
Autor:
Frank Heuer
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Der majestätische Bengaltiger ist die faszinierendste Raubkatze der Welt. Leider ist Indiens Nationaltier vom Aussterben bedroht. Die Nationalparks im zentralindischen Madhya Pradesh gehören zu den wenigen verbliebenen Refugien der Großkatze. Von edlen Safari Lodges aus begab sich unser Reporter für diesen Reisebericht auf die Suche nach dem „King of the Jungle“.
„We stop for two minutes.“ Hada Chandravijay, unser Guide, hält inne. Zitternd verstummt der Motor. Es ist kühl. Mit einer Wolldecke über den Beinen und einer Wärmflasche im Rücken kauern wir auf den Bänken des Jeeps und lauschen den archaisch vibrierenden Klängen des Urwalds.
Die ersten Sonnenstrahlen des Morgens fingern sich durch das taubenetzte Blattwerk der Sal-Bäume. Hada erhebt seinen Finger und flüstert: „Hört ihr den Alarmschrei? Der Warnruf eines Affen. Da muss ein größeres Tier unterwegs sein!“
Ein Knistern kommt aus dem Unterholz, immer näher. Wir starren regungslos ins grüne Geflecht des Waldes. Ist das nun der lang ersehnte Moment - der Tiger? Doch so einfach ist das nicht! Ein Rudel wilder Hunde, acht an der Zahl, prescht aus dem Dickicht hervor. Postiert sich verwegen auf dem schmalen Fahrweg. Zwei der Tiere schauen neugierig zu uns herüber, während eine Hündin ausgiebig das Terrain markiert. Strenger Geruch breitet sich aus.
„Die Inder nennen sie die Teufel des Waldes. Weil sie gefährliche Jäger sind, aber keine großen Reißzähne besitzen,“ erklärt Hada, „ erlegen sie ihre Beute mit kleinen Bissen, was meist einen qualvollen Tod mit sich bringt“. Hada ist begeistert von der seltenen Sichtung.
Meine Mitfahrer Tim und Mathews haben sich schon drei Tage in aller Früh aus den behaglichen Betten des Safari Camps „Banjaar Tola“ gequält. Pünktlich um fünf – die Sterne funkeln noch am Himmel – stellt Butler Roshan das Tablett mit frisch gebrühtem Cafe und Cookies in der Frühstücksluke des luxuriösen Zeltes ab.
Eine halbe Stunde später verlässt der Jeep das Camp. Noch vor Sonnenaufgang öffnet sich das Gatter des Kanha-Nationalparks um den Besuchern vier Stunden Wildnis pur zu gewähren. In Kanha, mit 1945 Qudratkilometern eines der größten Wildreservate Indiens, sollen laut Schätzung der Park-Ranger ungefähr 80 Tiger leben. Eine Garantie für eine Tigersichtung, das merken wir bald, ist das nicht. Dafür bieten sich zahlreiche Begegnungen mit anderen Parkbewohnern.
Aus dem Schilf eines Feuchtgebiets recken seltene Barasingha-Hirsche ihr mächtiges Geweih in die Höhe. Auf einer Lichtung entdecken wir feenhaft gefleckte Axis-Hirsche, die uns mit unschuldigen Kulleraugen anstarren. In den Bäumen lümmeln freche hellgraue Hanuman-Languren. Die schwarzen, haarlosen Gesichter dieser Schlankaffen sind von einem hell leuchtenden Haarkranz umgeben. Und die größten Bullen der Welt, wiederkäuende Gaur, stromern durch Busch und Savanne. Immer tiefer dringen wir in das Pisten-Labyrinth von Kanha ein, längst ist die Orientierung dahin. Vom König des Dschungels fehlt jede Spur – bis auf den Abdruck seiner gewaltigen Pranke im sandigen Untergrund des Fahrstreifens.
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