
Autor:
Frank Tophoven
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In den Straßen von Santiago de Chile Berg und Tal
InsiderTipps
Entdecken Sie mit unserem Reisebericht die Boulevards, Märkte, Kulturtempel, Parks und Menschen von Chiles Hauptstadt Santiago. Sie alle spielen mit in dem spannenden Theaterstück namens "Lateinamerika".
Der Clown ist tot. Ein Auto hat ihn überfahren. Reglos liegt er auf dem Asphalt. Sein Bowlerhut ist noch ein bisschen über die Straße gerollt und auf dem Mittelstreifen zum Stillstand gekommen. Die Zuschauer am Straßenrand schweigen. Mitten auf der hektischen, vierspurigen Straße hatte der kleine Mann jongliert und andere Kunststückchen gemacht, bis das Auto kam und die Reifen quietschten. Das war es, meine Damen und Herren. Straßentheater vor dem Palacio de Bellas Artes in Santiago de Chile. Was macht das schon, wenn ein Clown stirbt?! Deshalb bleibt die Zeit nicht stehen. Rundherum verrinnt ein Sonntagnachmittag im Staub der Sechsmillionenstadt.
Im Parque Forestal vor dem Museumspalast sitzen Studenten beieinander, kreisen Rotweinflaschen und knutschen Paare im Schatten alter Bäume. Artisten jonglieren mit Keulen und zwei Pantomimen tragen eine riesige imaginäre Scheibe über die Wiese. Ganz vorsichtig. Das Leben ist ein großes Theater in der chilenischen Hauptstadt und auch Pacco, der tote Clown vor dem Palacio de Bellas Artes, steht längst wieder auf den Beinen. Der "Unfall" war Teil der Show. Nun bittet er drohend mit einer Spielzeugpistole um eine kleine Spende. Auf der Plaza de Armas wurde Santiago 1541 geboren, erfunden von Pedro de Valdivia, dem Konquistador, der zuvor mit Pizarro die Inkas besiegt und das heutige Peru erobert hatte. Elf Jahre später verlor Valdivia gegen den Araukanerhäuptling Lautaro die Schlacht bei Tucapel - und dabei sein Leben.
Santiago aber wuchs von der Plaza de Armas aus unbeirrt in alle Richtungen. Von Indianern dem Erdboden gleichgemacht, von Erdbeben verwüstet, von Wirtschaftskrisen und Militärdiktaturen gebeutelt, stieg Santiago immer wieder auf. Im Nordosten der Plaza de Armas erzählt das ehemals königlich-spanische Gerichtsgebäude Palacio de la Real Audiencia Geschichten von kolonialer Herrlichkeit. Vor dem Palast erzählen Schauspieler Geschichten von Liebe und Leid. An der Nordwestflanke prunkt seit 1745 die mächtige Kathedrale, die fünfte an diesem Platz, nachdem die Vorgängerinnen von Erdbeben und anderen Katastrophen zerstört wurden. Im Schatten der Kathedrale porträtieren Maler mit flinken Kohlestrichen Passanten, schaffen dramatische Landschaften, trinken Wein, rauchen filterlose Zigaretten und inszenieren sich selbst unter Baskenmützen. Abends, wenn die kolonialen Fassaden prunkvoll illuminiert sind, beleuchten Kerzen die Kristallkugeln auf den Tischen der Wahrsager, wischt das zuckende Kerzenlicht über die Gesichter der furchtsam den Orakeln Lauschenden.
Die Plaza de Armas ist eine der großen Bühnen, ein Herz der Stadt inmitten moderner Einkaufsstraßen mit den teuersten Shopping-Malls Lateinamerikas. Doch mehr als nur ein einziges Herz treibt den Puls des Riesen. Ein weiteres altes schlägt unter den filigran geschmiedeten Eisenbögen des Mercado Central. In Chile plante man die elegante Leichtigkeit der Markthallen, ließ die Eisenkonstruktion in England fertigen, um sie 1872 in Santiago zu errichten. Was die Fischer heute dem nahen Pazifik entreißen, landet wenig später bei den Händlern im Mercado Central.
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