
Autor:
Olivier Geissler
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Südtirol ist ideal für Bergfexe. Abseits der Dolomitenwege ist der Sonnenberg im Vinschgau ein echter Geheimtipp. Mit Touren vom gemütlichen Waalweg bis zum Qualweg mit Gipfelsturm. Ein sportiver Reisebericht.
Ja bischt narrat!" Der Gastwirt des direkt am steilen Hang gebauten Forra-Hofs schüttelt verständnislos den Kopf. "Trink erst amoi a Limonadn. Die hast diar verdient." Der Meinung bin ich auch.
Es ist etwa halb sieben abends und wir sind ziemlich genau zwölf Stunden unterwegs gewesen. Zu Fuß. Fast immer bergauf. Die Waden schmerzen. Die Füße brennen. Trotzdem geht's uns prima. Besonders, da wir inzwischen unter einem Sonnenschirm auf der Terrasse des schmuck renovierten Bergbauernhofs sitzen. Der Blick wandert über grüne Bergwiesen und das verschwommene Mosaik der symmetrisch angeordneten Obstplantagen unten im Tal der Etsch. Dort drehen sich die Bewässerungssysteme wie wild gewordene Derwische. Das tiefsaftige Grün verschwindet im Dreivierteltakt unter silbern stiebenden Wasserschleiern.
Als wir heute Morgen etwas oberhalb von Allitz losliefen, kannten wir zwar unser Tagesziel: die Bergbahn von St. Martin oberhalb von Latsch. Die wahre Entfernung dorthin wurde allerdings nicht nur vom Morgennebel verschleiert. Denn die zahlreichen Seitentäler des Sonnenbergs, wie die lang gezogenen Hänge auf der Nordseite des Vinschgau genannt werden, sollten unsere Tour doch erheblich verlängern.
Für den Mai ist es ungewöhnlich feucht für den Vinschgau, gilt das Tal doch als eines der trockensten Täler Südtirols. Für den Wanderer ist das aber ein wahrer Glücksfall. Da es ohne künstliche Bewässerung am Sonnenberg nur Steppenvegetation gäbe, mussten sich die Bergbauern etwas einfallen lassen. Und da es früher noch keine Sprühsysteme und unterirdische Leitungen gab, wurden die Felder durch weit verzweigte offene Kanäle, die so genannten Waale, bewässert. Damit ja kein Wasser versickerte, wurde das wertvolle Nass in Holzkandln - ausgehöhlten Holzrinnen - geleitet, die wiederum zum Teil mit kühnen Konstruktionen in die Bergflanken verlegt waren. Heute gehören die Strecken entlang den Waalen zu den schönsten Spazierwegen des Vinschgaus.
Was gibt es Angenehmeres als unter schattigen Bäumen neben dem beruhigenden Plätschern eines kleinen Bachs zu promenieren?
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