
Autor:
Knud Kohr
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Eines wird bei diesem Reisebericht sofort klar: Kein anderer Bezirk Berlins hat sich im letzten Jahrzehnt so rasant entwickelt wie Mitte. Da die Westberliner es gewohnt waren, vom Bahnhof Friedrichstraße aus den Osten zu erkunden und sich am Alexanderplatz halbwegs auskannten, war es logisch, dass sich nach dem Mauerfall genau dazwischen die Szene entwickelte.
In den ersten Jahren preschten die Partygänger vor. Man saß mitten in der Nacht auf der Oranienburger Straße zwischen der Kulturruine "Tacheles" und der Kneipe "Obst und Gemüse"; einige Meter weiter begann der Straßenstrich. Ostberlin wurde zu einer Hochburg des deutschen Techno.
Diese gemäßigte Anarchie konnte nicht lange gutgehen: Städtische Verordnungen beendeten das nächtliche Feiern auf der Straße, die Szene zog sich in die Keller und nach Prenzlauer Berg zurück. Mitte der Neunziger stand die Gegend dann gut beschrieben in so ziemlich jedem Stadtführer. Die Touristen zogen nach und mit ihrem Geld etablierten sich Restaurants, Boutiquen und all die Treffpunkte, die einem heute als erste einfallen, wenn man an Mitte denkt: Die Hackeschen Höfe etwa, später die Heckmannhöfe.
Heute präsentiert sich Mitte einerseits als touristisch voll erschlossene Gegend, in der man insbesondere am Wochenende mehr Schwäbisch, Bayrisch und Sächsisch hört als einheimischen Dialekt. Aber andererseits hat sich auch ein erstaunlich vielfältiges Kulturleben etabliert: Rund um die renovierte Synagoge in der Oranienburger Straße ist das jüdische Leben wieder präsent, in Gottesdiensten ebenso wie mit koscheren Restaurants und Cafés. Jazzclubs wie das "b-flat" locken in der Rosenthaler Straße ebenso wie das "Delicious Doughnuts", in dem DJs von Weltruhm auflegen. Die Volksbühne am Rosenthaler Platz ist zu einem der innovativsten Theater Deutschlands aufgestiegen und in ihren Nebensälen regieren Tango, Salsa und Kleinkunst. Nachdem es jahrelang verpönt war, traut sich hier und da schon mal die einheimische Szene vorsichtig zurück.
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