Nachhaltig reisen – Öko oder Green-Washing?

"Nachhaltige Reisen sind Reisen, die ökologisch tragbar, wirtschaftlich fair und sozial verträglich sind", sagt Ute Linsbauer vom Forum Anders Reisen. Das sieht auch die Umweltschutzorganisation Rainforest Alliance so, die sich seit Jahren für nachhaltigen Tourismus enagiert. Sie hat im Internet unter http://www.rainforest-lliance.org/green-living/travel einen Fragenkatalog zusammengestellt, den man vor der Buchung abprüfen sollte.
In der Checkliste finden sich Punkte wie: Welche Maßnahmen sind in den Unterkünften getroffen, um Wasser und Energie zu sparen? Wird der Müll recycelt? Wie viele Prozent der Angestellten sind Einheimische? Haben sie Umwelt-Zertifikate oder -Auszeichnungen bekommen?
Vermeiden, vermindern – erst dann kompensieren
Das größte Problem bei der Diskussion um Nachhaltigkeit auf Reisen: Von den Anbietern werden Klimaschutz und Sozialverträglichkeit oft gezielt zum Öko-Marketing, von Kritikern auch Green-Washing genannt, genutzt. Die Grenzen zum ernsthaften Engagement sind fließend. Immer häufiger in den Katalogen finden sich z. B. Aufforstungsprojekte.
Das Prinzip: Für eine gewisse Summe von umgesetzten Euro wird im Regenwald ein neuer Baum gepflanzt. Was nicht immer zielführend ist. "Für den Umweltschutz und den Erhalt von Naturräumen sind solche Maßnahmen durchaus hilfreich", sagt Ute Linsbauer. "Zum Schutz des Klimas dagegen sind sie gar nicht oder nur eingeschränkt geeignet."
Denn die weitere Verwendung der Bäume bzw. des Holzes sei oftmals nicht geklärt. Wenn ein Baum gefällt und verarbeitet (z. B. für Möbel) oder als Brennmaterial verwendet würde, so würde die vorher gebundene Menge an CO2 ganz oder z. T. wieder freigesetzt werden.
Für sinnvoll erachtet es Linsbauer dagegen, fair gehandelte Reisen zu buchen wie sie eine Reihe von Veranstaltern anbieten. Reisen, bei denen die Gäste sicher sein können, dass ihr Geld bei der Bevölkerung ankommt, z. B. bei lokalen Hotelbetrieben, Restaurants oder Guides. Wer solche Programme buche, dem seien außerdem authentische Erlebnisse gewiss, so Linsbauer.
Immer häufiger findet man auch CO2-Kompenastionsmaßnahmen wie die von Atmosfair und MyClimate in Katalogen und auf Webseiten von Veranstaltern und Airlines. Die Spenden der Klimaschutzorganisationen werden meist in Solar-, Wasserkraft-, Biomasse- oder Energiesparprojekte in Entwicklungsländern investiert.
"Kompensation ergibt durchaus einen Sinn, wenn man auf einen Flug nicht verzichten kann oder will", sagt Ute Linsbauer. "Grundsätzlich sollte man aber in dieser Reihenfolge vorgehen: vermeiden, vermindern und erst dann kompensieren." Schließlich könnten entstandene Schäden nicht wieder rückgängig gemacht werden, auch nicht durch Kompensation.
Wer bietet nachhaltige Reisen an?
Unternehmen wie TUI, Studiosus oder die Rewe-Gruppe z. B. haben 2000 die Initiative TOI (Tour Operators Initiative for Sustainable Tourism Development, www.toinitiative.org) gegründet. Die Initiative möchte in Zusammenarbeit mit Hoteliers, Busunternehmern und Politikern Natur, Kultur und sozialen Strukturen schützen. Die Bemühungen sind vielfältig. So hat TUI z. B. einen eigenen Öko-Katalog herausgebracht. Er heißt "TUI Grüne Welten" und liegt papierlos im Internet vor: www.tui-special.de/TUI_Gruene_Welten_Web. Und der Veranstalter hat in seinen Katalogen umweltschonende Hotels mit dem "Tui Umwelt Champion" gekennzeichnet.
Rewe-Touristik (Jahn-Reisen, ITS, Tjaereborg) verschickt die Broschüre "Das umweltfreundliche Ferienhotel" in 7 Sprachen an rund 5.000 Betreiber von touristischen Unterkünften weltweit mit Tipps zur ökologischen Betriebsführung. Studiosus legt sogar jedes Jahr einen mehr als 140 Seiten starken Nachhaltigkeitsbereicht vor, der das gesamte Unternehmen auf seine Nachhaltigkeit prüft. Dieser orientiert sich an den Richtlinien der Global Reporting Initiative (GRI). Unternehmenssprecher Frano Ilić: "Nachhaltigkeit bedeutet nicht, dass man irgendwo auf der Welt Delfine rettet, sie muss sich durch alle Bereiche im Unternehmen ziehen."
Besonders groß wird das Thema Nachhaltigkeit bei den im Forum Anders Reisen (www.forumandersreisen.de) organisierten Unternehmen geschrieben. Viele davon tragen das vereinseigene CSR TourCert-Siegel. "Große Veranstalter bieten Umwelt- und Sozialprojekte oft nur als Teil ihrer Produktpalette an. Das ist vergleichbar mit einem Discounter, der irgendwo auch eine Öko-Ecke hat", sagt Ute Linsbauer. "Bei uns hingegen muss der Veranstalter an sich sowie alle seine Reisen der Nachhaltigkeitsprüfung unterziehen."
Eine nachhaltige Reise ist nicht grundsätzlich teurer als eine Reise aus dem normalen Veranstalterkatalog. So bieten die meisten kleinen, aber nachhaltig arbeitenden Veranstalter sehr gute Qualität, in der Regel jedoch keinen übertriebenen Luxus. Da ist für jeden Geldbeutel in der Regel etwas dabei.
Was sagen Öko-Siegel aus?
Derzeit gibt es europaweit mehr als 50 Öko-Siegel. Das umfassendste in Deutschland erhältliche Qualitätssiegel für nachhaltigen Tourismus ist CSR TourCert (Corporate Social Responsibility, www.tourcert.org) des Forum Anders Reisen in Zusammenarbeit mit der Kontaktstelle für Umwelt und Entwicklung e. V. (KATE) und EED-Tourism Watch.
Dabei wird das Unternehmen selbst sowie die ganze Wertschöpfungskette der einzelnen Bausteine, von den Büroräumen des Reisanbieters bis hin zu Transportunternehmen und Unterkunft vor Ort, aus ökologischer, wirtschaftlicher und sozialer Sicht unter die Lupe genommen.
Ökologische Vorgaben betreffen z. B. das Verhältnis zwischen Urlaubslänge, Reisezeit und Entfernung, d. h., dass Flüge erst ab 700 km "erlaubt" sind und im Verhältnis zur Aufenthaltsdauer stehen müssen. Soziale Kriterien sind u. a. die Einbeziehung Einheimischer bei der Planung- und Durchführung der Reise, der Respekt vor der Kultur etc. Weitere aussagekräftige Siegel sind die "Eco Trophea", der internationale Umweltpreis des Deutschen Reiseverbands (DRV), der seit 1987 jährlich an vorbildliche Umweltschutzprojekte verliehen wird (www.drv.de), die "Eco Flower" der EU, die auch an touristische Produkte auszeichnet (www.ec.europa.eu), und die Auszeichnung "Atmosfair Award Gold" für klimabewusste Reiseveranstalter, die 2011 an den Familienveranstalter Vamos Eltern-Kind-Reisen vergeben wurde.
Auch für Hotels gibt es zahlreiche Öko-Siegel, z. B. "Viabono" (www.viabono.de) und "Eco Hotels Certified" (EHC), eine Zertifizierung für nachhaltig wirtschaftende Unternehmen, die hinsichtlich ihres Ressourecenverbrauchs überprüft werden (www.ecohotelscertified.info).

