Kirgisistan ist ein Land voller Legenden und Geheimnisse. Vor allem aber beeindrucken seine traumhaften Landschaften und die überwältigende Gastfreundschaft seiner Einwohner. Lesen Sie unseren Reisebericht.
Ein Wolf! Flieg, Beisari! Flieg!“, schreit der alte Jäger Tienti Jamanakow. Und sein großer Adler steigt auf, segelt über unsere Köpfe hinweg und verschwindet mit einem markerschütternden Kreischen in der tiefen Schlucht. Tienti ist einer der letzten Kirgisen, die noch mit Adlern auf Beizjagd gehen. In seinem klapprigen Lada ist er bis zum Eingang der Schlucht von Djeti Oguz vor uns hergefahren.
Jetzt öffnet Tienti die Heckklappe und Adler Beisari springt auf seinen Falknerhandschuh. Der Adler hat einen stechenden Blick, seine Klauen flößen Angst ein. Vor 16 Jahren hat Tienti den Adler als Küken hoch oben aus einer Felswand im Tienschan-Gebirge zu sich geholt. Um einen Adler auszubilden, brauche man Wissen und Geduld. „Nur die Mutigsten stürzen sich auf Wölfe“, sagt Tienti. „Mein Beisari hat schon viele gefangen.“
Berkutschi nennen Kirgisen die Beizjäger. Den pensionierten Polizisten Tienti haben wir einige Tage zuvor in einem traditionellen Tschaikana, einem Teehaus, in Osch getroffen. Diese Stadt ist die zweitgrößte Kirgisistans, eines Landes, bei dessen Namen bereits Verwirrung herrscht. Die Regierung des Landes spricht sowohl von der Kirgisischen Republik als auch von Kirgisistan.
Der Legende nach soll Osch vor rund 3.000 Jahren entweder von König Salomo oder Alexander dem Großen gegründet worden sein. Auf jeden Fall liegt die Stadt im Schatten des heiligen Bergs Suleiman-Too. Der war einst ein wichtiger Knotenpunkt an der Seidenstraße. Auf dem quirligen Basar fühlt man sich immer noch in die Zeit der Karawanen zurückversetzt.
Der Markt – übrigens der älteste Zentralasiens – existiert seit 2.000 Jahren. In der Schmiedegasse werden in düsteren Höhlen Klingen gefertigt, Feldhacken und Schaufeln hergestellt, Sicheln geschärft. Direkt nebenan preist ein Händler die typischen kirgisischen Lederstiefel an, die mit weicher Sohle versehen sind und über die man Gummiüberschuhe zieht.
Eine Ecke weiter sind einige Basaris in ihr Dominospiel vertieft. Ein struppiger Hund nutzt einen unbeobachteten Augenblick und klaut das Fladenbrot eines Spielers vom Teller.
Männer mit dem Kalpak auf dem Kopf, der hohen, eigentlich tatarischen Filzmütze, schlendern vorbei. Eine Frau mit Kopftuch und wettergegerbtem Gesicht lehnt an einer verwitternden Wand und spielt auf einer Maultrommel. Wir werden weitergeschoben, an Zwiebelbergen vorbei, zwischen Bataillonen von Reis- und Getreidesäcken hindurch, und landen schließlich am kulinarischen Spezialitätenstand. Ein Augenschmaus für Liebhaber von gepökeltem Rindermagen, weißlicher Rinderlunge oder gekochtem Rinderhirn.
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