Von der Adria durch die Marken, Umbrien und die Toskana zur Isola del Giglio und wieder zurück nach Rimini. Der Reisebericht eines "Navigators" bei der Trofeo Chronoswiss in einem Jaguar Baujahr 1936.
Grausam, oder? Sie sitzen in einem Weinkeller. Vor Ihnen steht ein erstklassiger Rotwein. Statt zu trinken und zu genießen, polieren Sie ständig Weingläser. Der Duft des Weins steigt Ihnen in die Nase. Der Rote funkelt herrlich in der Karaffe. Aber Sie bekommen keinen Schluck ab. Sie müssen ständig Weingläser polieren. Können Sie sich das Gefühl vorstellen? Dann wissen Sie, wie es mir bei der Trofeo Chronoswiss erging ...
Durch die schönsten Städte und Landschaften geht es fast im Blindflug. Ein Auge habe ich stets starr auf das 100 Seiten starke Roadbook voller Piktogramme und Kilometer-Angaben gerichtet. Das andere Auge ruht auf dem Tripmaster. Der Wegstreckenzähler zählt die zurückgelegte Distanz in Zehn-Meter-Schritten und wird bei jedem Orientierungspunkt wieder auf Null gestellt. Dazu muss ich reden, ständig und gegen den Fahrtwind, um Fahrer Gerhard Weissenbach gemäß Roadbook durch die Gegend zu lotsen.
Auf diese Weise schrumpft das wunderschöne Urbino mit seiner einzigartigen Renaissance-Architektur zu einer Begleiterscheinung bei Kilometer 59,73. Es findet im Roadbook nur als Verkehrsschild statt - ebenbürtig mit der Esso-Tankstelle bei Kilometer 60,23 und dem Hinweis "Roma" bei Kilometer 61,35. Das gleiche Spiel bei Perugia: "Bei Kilometer 153,56 rechts ab Richtung 'stadio', nach 450 Metern links. - 350, 300, 250, 200, 150, 100, noch 50 Meter! - nach 100 Metern Richtung Centro ... " Beim Hinweis Centro hoffe ich kurz auf Ein- und Ausblicke im Zentrum. Die Vorfreude währt genau zehn Sekunden, bis zur Seite 27. "Nach 50 Metern links ab, nach 200 Metern rechts." So geht es weiter. Tripmaster auf Null stellen. Position abhaken, "Befehle" an den Fahrer. Nach neun Kilometern ist Perugia passé. Ohne mehr als Ampeln, Kreuzungen und Kreisverkehr gesehen zu haben.
Gerhard reagiert stoisch auf mein Klagen ("Ein irrer Stress, das!"). Mit einem Schmunzeln, einem milden Schmunzeln. "Am Navigieren sind schon viele Ehen zerbrochen. Oft sitzen die Frauen bei Rallyes heulend auf dem Beifahrersitz." Für Ablenkung sorgen zunächst allein die Vielfalt und Kreativität italienischer Straßenbeschilderungen, der fulminant weite Wendekreis des 66 Jahre alten, lachend-blauen Jaguar SS OTS mit der Startnummer 1. Dabei steht SS für Standard Swallow. Der OTS war eine viersitzige Sonderanfertigung des SS 100 für den US-Markt. Die 100 im Namen des zweisitzigen Basismodells stand für die von Konstrukteur William Lyons angestrebte Spitzengeschwindigkeit von 100 Meilen pro Stunde. 1945 wurde die Firma in Jaguar Cars Ltd. umbenannt - das SS war nach dem Weltkrieg wegen unseliger Assoziationen untragbar.
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