
Autor:
Robert Haidinger
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Mexiko-Stadt ist zunächst ein Moloch mit reicher Aztekenhistorie. Erst auf den zweiten Blick entdeckt man in „De Effe“ eine vor Lebenskraft strotzende Metropole mit visionärer Architektur, weitläufigen Parks, bunter Folklore und fast dörflichen Ecken.
Mexikaner können schrecklich grausam sein. Sie schneiden Kakteen die Ohren ab und dünsten sie in schwarzen Pfannen. An Flucht ist nicht zu denken. Die Früchte – und wir – sind längst umzingelt. Denn nicht nur die Speisekarte fesselt uns, sondern auch die Stimmbänder der ins Lokal geplatzten Mariachi-Sänger. Dröhnend, klimpernd, trällernd legen sich Bässe, Gitarren und Geigen quer. Gnadenlos zieht mir Trompetenblech den letzten Zahnnerv.
Doch dann passiert das mexikanische Wunder und die eben noch erbarmungslosen Menschen retten uns mit generöser Geste. Die graugrünen Nopales-Kakteenlappen landen auf dem Tisch – und schmecken trotz Zahnweh gar nicht übel. Die Musiker? Strahlen zum Abschied so sonnig, dass selbst Smog zerstäubt.
El Centro, also jenes Viertel, das Mexiko-Stadt-Novizen gern als Erstes durchstreifen, ist voll solcher Oasen. Die koloniale Casa de los Azulejos etwa ist kein schlechter Platz, um mehr zu erfahren. Rötliche Kolonnaden türmen sich im Innenhof des Kolonialbaus. Von oben träufelt Licht wie weicher Mezcal (Agavenschnaps) durchs verglaste Dach. Schaut man von den Innenbalkonen auf die prall gedeckten Tische, dann leuchtet Mexiko in grellen Salsa-Farben herauf. Die bunt gestreiften Folklore-Kleider und die satten Wandbilder von José Clemente Orozco machen den farbenfroh angerichteten Tellern dennoch Konkurrenz.
Der Barkeeper des „La Ópera“ kennt uns schon seit gestern, als es um Wesentliches ging, genauer gesagt um Herradura Blanco, guten Tequila zu fairem Preis. Doch heute zeigt der Mann auf ein schwarzes Loch in der Decke über ihm. Es trieft vor nationaler Erinnerung und feiert gerade seinen runden Hunderter. Oberrevolutionär Pancho Villa soll es persönlich in die Decke des „La Ópera“ geballert haben – so will es die Legende. Man schrieb 1910 und der Volksheld gönnte sich nach erledigter Revolution in den Sitzecken des Lokals eine Pause.
Mexiko-Stadt spart nicht mit Knalleffekten. Mit Agaven-Aromen und Pancho Villa hat das wenig zu tun. Ein Kracher sind die Sheriffs, die auf rotbraunen Pferderücken durch den Alameda-Park reiten, die abgegriffenen Colts lässig im Halfter. Wie aus einem Film kommt mir die Stadtpolizei entgegen: schmales Clark-Gable-Bärtchen, Silberknöpfe, blitzende Sporen und breitkrempige Hüte.
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