
Autor:
Knud Kohr
InsiderTipps
650 Kilometer von der Sierra Madre bis fast an den Pazifik rattert der Ferrocarril Chihuahua al Pacífico. Zwischen 37 Brücken und 86 Tunneln offenbart er das Wesen Mexikos. Lesen Sie unseren Reisebericht.
Vielleicht ist San Ignacio de Arareko die staubigste Kirche der Welt. Aus Natursteinen gemauert und grob vermörtelt steht sie in der Wüste rund um Creel, ein kleines Bergstädtchen der Sierra Madre Occidental, die im nördlichen Mexiko von Chihuahua bis an den Pazifischen Ozean reicht. Selbst an diesem Oktobervormittag auf 1.200 Meter Höhe hat das Quecksilber die 25 Grad bereits passiert. Auf der Ebene rund um die Kirche Felsen. Wetter und Zeit haben sie bizarr geformt. Manche sehen wie Pilze aus, manche wie Glocken oder Frösche. Ziegen lagern in deren Schatten. Manchmal blitzt es aus dem Inneren der Kirche. Doch das ist nicht etwa eine Marienerscheinung, sondern mein Fotograf bei der Arbeit.
Gestern sind wir in Chihuahua angekommen. Wir wollen der Strecke des Ferrocarril Chihuahua al Pacífico folgen, sie gilt als die schönste Bahnstrecke Mittelamerikas. Überdies ist der "Chepe" - wie er von den Einheimischen genannt wird - die einzige funktionierende Verbindung vom kargen Hochland der Sierra ans Meer. Creel, 50 Kilometer von Chihuahua entfernt, ist unsere erste Station. Von dort aus wollen wir einige Touren unternehmen, bevor wir uns an den weiteren Aufstieg machen.
Mir fallen zwei seltsame runde Steine auf, die links und rechts neben der Kirchentür eingemauert wurden. Fragend schaue ich Javier, unseren Führer, an. Ein kleiner, zuvorkommender Mann, der jeden Tag ein frisch gebügeltes Hemd aus seinem kleinen Koffer zaubert. Javier zögert kurz. Er kann sich meinen Namen nicht merken. Oder ihn zumindest nicht aussprechen. Aber er will nicht unhöflich sein. "Die Steine haben die Tarahumara eingemauert, Knuk." Tarahumara heißen die indianischen Ureinwohner dieser Region, so viel weiß ich schon. "Auf einem ist der Sonnengott, auf dem anderen der Mondgott. Wenn die anderen Leute am Sonntag zur Kirche gehen, treffen sich die Indianer auf dem Platz. Sie möchten nicht mit den Nachfahren der Eroberer zusammen feiern."
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