Griechenlands Hauptstadt ist ein Touristenmagnet. Sie bemüht der Euros wegen jedes Klischee von Sirtaki über Zaziki und Retsina bis Sokrates. Und ist doch viel schöner, als mancher glauben machen will. Lesen Sie unseren Reisebericht.
Alpha, wie alles beginnt. „Alfa Beer Hellenic Quality“ steht auf der Flasche. Englisch, damit wir’s verstehen. Sind nur Touristen da und keiner spricht Griechisch. Nur der Kellner sagt „parakalo“ und meint: „Bestellen Sie mal zügig, kommt gleich noch ’n Bus.“ Wird gemacht, Chef! Einmal den Greek Salad … Die spielen Athen für Touristen, das muss wohl so sein.
Aber dann wird das Stück doch gar nicht so schlecht, das Essen besser, der Kellner freundlicher. Nach einer Stunde immer noch keine Busuki, Glück gehabt. Und keiner tanzt Sirtaki, dafür die Kulisse auf der Nase herum. Und zwar so penetrant, dass sie echt sein muss.
Jenseits des Tellerrands, hinter Olivenölflasche und Wabbel-Weißbrot, in Griffweite geradezu, ragt es: römische Agora hier, Hadrians-Bibliothek da, über allem die Akropolis. Immer, jeden Tag, und das seit über 2.000 Jahren. Wo soll das hinführen, gerade angekommen und eigentlich erst bei Alpha oder Alfa?
Andererseits können ja die Athener nix dafür, dass die Altvorderen das ganze Zeus-Zeugs hier aufgebaut und dann auch noch die Demokratie erfunden haben, Volksherrschaft heißt das. Und ihr Völker der Welt, jetzt kommt ihr ständig hierher, um euren inneren kleinen Griechen zu entdecken. Schon im Bus vom Flughafen ging das los.
Eine Gruppe deutscher Geschäftsleute lässt erst einmal eine antikisierende Sokrates-Perikles-Platon-Euripides-Wortsalve los, bevor sie sich wieder Controlling und Finanzkrise zuwendet. Nur Otto Rehhagel, der sture Hund, das wissen wir aus der Zeitung, der hat nach acht Jahren immer noch kein Wort Griechisch gelernt. Wie das Scherbengericht am Ende der Tage darüber urteilen wird, wir werden sehen.
Aber was stimmt denn überhaupt an unserem Bild von Athen, was ist original, authentisch, ursprünglich? „Das ist die falsche Frage“, erwidert Maria Chatzidakis, Professorin der Technischen Hochschule. „Unsere Studenten lernen, dass Restaurierung nicht Wiederherstellung eines vermeintlichen Originalzustands meint. Das können sie hier ganz praktisch erfahren.“
Wir stehen in der kleinen byzantinischen Kirche Agios Nikolaos. Es ist schummrig, die Wände sind dunkel, fast schwarz. Erst als das Auge sich an das Dämmerlicht gewöhnt hat, erahnt man die dahinter verborgen liegenden Bilder. Sechs Studentinnen und ein Student tasten sich durch Rußschichten bis zu wertvoller Ikonenmalerei vor.
„Seit Jahrhunderten kommen die Menschen aus der Nachbarschaft, beten und zünden ihre Kerzen an. Die Rußschicht ist also ein lebendiges Zeugnis, dass diese Kirche kein Museum ist. Die Bilder wieder zum Vorschein zu bringen, ohne die Spuren der Geschichte auszulöschen, ist die Kunst.“ Vater Silvanos, der orthodoxe Priester der Kirche, schaut vorbei und verordnet ganz profan eine Mittagspause.
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