Reisebericht Oberammergau

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Keine groben Schnitzer

Sind der Drang nach Kreativität und das geballte Ungeschick zweier linker Hände vereinbar? Ja, bei einem Schnitzkurs! Ein Selbstversuch im Mekka der Holzschnitzkunst, in Oberammergau.

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Da stehen sie, fein säuberlich aufgereiht: "Kini Ludwig" im Hermelinmantel neben dem heiligen Christophorus, eine Halbnackte mit Schleier neben einem Dackel, auch ein geschmackvolles Kruzifix und ein bayrischer Löwe mit Rautenwappen sind dabei, dazu ein fröhlich zechender Mönch und alle Arten von Getier. Flehentlich fixieren mich die Holzaugen. Als ob sie ahnten, dass Verunstaltungen jenen treffen könnten, der mir, dem Schnitznovizen, als Vorlage dient.

Ich greife einen Mond, dessen Original aus der Werkstatt des mittelalterlichen Münchner Meisterschnitzers Erasmus Grasser stammt. Dieses Werk ist die geeignete Vorlage für mich - keine Faltenwürfe, keine Durchbrüche zwischen grazilen Beinen, dafür große glatte Flächen. Das muss problemlos zu kopieren sein, gerade recht für einen Anfänger mit zwei linken Händen...! Ein Rohling aus Lindenholz, der schon den Halbmond erahnen lässt, ist im Nu in die Schnitzbank eingespannt.

Ob man in 30 Stunden wirklich erste Schnitzerfolge vorweisen kann? Kursleiter Florian Härtle hegt keine Zweifel, zu vielen Einsteigern hat er schon selbst Gefertigtes samt Urkunde mit nach Hause gegeben. Nur eine kurze Einweisung zur Handhabung von Schlegel und Eisen, die Form auf dem Rohling angezeichnet - und schon beginnt ein heftiges Schnitzerstakkato aus Schlagen und Hacken. Späne schießen durch den Raum und über elf Schnitzbänke. Das klingt nach Kraftanstrengung und ist doch eine Sache des Gefühls. Wie schnell sich das Hohleisen ins weiche Holz vorarbeitet, wie problemlos die harten Kanten verschwinden, wie rasch erste Züge des Mondgesichts aufgehen!

Allmählich wird es leiser in der Werkstatt im Ammergauer Haus. Erste Konturen sind an den Objekten auszumachen. Es beginnt die Auseinandersetzung mit den Proportionen, mit den größeren und kleineren Details. Da rutscht mal dem Mond die Oberlippe zu tief, die Schlitzaugen sind auch nicht beabsichtigt, das rechte Lid gerät in Schieflage. Nun muss "Nothelfer" Härtle ran, sein Facelifting rettet das Aussehen von Frau Luna! Er beweist, wie sich Erfahrung in ein Spiel mit dem Holz umsetzt - das richtige Maß von Druck und Gegendruck, der Tanz von Balleisen, Hohleisen und Geißfuß, der Blick für die Proportionen, die präzisen Schläge mit dem Holzklöpfel, das geschickte Fixieren im so genannten Galgen!

Den größten Kampf liefere ich mir mit der Maserung. Sie läuft immer anders, als ich es will. Im besten Fall bleibt gerupftes Holz! Doch dann ein Schlag gegen die Laufrichtung des Holzes - und schon fehlt meinem Halbmond die Spitze. Ein grober Schnitzer - denn haben Sie schon einmal einen Halbmond ohne Spitze gesehen? Da ist selbst Härtle überfordert, da hilft nur eine Schönheitsoperation... mit Ponal.

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