Den Eskimos verdanken wir Anorak, Kajak und Hundeschlitten. Und was haben wir ihnen gebracht? Die so genannten Segnungen der Zivilisation! Die aber sind für die Inuit eher Fluch als Segen.
Zunächst beschädigen wir eine Legende: Eskimo kommt nicht vom Essen und hat schon gar nichts mit Fressen zu tun. Also von wegen Rohfleischfresser! Wir haben demnach in Bezug auf die Eskimos eine legendäre Bauchlandung in Sachen Political Correctness gemacht.
Weil dieser indianische Begriff vom algonkischen Ashkipok abgeleitet angeblich Roh-Esser heißt und fälschlich immer öfter als Rohfleischfresser verballhornt wurde, nannten wir die Eskimos Inuit – Menschen. So würden sie sich angeblich selbst nennen. Wofür es keinen Beleg gibt. Und selbst wenn an der Rohfleischinjurie etwas dran wäre, was wäre schon Schlimmes dabei, verzehren doch auch Italiener rohes Fleisch in Form von Carpaccio, Franzosen als Tatar oder Japaner & Co. ihren Fisch als Sushi.
Dabei stimmt die Ableitung des Begriffs Eskimo gar nicht, sondern er stammt vom Wort Assimew oder Ashkime ab, was Schneeschuhknüpfer bedeutet, wie das Institut für allgemeine und angewandte Sprachwissenschaft nachweist. Und ernährungsphysiologisch ist der Verzehr von rohem, fettem Fisch, Robben- und Walfleisch in Gegenden mit wenig Grünzeugs das evolutionäre Glückslos der polaren Menschen gewesen: In diesen Nahrungsmitteln stecken Omega-3-Fettsäuren, die vor Herz-Kreislauf-Erkrankungen schützen und die Blutfettwerte senken. Die Eskimos bewiesen guten Geschmack.
Damals, als die arktischen Mongolen von Sibirien aus an die Fersen von Karibuherden geheftet über die vor rund 10.000 Jahren an dieser Stelle unter NN gesunkene Bering-See nach Alaska, Kanada und Grönland rübergemacht haben, wusste keiner, dass dies ein Jagdausflug ohne Wiederkehr sein würde. Quasi in geografischer Isolationshaft begann vor 4.000 bis 5.000 Jahren eine kulturelle Entwicklung, deren Facettenreichtum nicht bei Anorak oder Iglu aufhört.
Die Wildfährten, denen die Nomaden folgten, verloren sich in alle möglichen Richtungen. So kappte die jagdlich bedingte Migration als Erstes die sprachlichen Wurzeln der eskimo-aleutischen Völkerschar. Den Inuit-Völkern – Yuit, Inupiat, Yupigut, Ungangan und Nivokagmit – erging es nicht besser als den Leutchen beim biblischen Turmbau zu Babel.
Die kulturelle Gemeinschaft bröselte auch in anderer Hinsicht: Je nach Lebensraum liebten sie anders, jagten sie anders, wohnten sie anders. Für uns allerdings haben die Eskimos in Schnee-Iglus zu wohnen – und fertig. Das hängt damit zusammen, dass wir deren unterkühltes Wohngebiet recht undifferenziert sehen. Ein Blick aufs Thermometer belehrt uns jedoch, dass im Norden Grönlands zwischen dem 75. und 97. Grad nördlicher Breite (der Nordpol liegt übrigens bei 90 Grad) das Meer neun von zwölf Monaten vereist ist, während es an der nordamerikanischen Westküste am Pazifik überwiegend eisfrei bleibt.
Iglu heißt übersetzt Haus, der Haustyp aber unterscheidet sich je nach Klima in den drei Kulturzonen, die die Wissenschaft nach hocharktischer, subarktischer und inländischer Kultur unterscheidet. Zwischen Grönland und Labrador bestehen die Behausungen aus Stein, von Nord-Quebec bis Coppermine aus Schnee und zwischen dem Mackenzie-Delta und Südalaska aus Treibholz und Erde. Sie wurden ausschließlich im Winter benutzt, weil es während dieser Jahreszeit bei minus 40 Grad draußen erheblich frischer werden konnte als in einer Tiefkühltruhe.
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