
Autor:
Inken Herzig
InsiderTipps
Hoch über deren Inselhauptstadt St. Peter Port thront eine weiße Villa, Hauteville House. Heute warten Schulklassen und der Autor dieses Reiseberichts vor dem Anwesen, das einst Hugos Privatadresse war. Eine französische Museumsangestellte zeigt die Gemälde, die der Dichter der Nachwelt hinterlassen hat.
Tatsächlich war er auch mit Pinsel und Staffelei begabt, was die junge Frau ohne Hintergedanken kommentiert: "Victor Hugo war sehr interessiert an der Kunst, so wie an vielen anderen Dingen auch." Aha!
Ein offenes Geheimnis ist, dass er während seines Lebens an fast 2.000 Frauen lustvollen Gefallen fand. Am 16. November 1865 notierte er in sein Tagebuch, wie er eine Hausangestellte nach allen Regeln der Kunst verführt.
Hugo verwandelte sein Haus in eine Bühne aus dunklem Mobiliar, samtenen Stoffen und blauen Delfter Kacheln, die er in den Niederlanden aufgestöbert hatte. Stundenlang streifte er über die Insel, um antike Möbel, Spiegel und Kuriositäten zu kaufen. Einige dieser erlesenen Stücke funktionierte Hugo dann um: Kommoden wurden zerlegt und zu Wandverkleidungen, auseinander geschnittene Teppiche dienten als Deckendekoration.
Seine Frau Adèle, die das rührige Pariser Leben gewöhnt war, fühlte sich in der Abgeschiedenheit des dunklen Hauses lebendig begraben und klagte einer Freundin: "Wir ziehen jetzt in unser Haus ein, für mich ist das wie eine endgültige Bestätigung des Exils. Ich werde in diesem Haus sterben. Er wird das Haus nach seinem Geschmack einrichten, keineswegs wie eine Pariser Wohnung. Es wird wie ein Landhaus aussehen, das mehr zufällig eingerichtet ist, völlig anspruchslos."
Auch seine Tochter verkümmerte im uninspirierten Inselleben, vernachlässigte ihr Äußeres und zog sich immer mehr zurück. Ungeachtet dessen genoss Hugo das Exil: "Ich muss es schon zugeben: Ich liebe das Exil ganz entschieden. Keine Besucher zu empfangen, keine Besuche zu erwidern, das Glück, allein zu sein, die friedliche Lektüre, friedliche Träumereien, friedliche Arbeit, Eigenbrötelei." Zum Schreiben residierte er im verglasten, taghellen Dachgeschoss seiner Villa. Er genoss die herrliche Aussicht aufs Meer und die nahe Küste seiner Heimat. "Ich wohne hoch über der Stadt in einem Möwennest. Von meinem Fenster aus sehe ich den ganzen Archipel der Kanalinseln: Ich sehe Frankreich, das mich verbannt hat, und Jersey, das mich ausgewiesen hat", schrieb er. Jeden Morgen hisste er vom Fenster aus ein Fähnchen, das seiner Geliebten, Juliette Drouet, bedeuten sollte, er habe gut geschlafen. Die ehemalige Schauspielerin, die Hugo insgesamt 50 Jahre lang überallhin begleiten sollte, wurde übrigens gegenüber, in Haus Nummer 20, untergebracht.
Eine Ménage à trois, ein sündiges Leben in der heilen, anglikanisch-katholischen Welt, begann. Hugo nutzte die kreative Zeit. An seinem Stehpult entstanden "Les Misérables" ("Die Elenden") oder "Les Travailleurs de la mer" ("Die Arbeiter des Meeres"), das einzige Buch, das auf den Kanalinseln spielt. Dort beschrieb er das harte Schicksal des Fischers Gilliat, der sich nach einem Schiffbruch eines Kraken erwehren muss.
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