Wie ist sie nun, die (oder das?) "Mein Schiff"?

Am 15. Mai wurde in Hamburg „Mein Schiff“ getauft. Wir haben mitgefeiert und uns an Bord für Sie umgesehen
Dem VIP-geschmückten Tauf-Event ging ein monatelanger Marketingzauber voraus. Der begann mit der kontrovers diskutierten Namensfindung. Die Jury konnte sich auf keinen der über 30.000 eingesandten Vorschläge einigen. Und da CEO Richard J. Vogel gern und gekonnt aus der Reihe tanzt, wurde der Erstling von TUI Cruises schlicht auf „Mein Schiff“ getauft.
Der Name punkte mit „Deutschsprachigkeit und Konzeptkonformität“, lobte man sich und die vielen Einsender dieses No-name-Namens. Dieser sei einzigartig in der Kreuzfahrt und „drückt den Kerngedanken von Individualität und Freiraum aus“, jubelte TUI-Cruises-Chef Vogel. „Man darf natürlich gespannt sein“, feixten viele Taufgäste, ob das nächste Schiff nun „Dein Schiff“, „Sein Schiff“ oder „Noch ein Schiff“ heißen werde.
„Mein Schiff“ verfügt über 964 Kabinen, von denen die Hälfte eine Veranda (9 bis 13 Quadratmeter) oder einen 5 Quadratmeter kleinen Balkon hat. Diese Nachrüstung sorgte für viele Extratonnen Stahl – ein „Bürzel“ am Rumpf des Schiffs soll das zusätzliche Gewicht ausgleichen. Der Wellness-Bereich, für die wellfitten „Babyboomer“ unverzichtbar, wurde auf 1.700 Quadratmeter vergrößert und komplett neu – für meine Begriffe mitunter zu kühl – gestaltet.
Gelungen sind die Weiß-in-Weiß gehaltene „TUI Bar“ und die „Blaue Welt“, während das sehr luftig bestuhlte Menürestaurant „Atlantik“ noch den plüschigen 90er Schick trägt.
Kompromisslos modern kommen das komplett neu gestaltete Steakhouse „Surf & Turf“ und die Sushi-Bar daher. Dort, wo Räume nur teilweise aufgehübscht wurden (so hat man in den Kabinengängen Wandpaneele aus Kunststoff kurzerhand mittels Furnierfolie auf Holz getrimmt), herrscht ein teils wilder Material-, Oberflächen- und Farbmix.
Exemplarisch dafür ist die Lounge (siehe Foto), die sich beim Stilspagat zwischen Chillout-Lümmel-Look und gebürstetem Alu jeden haptischen Sexappeal raubt. Vor allem die Bodenbeläge auf „Mein Schiff“ sind einen Tick zu altmütterlich und fehlfarbig geraten. Bleibt nur zu hoffen, dass der Zielgruppen-Spagat zwischen Clubschiff-Klientel und partiell-konservativer Grandhotel-Kundschaft entspannter vonstattengeht.
Mit welchen Netzen fischt die „Mein Schiff“ nach zahlungskräftiger Kundschaft? Während ein Tag an Bord von „Aida“ regulär ab rund 130 Euro zu haben ist, werden hier etwa 180 Euro fällig. Mehr wert oder Mehrwert? Das ist die Frage. Prima vista sticht in den farblich dezent gehaltenen Kabinen außer der kräftig beworbenen Nespresso-Kaffeemaschine nichts ins Auge, was den Mehrpreis rechtfertigt. Auch das Frühstück fiel eher frugal aus. Genussfreudige erwarten eine Auswahl an offenen Tees statt Beutelware, ein größeres Angebot an frisch gepressten Säften und Obst, sie wollen Cappuccino und nach persönlichen Vorlieben frisch zubereitetes Rührei oder Omelett. Da muss nachgelegt werden.
Die Statistik weist viel Raum, höhere „Betreuungsdichte“ und deutlich mehr Deckfläche pro Kopf aus. „Mein Schiff“ kommt bei maximal 1.914 Passagieren auf 11.991 Quadratmeter Sonnendecks, 4.750 Quadratmeter Restaurantfläche und 780 Mann Besatzung. (Im Vergleich „AIDAluna“: 2.050 Passagiere, 6.400 Quadratmeter Sonnendecks und 3.985 Quadratmeter Restaurantfläche.) Das reduziert das „Masse“-Gefühl und verspricht mehr Freiraum, was der subjektive Eindruck während unseres Rundgangs durchaus bestätigt.


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