Marrakesch
100 % Orient, garantiert
Reisebericht vom Herz der Königsstadt. Blauschwarze Wolken türmen sich unheilvoll über der Jemaa el-Fna. Das passt zum Namen des Platzes, der "Versammlung der Toten" bedeutet. Misstrauisch äugen die Verkäufer an den Saftständen und Garküchen auf das Unheil, das sich über ihnen zusammenbraut.
Hunderte von Neugierigen sind unterwegs. In dichtem Kreis begaffen sie die Schlangenbeschwörer, die mit Vipern und Kobras hantieren. Etwas abseits haben Heiler ihr Sammelsurium aus Tinkturen und getrockneten Tierkörpern ausgebreitet. Nicht weit entfernt sitzen ehrwürdige Männer, die auf die heilende Kraft der Koranverse schwören. Penibel beschriften sie winzige Papierschnipsel, die, in Lederbeutelchen verpackt, dem Hilfe Suchenden übergeben werden. Nur der Zahnarzt mit seiner mobilen Ambulanz findet wenig Anklang.
Plötzlich beginnt es zu regnen. Die ersten schweren Tropfen klatschen aufs staubige Pflaster; ein Ruck geht durch die Menschen. Ein stöhnendes Gurgeln löst sich aus den Kehlen. Dann bricht das Chaos los. Im prasselnden Hagelregen flüchten Männer, Frauen und Kinder in den Schutz von Vordächern und Cafés.
Eine halbe Stunde später steht das Wasser knöchelhoch auf den Straßen und Plätzen. Unrat hat die Abflüsse verstopft. Wasser und Staub überziehen den abgeschliffenen Asphalt mit einer gefährlich glitschigen Schmiere. Marrakesch, die südlichste Königsstadt Marokkos, meldet Land unter.
So wie Elias Canetti die Jemaa el-Fna beschrieben hat, sieht der Platz heute nicht mehr aus. Die ordnende Hand der Stadtoberen hat die Provisorien von Marrakeschs wichtigster Touristenattraktion verbannt. Die Verkaufsstände stehen mit Nummern versehen in Reih und Glied, die Garköche servieren ihre Spezialitäten an langen Theken, Datteln und Nüsse sind zu symmetrischen Kegeln drapiert. Nur die Musiker, Akrobaten, Schlangenbeschwörer und Affenbändiger vermitteln noch etwas von jenem anarchischen Flair, das Canetti und viele andere Reisende einstmals so verzauberte.
Im 12. Jahrhundert erhielt die Stadt zahlreiche repräsentative Gebäude und Gärten sowie die erste, damals neun Kilometer lange Stadtmauer. Heute umschließt das Bollwerk mit seinen 20 Kilometern Länge nicht nur den almoravidischen Altstadtkern, sondern auch das jüdische Viertel Mellah und die von den Almohaden angelegten Gärten.
An der Jemaa el-Fna steigen wir aus dem Auto und betreten über die Rue Souk Smarine das Labyrinth der Marktstraßen. Schilfmatten sperren das Sonnenlicht aus und tauchen die Welt der Stoffhändler in dämmriges Licht. Auf dem Berbermarkt kann man Heilmittel gegen jedes Gebrechen erstehen. Dosen und Fläschchen mit arabischen Aufschriften füllen die Regale der Läden. "Dies hier ist gegen Durchfall", preist ein Verkäufer sein Sortiment an. "Hier haben Sie einen Tee, der garantiert gegen Diabetes hilft. Und das da steigert die Manneskraft."
Längst haben wir die Orientierung verloren. Durch die Kissaria, ein ehemaliges Warenlager, das nachts mit mächtigen Holztoren verschlossen wurde, erreichen wir den Suk el-Attarine und bummeln, an Gemischtwarenläden vorbei, ziellos durch die Gassen. Links hängt frisch gefärbte Wolle in allen Regenbogenfarben über dem schmalen Souk des Teinturiers, dem Färber-Suk.
Das Lärmen der Händler und Kunden, der Handwerker und Lastenträger verhallt hinter uns. Wir sind in einem Wohnviertel. Aus einem offenen Fenster dringt der monotone Singsang der Koranschüler, den der Lehrer mit rhythmischen Stockschlägen begleitet. Sure für Sure lernen die Kinder das heilige Buch des Islam auswendig. Erst kürzlich wurde ein sechsjähriger Junge von König Hassan II. empfangen und öffentlich gelobt, weil er den ganzen Koran auswendig rezitieren kann. Über die Bedeutung der Suren lernen die Schüler dagegen so gut wie nichts.
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neosummer sagte vor 1 Jahr 41 Wochen:
wow. wer hat diese bilder gemacht? klasse.
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