmittag zieht es uns noch einmal zur Burschenschleife. Hier müssen wir nochmals auf eigene Faust hinein. Den Zugang, der hinter einem halbzerstörtem Betonteil im Panzerwerk 766 der Werkgruppe Friesen zu finden ist, kennen wir vom Vortag. Also Auto auf dem bewachten Parkplatz abgestellt und los geht die Erkundungstour.
Es ist schon erstaunlich, wie solide damals gebaut wurde. Auch hier finden wir einen guten Erhaltungsgrad vor, obwohl die Periode der Nutzung schon einige Zeit zurück liegt. Die vor 65 Jahren (2004) errichteten Anlagen haben zwar oberirdisch Zerstörungen aufzuweisen, aber unter der Erde scheint alles noch intakt zu sein. Mit Hilfe eines Planes der Anlage finden wir uns gut in den dunklen Gängen zurecht.
Über eine Betontreppe gelangen wir in den unteren Bereich der Anlage und kommen an den gestern gesehen Bauwerken wie Kraftwerk, Schaltzentrale, Unterkunftsräume der Garnison, Bahnhof der Schmalspurbahn vorbei. Weiter durch die unterirdischen Gänge, die nie einen Funken Tageslicht gesehen haben zu den Panzerwerken 713 und 715 der Werkgruppe Jahn. Der Erhaltungsgrad ist hier nicht mehr so gut wie in den bereits gesehenen anderen Teilen des Bauwerkes. Von Oben gelangt Feuchtigkeit hier hinein und die Metallteile sind schon recht stark von Rost angegriffen. Wir unterlassen es die Treppen, die ca. 30 Meter nach oben zur Panzerwerk führen zu betreten. Unser Leben ist uns nun doch zu wertvoll um es leichtfertig aufs Spiel zu setzen. Nach gut 2 Stunden verlassen wir das Bauwerk wieder.
Zwischenzeitlich hatte es geregnet. Jetzt begreife ich auch warum es in den Panzerwerken 713 und 715 immer so getropft hatte.
Die Luft in der freien Natur ist herrlich. Die Abendsonne bedeckt die vor uns liegenden Felder und die Baumgruppen in ein etwas rötlich schimmerndes Licht. Die noch an den Blättern hängenden Regentropfen reflektieren das Licht wie wertvolle Edelsteine. Ein Anblick der sich für alle Zeit in mein Gedächtnis einbrennt. Tolles Land, phantastische unberührte Natur und wir haben leider nicht alle Zeit der Welt um uns noch länger an diesem Schauspiel satt zu sehen. Der Abend kommt unweigerlich und wir müssen ein Quartier suchen. Also lösen wir uns von diesen schönen Aussichten und begeben uns zurück zum bewachten Parkplatz, zum Auto.
Unser unverkennbares rotes Auto steht allein auf dem Parkplatz. Irgendwie scheint etwas nicht zu stimmen. Das Auto reagiert nicht auf die Fernbedienung. Steffen sieht es als erstes und kann es nicht fassen. Die Scheibe der Beifahrertür ist zerschlagen. Deshalb sagt die Zentralverriegelung auch keinen Mucks. Die Beifahrertür ist gewaltsam geöffnet worden, alles was nicht absolut fest mit der Karosse verbunden ist wurde entwendet. Wir haben zwar noch ein fahrbereites Auto mit einer kaputten Seitenscheibe, aber sonst nur noch das was wir am Körper tragen. Das ist nicht viel. Außer meinen Papieren, meiner heutigen Kleidung und der Videokamera habe ich nichts mehr. Noch nicht einmal eine Zahnbürste. Steffen geht es ähnlich.
Leider müssen wir somit unsere Tour vorzeitig abbrechen. Die polnische Polizei gibt sich zwar große Mühe uns zu Helfen, doch bis heute sind unsere Sachen nicht wieder aufgetaucht. Mit aufgebrochenem Auto verlassen wir ausgeraubt Polen. Eigentlich Schade, denn bis dahin hat uns Polen sehr gut gefallen.
Seitdem bekommt mich keiner wieder in dieses Land. Es gibt auch noch andere schöne Reiseländer in denen wir bisher noch nie beraubt worden.
Weiter Fotos und Video gibt es unter
http://www.bunkertours.de/Bunkertour/Frames/Frame-Ostwall.htm







Kommentar hinzufügen