Biken und Boot fahren, so lautet das Programm auf der „Jelmar“. Von Amsterdam über Kanäle nach Alkmaar, über Den Helder und die Insel Texel durchs IJsselmeer und wieder zurück nach Amsterdam. Lesen Sie unser Beitrag von Bord.
Das nasse Matjesbrötchen klemmt auf dem Fahrradgepäckträger. Soll man’s denn jetzt etwa wegschmeißen? Dieses zarte Filet, die Zwiebelstückchen, die Gurkenscheiben, köstlich, darauf hatte man sich doch den ganzen Tag gefreut. Und jetzt: nur noch Matjes-Matsch. Im ganzen Hafen von Den Oever gibt es nur einen, der noch nasser ist: den Fahrradfahrer.
Die ganze Situation ist dermaßen bekloppt und der Hunger ja auch nicht geringer geworden, da kann man das Ding auch verdrücken. Unter dem Vordach der Hafenmeisterei bietet die Deichböschung halbwegs trockenen Unterschlupf. Ich beiße rein und – es schmeckt supergut!
Einen Augenblick später reißen über der Nordsee die Regenwolken auf und die Abendsonne wirft ihre Strahlen in den Regen. Es schüttet weiter wie aus Kübeln, auf der Wasseroberfläche zerplatzen, goldrot beleuchtet, die Regentropfen und über dem Hafen schillert ein doppelter Regenbogen. So ein Matjesbrötchen gab’s noch nie.
Die Mastbespannungen alter Segelschiffe klimpern gemütlich im Wind, Fischkutter dümpeln am Kai, dazwischen, etwas unscheinbar, unsere „Jelmar“. Wenn das Schiff morgens um 9 Uhr ablegt, rollen 22 Gäste über schmale Planken von Bord und radeln die Strecke über Land, am späten Nachmittag trifft man sich im verabredeten Hafen wieder.
Je nach Geschmack hält man sich an die Broschüre des Veranstalters mit exakter Routenbeschreibung oder rollt frei nach Schnauze. Die Provinz Noord-Holland liegt auf einer meist etwa 30 bis 40 Kilometer breiten Halbinsel, alle Radwege sind perfekt ausgeschildert und Zeit gibt es mehr als genug.
Die Gäste: Ehepaare, meist ein bisschen älter schon, vier Damen, verwandt, verschwägert, verschwäbelt – und dann noch Vater und Sohn. Der, gerade volljährig geworden, verkündete vor Wochen, er würde gern mitfahren, als der Vater zu Hause von dieser Radreportage erzählte. Damit war schlagartig klar: Hier beginnt ein neuer Lebensabschnitt.
Bis vor Kurzem liefen solche Gespräche so: „Ich habe da einen Auftrag in (sagen wir mal) Gomera, du kannst mitkommen, ich beurlaube dich in der Schule.“ „Was machen wir da?“ „Es ist eine Wanderreportage.“ „Och, dann lieber Schule.“ Und jetzt: „Was machen wir da?“ „Rad fahren, 50 Kilometer am Tag.“ „Cool!“ „Aber in Holland regnet es ziemlich oft.“ „Neeeein – wenn wir kommen, scheint die Sonne.“ Wir steigen in Amsterdam aus dem Zug – es scheint die Sonne. Wir kommen nach einem langen ersten Tag im Sattel in Alkmaar an – es scheint die Sonne.
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