
Autor:
Inken Herzig
Die Kanalinseln verbinden Savoir-vivre und britische Eleganz: Gartenkunst aus England, französische Küche. Europas schönste Kombination. Dessen war sich auch der Schriftsteller Victor Hugo bewusst.
Wenn düstere Wolkenfetzen über den Himmel jagten, lief Victor Hugo mit wehenden Rockschößen durch die Klippen. Verharrte, wo die Wellen donnernd gegen mörderische Felsen schlugen, und versuchte, mit dem Jenseits Zwiegespräch zu halten. Der Literat war ein Exzentriker, ein Sonderling, zweifelsfrei, und er war auf der Flucht. In ganz Frankreich spielt man noch heute seine Dramen, verlegt Werke, die weit weni ger populär als der "Glöckner von Notre Dame" oder "Les Misérables" waren. Doch nicht immer war Hugo in seiner Heimat gern gesehen. Napoleon III. erließ Haftbefehl gegen den republikanisch gesinnten Dichter und am 5. August 1852 steuerte er sein erstes Exil, die Kanalinsel Jersey, an. "Ein Stück Frankreich, das ins Meer gefallen ist und von England aufgesammelt wurde", so beschrieb er später die kleine Inselgruppe.
Alte, schwarze Taxis rollen heute durch die Straßen der Inselhauptstadt. Zu früher Stunde herrscht Hochbetrieb in der viktorianischen Markthalle. Hummer, Garnelen, Jakobsmuscheln und frische Austern liefert das Meer gleich körbeweise. Auf Jersey wird auch wieder eine delikate Schneckenart gezüchtet, die Ormers, eine von Liebhabern in Gold aufgewogene Art.
Von St. Helier führt eine breite Küstenstraße zur Royal Bay of Grouville. Pastellfarbene Häuser, gepflegte Vorgärten und die elfenbeinfarbenen Strände erinnern nicht mehr an Great Britain, eher an den mondänen französischen Badeort Deauville. Dickbereifte Limousinen biegen beim "Longueville Manor" in St. Saviour ab. Das Hotel gehört zu den ersten Insel-Adressen. Chauffeure in Uniform und mit Handschuhen vertreiben sich auf dem Parkplatz heimlich rauchend die Zeit. Das schlossähnliche Herrenhaus mit kurz geschnittenem Rasen und Blumenrabatten verfügt, wie es sich für einen Landsitz gehört, sogar über ein eigenes Hausgespenst. Hotelier Malcolm Lewis, schlank, sportlich, sehr smart und mit Sicherheit eine der begehrtesten Partien der Insel, erinnert sich noch lebendig an eine Dame, die im Hotel zu Gast war, eines Nachts schreiend die breite Treppe hinunterglitt und behauptete, ein altmodisch gekleideter Herr wäre geradewegs durch ihre Wand geschlüpft.
Vielleicht war es Hugo? Der Schriftsteller war Geistern ausgesprochen zugetan und nahm auch an spiritistischen Sitzungen teil. Mit Hilfe einer Madame Giardin rief er beispielsweise Wolfgang Amadeus Mozart oder die kämpferische Jungfrau von Orléans an. Im Oktober 1855 nahm ein unbescholtener Nachbarssohn, Jules Allix, an einem dieser okkulten Treffen teil und verlor schlicht seinen Verstand. "Besessen", lautete die Diagnose, mit der er ins Irrenhaus eingewiesen wurde. Danach waren die Geisterbeschwörungen vorbei. Ein schlechtes Omen? Hugos Inseltage waren endgültig gezählt, als er sich mit radikalen Zeitungsredakteuren solidarisierte. Er wurde von Jersey verbannt und fand Zuflucht auf der Nachbarinsel.
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