
Autor:
Knud Kohr
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Unser Reisebericht zeigt: Berlin erfindet sich alle paar Jahre neu. Knapp zwei Jahrzehnte nach dem Mauerfall ist es zusammengewachsen und grundrenoviert. Auch Einheimische müssen es neu entdecken.
Am Anfang dieser Geschichte soll erwähnt werden, dass der Autor seit über 22 Jahren in Berlin lebt. Genauer: seit 1985. Damals war Westberlin eine düstere, nach Kohleöfen riechende Insel und der Ostteil kostete Westler täglich 25 Mark Zwangsumtausch. Wer cool war, lebte in Kreuzberg, vorzugsweise im dritten Hinterhof. Später fiel die Mauer - Berlin war für kurze Zeit die berühmteste Stadt der Welt. Wer auf sich hielt, zog für 60 Mark Monatsmiete nach Prenzlauer Berg und hatte alle Hände voll zu tun, sich mit den Ostberlinern und deren exotischen Partydrogen ("Nordhäuser Doppelkorn") anzufreunden.
Jetzt ist schon wieder alles anders. Nach knapp zwei Jahrzehnten ständigen Umbaus werden die "Vorsicht! Baustelle!"-Schilder reihenweise von den Straßen geholt. Berlin ist hell und modern geworden, voller riesiger Neubauten aus Glas und Stahl.
Es wird wieder Zeit für einen langen Spaziergang durch die Stadt. Zeit, so zu tun, als würde man gerade am Bahnhof ankommen. "Der Bahnhof", das ist nun der neue Hauptbahnhof an der Lehrter Straße. Seit wenigen Monaten erst in Betrieb, macht er schon den alten Bahnhof Zoo vergessen. Und selbst Nostalgiker müssen zugeben: zu Recht und obwohl Architekt Meinhard von Gerken wegen einiger baulicher Veränderungen gegen die Bahn geklagt hat. Alle anderen finden: Lichtdurchflutet ist er geworden, schön und trotz seiner riesenhaften Größe mit einem Blick zu überschauen.
Wir stehen vor der Entscheidung, welche Stimmung wir unserer Berlin-Tour geben wollen. Snobistisch? Dann könnten wir am Bahnhofsausgang Austern schlürfen und uns danach ohne einen weiteren Blick für die Umgebung per Taxi durch das neue Tiergartentunnelsystem zum Hotel fahren lassen. Oder punkig? Mit dem Schnellbus in fünf Minuten zum S-Bahn-Ring fahren und dort einer Sportart frönen, die in Mode kam, seit der letzte Teil des Rings fertig gestellt ist? Das so genannte Ringbahnsaufen, bei dem man an jedem Halt einen Schnaps am Kiosk trinkt und sieht, wie weit man sich tags darauf erinnern kann? Besser nicht. Wir wollen eigentlich die Stadt sehen und deshalb wählen wir den Hauptausgang und sehen direkt auf das neue Regierungsviertel mit dem Reichstag in der Mitte.
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