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Der Trip zum Gardasee war lang geplant, riesengroß war die Vorfreude auf den ersten Espresso am Wasser. Und dann das: Links und rechts der Brenner-Autobahn lockten traumhafte Gipfelblicke und liebliche Bergseen, Alpenrausch und Dolce Vita in den Dolomiten. Sorry, aber wir konnten nicht anders, haben den Blinker gesetzt und sind für diesen Reise-Bericht einfach mal abgefahren.
Auf dem „Kleinstahlhof“ tobt der Bär. Nein, eigentlich sind es 60 wuselige Ziegen, die soeben ihren Stall verlassen haben. Neugierig erkunden sie die Freiheit an der frischen Luft und rangeln um die besten Plätze. Aufregung überall. Nur Helmut Großgasteiger bleibt gelassen. Er steht inmitten seiner schneeweißen Herde. Und während die frechen Viecher übermütig an seinen Klamotten knabbern, genießt der Bauer den Blick aus 1.225 Meter Höhe. Freie Sicht über das Ahrntal, eine Perspektive wie aus dem Flugzeug kurz vor der Landung. Da muss schon mehr kommen als ein Haufen wild gewordener Ziegen, um einen echten Südtiroler Bergbauern aus der Ruhe zu bringen.
Rechts und links strecken sich die Gipfel, dahinter liegt Österreich. Am Horizont stellt sich der verschneite Alpenhauptkamm jedem in den Weg, der passieren möchte. Die markante Dreiherrenspitze und andere Dreitausender schirmen den nördlichsten Zipfel Italiens rigoros ab. Raus geht es nur im Süden. Das Ahrntal, dieses verschlafene Alpental, ist eine gewaltige Sackgasse.
An den Hängen kleben die Bauernhöfe. Wie Spielzeughäuser wirken sie von unten. Wer zu ihnen hoch möchte, muss über steile Straßen, vorbei an blühenden Wiesen und durch dunkles Nadelholz mit moosbewachsenen Steinen am Wegrand. Eine Märchenlandschaft. Aber abgesehen von den Ziegen ist hier oben nicht viel los.
Wollte er nie ausbrechen, niemals in die Stadt ziehen? „Nein“, sagt Großgasteiger, der gerade einmal 28 Jahre alt ist: „Die Luft dort, diese Hektik, bah! Es war immer klar, dass ich bleibe.“ Letztes Jahr übernahm er den „Kleinstahlhof“, der seit 1912 in Familienbesitz ist, von seinen Eltern. Seine Tiere geben im Jahr knapp 23.000 Liter Milch, die zu Bio-Käse verarbeitet werden. Zwei seiner Käsesorten nennt er Heidi und Peter – Namen, die perfekt passen in diese Gegend Italiens, die gar nicht aussieht, wie man sich Italien immer vorstellt.
Welch Glück, vorhin von der Autobahn abgefahren zu sein! Bei Bruneck spontan den Blinker gesetzt und rein in dieses abgelegene Tal, von dem man hier und da schon einmal gehört hatte. Das geht wahrscheinlich vielen Reisenden so, die durch Südtirol und das Trentino fahren. Sterzing, Brixen, Klausen, Bozen, Kaltern, Trento oder Rovereto. Namen, die man auf der Fahrt in den Urlaub schon hundertmal gelesen hat. An deren Ausfahrten man aber nicht abbiegt, weil man sonst zu viel Zeit verlieren würde. Auch wir hatten einst den Plan gefasst, direkt an den Gardasee zu fahren, immer die Brenner-Autobahn hinunter in Richtung Süden. Doch so viel vorweg: Es ist uns nicht ansatzweise gelungen.
Raus aus dem Ahrntal: Hinter Bruneck teilt sich die Straße. Zurück zur Autobahn oder weiter hinein ins Pustertal? Ein kurzer Moment der Versuchung. Na, wenn man schon mal hier ist! Blinker gesetzt und rein ins Tal.
Auch hier hängen die Höfe weit oben. Ein Besuch lohnt, denn am Holztisch in der Bauernstube erfährt der Besucher bei der Marende – der traditionellen Brotzeit – das kleine ABC über dieses stolze Südtirol, das seit 1918 zu Italien gehört, in dem aber drei Viertel der 500.000 Einwohner deutsch sprechen. Die einen Ministerpräsidenten Berlusconi haben, sich über Politik aber im „heute journal“ des ZDF informieren.
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