
Autor:
Martin Müller
InsiderTipps
Indiens Hauptstadt erfordert alle sechs Sinne des Besuchers. Vorausgesetzt, er hat gutes Schuhwerk und der Affengott steht ihm bei.
Augen zu in Delhi! Ich stelle mich irgendwo in eine Gasse und sortiere Geruchsfarben. Süßlicher Brandgeruch und warme Tieraromen, sanfte Sandelholzschmeichelei und reizende Chiliattacke, Hühnerkacke und Leiberduft. Eine Hand legt sich auf meinen Arm, eine Stuhlkante tastet sich in meine Kniekehlen, ich sitze, noch bevor ich alarmiert aufschauen kann.
Ein Mann hat mir den Stuhl gebracht und lächelt mich an – und dann lässt er mich in Ruhe den Puls der 18-Millionen-Stadt abhorchen: Fahrradgeklingel, Röstgeknister, Tuktukgeknatter, Silbengeschnatter. Der Delhi-Sound raschelt, schlürft und summt wie eine überdimensionierte Tonspur, auf der die Stadt seit über 3.000 Jahren ihre Geräusche aufzeichnet und den Göttern als Lebensbeweis um die Ohren haut.
Apropos Götter, von denen es im Hinduismus mehr gibt als die Stadt Jahresringe hat. Für vier Tage Delhimania suche ich einen Gott als Beistand. Ich öffne die Augen. Vor mir steht ein drei Stockwerke großer Affe. „Als ich jung war, verehrte ich den Affengott, weil er mir Kraft und Ruhe gab“, sagt Herr Singh, der mich durch Delhi führt. Gott gefunden, triumphiere ich. Dieser Hanuman hat seinen Tempel im Körper. Dort riecht’s nach Öllämpchen, Räucherstäbchen und den Blumengirlanden, die etliche Altäre schmücken. Die Stadt ist draußen, im Bauch des Gottes herrscht klebrige Andacht.
Ein paar Jungs führen mich in die oberste Etage des muskulösen Affen, wo sie sich mit selbst gebastelten Hanteln Hanuman’sche Power antrainieren. Nebenan liegt die Jhandewalan Station der Metro, die als Hochbahn durch Neu-Delhi führt. Hanuman, der schon Gott Rama mithilfe seines Affenheers aus Schwierigkeiten heraushaute, zeigt Schutz versprechend seine Muckis neben der neuen Verkehrstechnik, die im Jahr 2010 während der Commonwealth Games Athleten und Besucher aus über 70 Nationen transportieren soll.
Der alte Haudegen Hanuman gilt seit der Veröffentlichung des umweltpolitisch korrekten Kinderfilms „The Return of Hanuman“ 2007 auch als Ritter für den Schutz der globalen Atmosphäre. Der Affengott ist auf der Höhe der Zeit. Delhi auch, versichert Herr Singh, weil das Oberste Gericht wegen des Smogs den Nah- und Taxiverkehr von Benzin auf Gas umzustellen befahl.
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