
Autor:
Sven Weniger
InsiderTipps
In den neuen EU-Staaten Estland, Lettland, Litauen gibt es eine Menge zu entdecken. Unser Tipp: bald ins Baltikum! Es beginnt hinter Stahltüren. Wer hinein will, wird genau geprüft. Die Zöllnerin am Tallinn Airport trägt graue Uniform und einen harten Blick.
Sie checkt meinen Pass. Der Spiegel mit der Neonröhre über mir zeigt ihr, dass ich auch hinter dem Rücken nichts verberge. Ein kurzes Nicken. Dann schnarrt der Türöffner - willkommen in Estland.
"Es ist, als wollten sie dich noch mal erschrecken nach dem Motto: Pass auf, so lange ist es noch gar nicht her", amüsiert sich Helena Tshistova. Sie kennt sie, die neue wie die alte Zeit. Genau die Hälfte ihres Lebens hat sie unter sowjetischer Besatzung verbracht: "Fünf-Jahres-Plan, Pioniere, du weißt schon." Heute ist sie 24, Touristikerin, reist zu Messen nach Rom oder Berlin. Sie nippt am Cappuccino. "Aber das ist vorbei. Meine Pläne mache jetzt ich." Helena blinzelt in die Spätsommersonne über dem "Controvento", einem schicken Pasta-Lokal in Tallinns ältester Gasse, der Katariina Käik. "Wir leben endlich so wie ihr." So wie wir, das sind Boutiquen an der Ecke; Abhängen an der Stadtmauer; Turteln im Toompark; Rudern auf dem Snelli Pond; der Typ in Sneakers und Kopftuch, der für den neuen VW Polo wirbt; Graffiti an Hauswänden.
Dass die Leute aus allem das Beste machen wollen, merkt man. Tallinn, die einstige Hansestadt, gibt sich mit seinen weiß getünchten Speicherhäusern, kräftigen Farben, mit nordischem Backstein und Glas sehr skandinavisch und ist mit Freundlichkeit imprägniert. Kaum jemand, der im Zentrum nur eilig vorbeihetzt. Man sieht, wird wahrgenommen, lächelt, ist offen für alles Fremde. Schon mittags füllt sich der weitläufige Platz vor dem gotischen Rathaus. Jeder Sonnenstrahl treibt die Leute auf die Straßen, und das Licht, so scheint es, wandelt sich direkt in Erotik um. Mädchen und Jungs in engen Outfits - alle sehr blond, sehr schlank, sehr bleich - lassen es knistern. "Terviseks", klärt mich Maia augenzwinkernd bei einem Bier auf, "heißt zwar in erster Linie Prost, aber Sex steckt halt auch in diesem Wort." Wie die meisten jungen Leute hat Maia mehrere Jobs, um sich das schnelle, neue Leben leisten zu können, das in Estland fast so teuer ist wie im Westen. Sie studiert, arbeitet im Museum und baut zudem eine Reiseagentur auf. Freundin Niina übersetzt, macht Führungen, dolmetscht bei Konferenzen. Ständig piept ihr Handy. Sie spricht auf Russisch, Estnisch, Deutsch.
Wer tagsüber Gas gibt, steigt abends nicht auf die Bremse. Dann saugen hippe Lokale und Diskos mit bulligen Türstehern die Nachtschwärmer wie Staubsauger in ihre Spotlight-Welten, die fast so grell sind wie in Berlin oder London.
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