
Autor:
Winfried Schumacher
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Niemand kommt nach Jerusalem ohne eine oder tausend Geschichten im Gepäck.
Und wenn Jerusalem einfach nur ein Ort von Tausenden wäre, eine Stadt wie Bangalore, Addis Abeba oder Dnipropetrowsk? Ein Name, den wir seit Langem kennen, aber der in unseren Gedanken kein Gesicht hat und zu dem in unserem Kopf keine Bilder existieren. Vielleicht sollte man nach Jerusalem reisen wie nach Ulan-Bator, Montevideo oder Perth. Man müsste dieser Stadt begegnen, als habe man über sie nie mehr als ihren bloßen Namen gehört. Vielleicht könnte man dann ein Porträt zeichnen, das ihr gleichsieht, ein Abbild, das nicht nur reine Perspektive ist.
Jeder aber, der nach Jerusalem kommt, trägt bereits ein halb fertiges Bild in sich, eine Collage aus Buchstaben in heiligen Schriften, goldüberzogenen Gemälden und blutverschmierten Fernsehbildern. Der Tempelberg in unserem Kopf ist mit den Jahren immer höher geworden. Und dann plötzlich stehen wir vor ihm. Zu Gottes erwähltem Berg führt eine schmale Rampe auf einem Stahlgerüst. Durch ein Gitter blicken die Touristen auf einen Trümmerberg und jahrtausendealten Schutt unter dunklen Plastikplanen. Sicherheitsleute haben ihnen zuvor die Hosentaschen geleert und die Gürtel ausgezogen. Die Situation am Tempelberg ist angespannt und die Angst vor Terroranschlägen – von welcher Seite auch immer – groß. Kein Zutritt zu den heiligen Stätten ohne das Fiepen der Metalldetektoren.
Das Gewirr der Sprachen wird am Fuß des Bergs immer dichter und mit ihm drängen sich die Gegensätze Jerusalems in einer Menschenschlange: orthodoxe Juden und Soldaten der israelischen Armee auf dem Weg zur Klagemauer, bayrische Rentner auf Pilgerfahrt, taiwanesische Backpacker auf Zwischenstation ihrer Weltreise. Oben auf dem Berg mischen sich unter die Reisenden Jerusalems Muslime, die über separate Eingänge zum Gebet gekommen sind. Hinter einer byzantinischen Säulenarkade erhebt sich die berühmte Kuppel des Felsendoms, strahlendes Gold auf einem gewaltigen Sockel aus arabesken- und schriftumranktem Tiefblau.
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