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Nirgendwo sonst in Europa liegen die Kontinente und Kulturen so dicht beieinander wie in London. Unser Reisebericht zeigt: Schon ein einfaches Tube-Ticket reicht aus für eine Weltreise – Dolce Vita und Dim Sum, buntes Bollywood und Sauerkraut von echten Krauts.
Unter einer Eisenbahnbrücke trifft sich die Welt zum kulinarischen Seitensprung. Die Araber sind da und die Amerikaner, Franzosen, Italiener und Polen. Sie alle öffnen samstags ihre Stände auf dem Borough Market am südlichen Ufer der Themse. Oben rattern die Züge zur nahen London Bridge Rail Station über den Markt hinweg und lassen die bunt bemalten Eisenträger tanzen. Es ist eng und laut und völlig überfüllt. Gut gelaunte Menschen schieben sich langsam voran. Japaner bestellen Falafel, Syrer verlangen Sushi, Schweden wollen bunte Maccheroni, Spanier essen tellergroße Pizza. Die Deutschen kaufen fetttriefende Fish and Chips, die Engländer haben Lust auf Landjäger aus dem Schwarzwald.
Und deswegen stellen sie sich früher oder später an einer der langen Schlangen an, von denen erst einmal gar nicht klar ist, zu welchem Stand sie letztlich führen. „Ist das hier Boston Sausages?“ „Nein, Best British Cheese!“ Es geht langsam voran, aber stressfrei, gewartet wird britisch-akkurat, sauber aufgereiht und ohne Murren und Meckern. Der Borough Market ist ein chaotisches Gourmetfestival mit internationaler Speisekarte, unter dieser unspektakulären Eisenbahnbrücke rücken die Kontinente eng zusammen. Typisch London.
Wie soll man diese Stadt bloß beschreiben, ohne die gebrauchten, ausgelutschten Phrasen zu wiederholen? Ein Schmelztiegel? Eine Weltstadt? Eine Multi-Kulti-Megametropole? Fakt ist: In London leben 7,5 Millionen Menschen aus mehr als 180 Nationen eng beieinander. Und es werden jeden Tag mehr. Ob Polen im Stadtteil Ealing, Russen in Chelsea und Mayfair, Australier in Earl’s Court, Brasilianer in Shepherd’s Bush oder Karibianer in Brixton – ihre Kultur und ihre Bräuche haben sich die Menschen mal mehr bewahrt und mal weniger.
Wenn bald die Olympischen Spiele im Osten der Stadt beginnen, wird man das in den anderen Vierteln vielleicht gar nicht einmal spüren. Die Welt zu Gast in London? Quatsch. Die Welt ist doch schon lange da.
So wie Ravinderpal Singh. Er wohnt in einer Reihenhaus-Siedlung in Southall, ganz im Westen Londons. Frisch gemähte Rasenflächen, blank polierte Autos in der Einfahrt. Big Ben und Tower Bridge sind 20 Kilometer und mehr entfernt. Das ist keine touristische Gegend hier, aber eine spannende. Die Nachbarn der Singhs heißen ebenfalls Singh. In der Straße wohnen Inder, Pakistanis, Bengalen – ausschließlich. Einwanderer der ersten, zweiten, dritten Generation. „I feel british“, sagt Ravinderpal, der im kleinen Nachbarstädtchen Hayes Englisch an einer Schule unterrichtet. Mit seinem wilden Bart und dem Turban – religiöses Erkennungsmerkmal der Sikhs aus der nordindischen Panjab-Region – würde er in Deutschland häufiger schräg angeschaut werden. Aber nicht in London, wo die Sikh-Gemeinde einfach zum Stadtbild gehört. Und sicher nicht in Southall, wo nur die Blassen und Blonden aus der Reihe fallen.
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