InsiderTipps
Kreuzfahrten boomen. Besonders faszinierend sind Expeditionsreisen am Rand der Antarktis. Für diesen Bericht waren wir an Bord der kleinen „Australis“-Schiffe von Punta Arenas, Chile, ums Kap Hoorn bis nach Ushuaia in Argentinien unterwegs.
Die Luft von Patagonien sei besonders klar und so sauber wie sonst fast nirgends auf der Welt, hatte Expeditionsleiter Matías beim Landgang in der Ainsworth-Bucht gesagt.
Es ist die gleiche Luft, die dieses herrliche Fast-Nichts aus Blätterteig so aufgeplustert hat. Der zuckersüße Gruß aus der Bordküche der „Via Australis“ zerbröselt auf der Zunge. Es krümelt ordentlich. Sei’s drum, man mag sich gerade nicht so viel bewegen in diesem Sessel, so breit, so tief, so – sesselig. Der nimmt Krümel nicht krumm. Die Beine lagern gemütlich übereinandergeschlagen auf der Mahagoni-Fensterbank. Es ist schon mehr ein Liegen als ein Sitzen, sanft und sachte wiegt den Ruhenden das Schiff. Sechs Sessel-Charaktere hätten in dieser üppigen Lounge zur Auswahl gestanden, die den Namen „Yamana“ trägt.
Die Yamana waren Indianer, die keine Sessel hatten und nackt im kalten Feuerland herumliefen. Sie machten immer und überall Feuer, sogar in ihren Kanus. Daher der Name „Tierra del Fuego“ – Land des Feuers.
Kormorane segeln vorbei, das Meer sagt: Heute komme ich in Schwarz, vielleicht noch oliv, sind doch nicht in der Karibik! Felsbuckel, glatt geschliffen von Zeiten und Gezeiten, ragen aus dem Wasser, kleine Inseln, auf denen Pinguine Schutz suchen, dicht und dunkelgrün bewaldete Ufer, kalter Regenwald, welt-selten. Den Horizont säumt graues Gebirge, gezackt wie die Spitzen eines EKG.
Wind zerreißt Wolkenfelder, Abendsonne wirft Lichtfinger, die mit den Gischtkronen spielen. Ihr Schein wärmt das Gesicht durch die großen Fensterscheiben. Die Augen fallen schon zu, als eine Stimme aus dem Lautsprecher zum Vortrag über Glaziologie ruft. Wissbegierige eilen. Wissende wissen: Schlafen ist wichtiger als Gletscherkunde.
Vor einer Stunde fühlte sich das alles noch ganz anders an. Da war ziemlich viel Wasser in der Luft von Patagonien. „Expedition“ heißt das ja, was wir machen, nicht Kreuzfahrt, hatte der deutschstämmige Kapitän Enrique Rauch-Strauch gestern beim Willkommen den gut 130 Mitreisenden eingeschärft.
Mit der Nase ganz dicht ran an die Elemente bedeutet das, warme Klamotten, Schwimmweste, ab ins Schlauchboot, das auf solchen Fahrten immer nur Zodiac heißt. Klingt weniger nach Gummiwurst. Beim Ritt zur Pinguininsel Tucker Island bockten die schwarzen Boote wie Rodeopferde, nahmen die Wellen als Sprungschanze, klatschten unangenehm hart aufs Wasser.
Kalte Gischt prasselte aufs Gesicht wie Nadeln aus Eis. Man möge eine Extra-Schicht anlegen, wurde gewarnt, es werde kalt und windig. Nun ist die Extra-Schicht extra-nass, aber die Natur extra-großartig. Die Magellan-Pinguine sind vollzählig angetreten und stehen äußerst dekorativ am Ufer herum. Ein bisschen in Acht nehmen muss man sich vor den Skuas, kannibalischen Raubmöwen, die sich bisweilen auch untereinander auffressen, wenn sie keine Touristen – pardon, Expeditionsteilnehmer – erschrecken können.
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