
Autor:
Robert Haidinger
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Als unser Reporter für diesen Reisebericht mehrmals in der Stadt war und durch die Straßen wandelte, wurde ihm fast schwindlig. Sein Resümee: Es wird immer alles noch höher, heller, reicher, schicker, glitzernder und größer.
Die Stadt an der Mündung des Pearl River hat sich in den letzten Jahren nicht wesentlich verändert. Glitzernd kommt sie einem auch an diesem Abend entgegen, lockt an jeder Ecke mit nervösem Neonflimmern.
Neu ist der eigenartige Geschmack am Gaumen - ein klarer Beweis dafür, das Cheung Chaus Glücksbrötchen doch für den Hausaltar statt für den Verzehr bestimmt sind. Auf den Gusto gebracht hat mich der Ausflug zu den ländlichen Outer Islands trotzdem und so plätschern nun ringsum Wasserbecken, räkeln sich Garnelen jeder Größe, liegen Jakobs- und Zigarrenmuscheln auf grün karierten Tüchern, aber auch Monströses wie die unterarmlangen Wülste der Elefantenrüsselmuschel. Letztere stamme aus Kanada, verrät Frau Mabel Lau und füttert den größten Grouper ihres Seafood-Shops mit wehrlosen Garnelen. So etwas regt den Appetit an und das war wohl auch genau so geplant.
Wir befinden uns in Lei Yue Mun. Die vielen schaukelnden Sampans (kleine Holzboote) und kundige Fischfrauen wie Mrs. Lau lassen das als gute Idee erscheinen. Lei Yue Mun heißt "Tor der Karpfen". Wegen der fischreichen Wasserenge, die Hongkong Island und den Festlandteil Kowloon ganz nahe zusammenrücken lässt. Das Karpfentor gilt als d e r Seafood-Geheimtipp der Stadt. Wer mit dem berühmten, von Lichterketten illuminierten Aberdeen nichts am Hut hat, der mischt sich im Osten von Kowloon unters Volk der einheimischen Fischesser. Noch liegt der Flecken ein wenig abseits der populäreren Schlemmer-Destinationen. Noch sind die Hongkonger überwiegend unter sich.
Lokalkolorit kann man Lei Yue Mun nicht absprechen: Ein enges, überdachtes Gassengewirr verbindet die teils auf Pfählen gebauten Restaurants und das Bestellen erinnert an eine Einkaufsrunde auf dem Fischmarkt. Flink werden die ausgewählten Muscheln, Garnelen, Fische über die Gasse getragen, denn zu jedem Laden gehört eben auch ein Restaurant, das die ausgewählten Leckerbissen ebenso gekonnt wie effizient verarbeitet. Hongkongs Köche beweisen sich als Meister des perfekten Timing: Der Weg des Fischs vom Herd zum Speisetisch wird von ihnen zur Garzeit dazugerechnet. Das reichlich darüber geschichtete Lauchgemüse kommt so eben auch als essbarer Deckel auf den Tisch.
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