
Autor:
Andreas Hub
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Die meinen das ernst mit dem Wind. Richtiger Wind, nicht so ein Lüftchen, das die Postkartenständer am Hafen von Mykonos quietschen lässt. Von jeder zweiten Karte grüßen die „Kato Mili“, die berühmten fünf Windmühlen. Dass die nicht vom Fremdenverkehrsamt aufgestellt wurden, sondern, ja, weil es hier viel Wind gibt, das dämmert den Passagieren von Flug A378.
Weil die weiße Stadt Mykonos nach dem zweiten gescheiterten Landeanflug aus dem Tunnelblickfeld des Kabinenfensters verschwindet und das Bild für einen kurzen Moment auf eine glutrote Sonne schwenkt, die gerade im Meer versinkt. Was uns sonst schwärmen lässt, signalisiert plötzlich Gefahr.
Steil zieht der Pilot die Nase der Maschine hoch und die Stimme aus dem Cockpit meldet: „Wegen des starken Winds ist eine Landung auf Mykonos derzeit nicht möglich. Wir fliegen nach Athen zurück.“ Mit der vagen Vertröstung auf spätere Information und einem Verzehrgutschein schickt die Fluglinie ihre Kunden ins Café.
Es heißt „Blaue Inseln“ und ist ein Hort der Gestrandeten. Im weiteren Verlauf der Nacht kommen wir doch noch nach Mykonos, 40 Minuten ruhiger Flug, glatte Landung.
Am nächsten Morgen angelt ein Wirt an der Mole seine weißen Korbstühle aus dem Wasser. „Eine stürmische Nacht gestern“, murrt er, aber es bleibt offen, ob er den Wind oder die Party meint, die hier obligatorisch nächtens tobt. Nun ist die Luft raus.
Ein paar übrig Gebliebene, manche euphorisiert (fummeln am Lover), manche dumpf (fummeln am Handy), hocken vor längst geschlossenen Bars. Alte Männer in bereits wieder geöffneten Kafenions erörtern gestenreich die Lage. Ein Händler baut an der Promenade seinen Gemüsestand auf. „Alles aus Mykonos“, weist er stolz auf Tomaten, Melonen, Zucchini. Eine Alte in Schwarz schlurft zur Panagia-Paraportiani-
Kirche, sich sorgsam auf ihren Stock stützend, denn das Pflaster ist rutschig und feucht vom Meer.
Noch hat die aufgehende Sonne die Hafenbucht nicht erreicht, aber schon strahlt der gelbe Schornstein eines einlaufenden Kreuzfahrtschiffs zehn Stockwerke über dem Wasserspiegel im Sonnenlicht. Für die Passagiere auf dem Oberdeck müssen die Häuser von Klein-Venedig wie eine Puppenstube wirken. Neben den Windmühlen ist das die berühmteste Ansicht von Mykonos: alte Kapitänshäuser, auf Felsen direkt ans Ufer gebaut, die bunten Holzbalkone und Erker ragen aufs Wasser hinaus.
Kneipentische, Stühle und ein handtuchschmaler Gehweg nutzen jeden Zentimeter vor den Häuserwänden. Eigentlich ist nicht mehr Platz vorhanden als in einem großen Wohnzimmer, in dem man dazu auch noch ständig nasse Füße bekommt. „Passen Sie auf, die Wellen können ganz schön hoch spritzen“, mahnt der Wirt und serviert Joghurt, Honig, frische Trauben, ein schaumiges Omelett mit grüner Paprika, natürlich von der Insel, dazu einen Kaffee, schwarz, bitter, süß, stark.
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