
Autor:
Andreas Hub
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Neapel kann nicht mit weltberühmten Bauwerken protzen. Die Stadt wirkt als Ganzes. Sie reizt durch Kontraste. Und reißt dabei immer die Klappe auf, wie unser Reisebericht beweist. Und das beste: Die Stadt ist mit Low Cost Airlines gut und günstig zu erreichen.
Basta! Tun wir mal so, als wär's das schon gewesen, gerade angekommen, die Koffer kaum auf dem unterirdischen Bahnsteig der hässlichen Stazione Garibaldi abgestellt. Und jetzt einfach mal zu sagen wagen: Diese ersten 20 Minuten - das ist Neapel! Nicht mehr, nicht weniger. Hunderte von Menschen warten ungeduldig auf die Metro, drängeln, schubsen, fluchen. Die Bahn hat mal wieder gar keine Eile. Hier gibt es immerhin noch einen offiziellen Fahrplan - bei den Bussen hat die Stadt das längst aufgegeben. Die kommen oder kommen nicht. Aber in der Stazione will keiner mehr warten. Zehn Minuten Verspätung, bald schon 20. Dann rollt der Zug schließlich doch ein. Und jetzt sind wir mitten in Neapel, denn plötzlich kippt die gereizte Stimmung total um: Alle Anspannung weicht spontaner Begeisterung, der ganze Bahnsteig beginnt zu lachen und zu klatschen. Donnernder Applaus rollt wie eine Woge durch die Station.
Beginnen wir die Stadterkundung an einem ruhigeren Platz: Der Innenhof des Museo Archeologico strahlt Frieden und Erhabenheit aus. Meterhohe römische Köpfe, dreifach lebensgroße Statuen, fein bearbeitete Kapitelle, Grabsteine gleich im Dutzend. Genug, um mehrere Museen an weniger geschichtsträchtigen Orten der Welt selig zu machen. Und was tun die Leute statt zu schauen und zu staunen? Setzen sich einfach drauf auf die tollen Stücke. Ja, man hat auch Stühle aufgestellt, aber antik sitzt sich's besser. Schön kühl sind die Steine am Vormittag, wenn die Sonne den Hof noch nicht erreicht hat. Absperrungen? Verbotsschilder? Mahnende Wärter-Worte? Alles Fehlanzeige. Gibt einfach genug von dem alten Zeugs hier.
Vis-a-vis vom Museum liegt ein inoffzieller Fußballplatz: Eigentlich ist die Galleria Principe di Napoli eine der monumentalen, glasdachüberkuppelten Passagen des 19. Jahrhunderts, von denen die Galleria Umberto I. die berühmteste ist. Aber wenn die Geschäfte geschlossen sind, abends, nachts und sonntags, dann triumphiert dort der Straßenfußball über Designer-Shops.
Neapel lebt eben mit und leidet unter seinen krassen Kontrasten: Hier palastartige Feudalbauten wie die Galleria oder das Archäologische Museum, gleich nebenan ein Viertel wie Stella mit schmalen Gassen, die so eng gebaut sind, dass man sich von Balkon zu Balkon, von einer Straßenseite zur anderen, fast die Hände schütteln kann. Lautstark diskutieren die Balkon-Tribünen-Gäste das Geschehen in der Häuserschlucht. Aus den Wohnungen dringt TV-Seifenoper-Gebrabbel, vermischt mit dem Geruch scharfer Putzmittel. Italienische Flaggen und die Wäsche flattern im Wind und Motorroller meistern mit Überschallgeschwindigkeit alle Engpässe.
Neapel kann nicht mit weltberühmten Bauwerken protzen, die Stadt wirkt als Ganzes. Am eindrucksvollsten zeigt sich die Architektur da, wo sie eigentlich nicht vorhanden ist: Auf den zahlreichen, meist in bourbonischer Zeit angelegten Plätzen. Der mächtigste ist die Piazza del Plebiscito, die von der halbkreisförmigen Kirche San Francesco a Paola aus dem 19. Jahrhundert beherrscht wird. Der Platz ist so groß, dass die meisten Menschen nicht mitten drüber, sondern am Rand entlanggehen, wohl aus Sorge, sonst verschluckt zu werden. Mit Straßencafés laden die altstädtische Piazza del Gesu Nuovo oder die Piazza San Domenico Maggiore zum Verweilen ein, während die Piazza Nicola Amore und die Piazza Giovanni Bovio nach wie vor Drehscheiben des regelmäßig kollabierenden Autoverkehrs sind.
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