
Autor:
Ilija Trojanow
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Die Tempel, Paläste und Burgen Nordindiens erscheinen einem tatsächlich märchenhaft. Nicht nur wegen ihrer oft übermenschlichen Dimensionen und ihrer bizarren Formen, sondern auch wegen der Gefühle und Ambitionen, die sie verbreiten. Reisebericht aus einem Land im Aufbruch und mit opulenter Historie.
Der Tadsch Mahal in Agra etwa, berühmtestes Bauwerk Indiens, entstand aus dem Begehren des untröstlichen Königs Shah Jahan, seiner verstorbenen Gattin Mumtaz ein unsterbliches Denkmal zu setzen. Der Marmor selbst sollte singen: "Ich habe nicht vergessen, ich habe nicht vergessen, meine Geliebte!" In 22 Jahren gelang es 20.000 Arbeitern, "eine Träne auf dem Gesicht der Ewigkeit" (Literaturnobelpreisträger Rabindranath Tagore) zu setzen, doch als irdische Folge brachte er das mächtige Imperium der Moguln schlicht an den Rand des Bankrotts.
Die postmodern anmutende Anlage Jantar Mantar des Maharadscha Sawai Jai Singh II. in Jaipur, der Hauptstadt von Rajasthan, hingegen ist versteinerter Ausdruck des monumentalen Ehrgeizes, die Bewegungen der Planeten genauer zu messen als je zuvor. Heute zerrinnen die Sonnenstrahlen im Zweisekundentakt. Und das "Lake Palace Hotel" auf dem künstlichen See in Udaipur gründet auf der unermesslichen Vergnügungssucht eines Prinzen. Der König war es leid, dem Sohn ständig seine Wasserpaläste zur Verfügung zu stellen - er wies den Prinzen an, sich sein eigenes Lustschloss zu bauen. In Folge dieser väterlichen Zurechtweisung entstand in Rajasthan eines der schönsten romantischen Gebäude der Welt.
Wie eine einzige Märchenkulisse wirkt die Wüstenstadt Jaisalmer. Mittelalter, erstarrt in bröckeligem Stein. Vergangener Reichtum, in goldene Fassaden ziseliert. 99 flimmernde Täuschungen. Jaisalmer in Rajasthan an der Grenze zu Pakistan lag auf einer West-Ost-Karawanenroute, die an Bedeutung in Asien nur der Seidenstraße nachstand. Und die örtlichen Fürsten verstanden es, am durchziehenden Reichtum zu verdienen. Jaisalmer blühte auf, die großen Handelshäuser bauten sich Residenzen von unbescheidener Pracht, die sehenswerten Havelis der Stadt. Heute ist - im Gegensatz zu vielen anderen Forts - die Festung noch bewohnt, von etwa 2.000 Rajasthanis, überwiegend Handwerker. Nur ein kleiner Teil des Forts wird vom Palast eingenommen. Von seinen Terrassen aus kann man sehen, wie das Märchen in allen Richtungen in der Wüste versiegt.
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