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Zwischen München und der Zugspitze läuft Oberbayern zur Hochform auf. Wir haben die Traumkulisse bei einer Oldtimer-Rallye erlebt – hier der Reisebericht.
Der Jaguar macht einen weiten Satz. Nimmt den Tutzinger Kirchberg in Angriff, kaum dass der Startschuss gefallen ist. Sein Knurren klingt hungrig. Klarer Fall: Der möchte jetzt Kilometer fressen … Vor ihm – sowie vor Thomas Leukel am Steuer und dem Redakteur am Roadbook – liegen 260 Kilometer durchs bayrische Oberland: eine der schönsten Landschaften Deutschlands. Der hügelige Teppich aus Wald und Wiesen, Mooren und Seen breitet sich südlich von München bis zu den Alpen hin aus. Geschaffen wurde er von eiszeitlichen Gletschern.
Die Region ist auch bekannt für berühmte Mythen: Hier lebte der sagenhafte Schmied von Kochel, eine Art bajuwarischer Wilhelm Tell, fand der Märchenkönig Ludwig II. sein nasses Grab und erblühte Bayerns schönste Rose: Sisi, spätere Königin, nein, Kaiserin der Herzen … Das standesgemäße Terrain also für Legenden der Landstraße, sich den Fahrtwind um die Kühlerhaube wehen zu lassen. Bei den Chronoswiss Classics tuckerten denn auch mehr als 150 Oldtimer mit. Die bekannte Schnauferl-Biennale wird jeweils in Kombination mit einer Regatta klassischer Segelschiffe durchgeführt.
Der Bolide, auf dessen Beifahrersitz ich kauere, kommt aus dem Stall des Chronoswiss-Gründers Gerd-Rüdiger Lang: ein weißer Jaguar XK 120 Drophead des Jahrgangs 1954. Der lebhaften Katze helfen sechs Zylinder und 162 PS ordentlich auf die Sprünge. Die Sportversion des elegant geschwungenen Wagens gewann sogar zweimal das berühmte Rennen von Le Mans! Fahrer und Reporter werden den elektronikfreien Fahrspaß in der Kategorie „Touristische Ausfahrt“ genießen, ganz entspannt. Aber: Trotz des Nieselregens und der frischen Temperaturen bleibt das Verdeck offen. So viel Sportsgeist muss sein …
Locker meistert der Oldtimer die Anhöhe, die am Westufer des Würmsees aufsteigt. Der wohl berühmteste See der Republik streckt sich, schmal und lang, nach Süden hin. Heute ganz in melancholischem Bleigrau. Die gezackte Alpenkette, die man bei strahlendem Föhnlicht vom See aus bewundern könnte, verbirgt sich hinter Dunst. Ach, Sie haben noch nie etwas von einem Würmsee gehört? Na ja, so nannte man früher den Starnberger See.
Jetzt umrundet der Jaguar die Südspitze dieses Gewässers und eilt weiter Richtung Osten. Auf schmalen Sträßchen, grasendes Vieh zum Greifen nah, tapsen die Gummipfoten durch sattes Grün, durchqueren dunklen Tann, der erfüllt ist von frischer, würziger Luft. Die der Reporter allerdings nicht riecht – weil ihm ständig scharfer Benzindunst in die Nase steigt. Holprigen Asphalt kommentiert die rechte Seitentür mit lautem Klappern. Gelegentlich fällt der Blick in den kleinen, runden Außenspiegel, späht aus nach Promi-Mitfahrern wie Alt-Rockerbilly Peter Kraus oder Schauspielerin Katerina Jacob – die Heimvorteil genießt: Denn gleich ist der Tatort der seinerzeitigen „Bulle von Tölz“-Assistentin erreicht.
Das, was für ein g’stand’nes Mannsbild die Lederhose, das ist für das stattliche Oberland-Haus die Lüftlmalerei. Besonders prachtvolle Häuser im Trachteng’wand – teilweise erst um 1900 im „Heimatstil“ erbaut – sieht man an der Marktstraße von Bad Tölz. Sie strotzen vor Stuckornamenten, Malereien und Sinnsprüchen. Absolutes Highlight im Jahreskalender der Stadt ist am 6. November der Leonhardiritt, eine Pferdeprozession mit herausgeputzten Frauen, Blaskapellen und Glockengeläut. Bemerkenswertes Detail aus der Stadtgeschichte: Einst wurde von den vielen Brauereien, die es in Bad Tölz gab, Bier sogar bis nach München geflößt. Dank der im Jahr 1846 entdeckten Jodquellen wurde die Stadt 1899 offiziell zum Bad ernannt.
Der Jaguar schnurrt weiter nach Lenggries, Zentrum des Isarwinkels. Für Skisportler und Wanderer empfehlen sich von hier Ausflüge zu den Hängen und Gipfeln von Brauneck und Benediktenwand. Die Route verlässt den Lauf der Isar und folgt dem Flüsschen Jachen, das sich durch grünen Wiesengrund schlängelt. Die Wolken hängen jetzt ganz tief, scheinen die knorrigen alten Bauernhäuser der Gemeinde Jachenau zu erdrücken. Es nieselt. Im Zeitlupentempo schieben die Wischblätter, wenig größer als Bleistifte, kleine Tropfen von der Windschutzscheibe.
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