Eine Tour auf der Kamp-Thaya-March-Radroute durch Niederösterreich - das bedeutet fleißig in die Pedale treten! Doch Vorsicht: Am Wegrand lauern Verlockungen wie urige Kellergassen, kleine Vinotheken und gemütliche Wirtschaften, die immer wieder zur Einkehr verführen. Ein Reisebericht für Genussradler.
Auf und nieder, dann macht es ein lautes Bumm und schon ist es passiert: Einer verliert das Gleichgewicht beim wilden Schunkeln zum Wolfgang-Ambros-Klassiker "Du bist die Blume aus dem Gemeindebau" und die gesamte Meute an trinkfreudigen Herrschaften, die sich heute Abend auf dem Kremser Weinfest zum fröhlichen Heurigen versammelt hat, fällt von der Bank, landet rücklings im Kies und lacht sich die Seele aus dem Leib. Wo sind wir da bloß gelandet? Eigentlich wollten mein Begleiter Frank und ich nur schnell eine Kleinigkeit essen. Aber es sollte Stunden dauern, bis wir die Gesellschaft, bei der die allerletzten Sitzplätze zu ergattern waren, wieder verlassen konnten. Die lustige Truppe von Fürstenfeldern, die gerade ihr 20-jähriges Matura- (Verzeihung: Abitur-)jubiläum mit Veltliner und Co. begießt, hat Gefallen an den beiden einzigen Bayern am Tisch gefunden - und sich vorgenommen, diese nach allen Regeln der Kunst abzufüllen. Aber nicht doch! Wer sich mit der richtigen Dosierung von Oktoberfestbier auskennt, kann auch die Wirkung von niederösterreichischem Weißwein einschätzen.
Am nächsten Morgen sind alle Beteiligten topfit. Wir haben ja auch noch einiges vor - mit dem Mountainbike wollen wir den Kamp-Thaya-March-Radweg, der von der Wachau über das niederösterreichische Waldviertel führt, dann eine Zwischenstation im Weinviertel einlegt, um schließlich vor Wien zu enden, abfahren. Die Kurzversion der Strecke geht zwar nur bis nach Retz, doch es sind immerhin gut 250 Kilometer in fünf Tagen, die es zu bewältigen gilt - und die Route ist wahrlich kein Zuckerlecken.
In Krems, dem Startpunkt unserer Reise, ahnen wir davon allerdings noch nichts. Ein Abstecher auf den Donauradweg treibt uns gar noch ein hämisches Grinsen aufs Gesicht. Wenn das alles ist? Lächerlich! Ohne erwähnenswerte Steigungen geht es unangestrengt nach Weißenkirchen, vorbei an saftig-grünen Weinstöcken, die geordnet in der Ebene liegen oder sich in Reih und Glied an steile Hügel schmiegen. Die Strecke ist so gerade, dass man am vergangenen Abend doch noch das eine oder andere Glaserl Wein hätte trinken können. Auch mit erheblichem Restalkohol wäre ein kleines Rennen gegen die Unmengen an grell gekleideten Radelgruppen, die sich hechelnd an uns vorbeischieben, ganz locker zu gewinnen gewesen.
Zeit für eine kleine Mittagspause. Wir kehren ein bei Ulli Jell, die in der Altstadt von Krems den haubengekrönten "Gasthof Jell" betreibt. Die fesche blonde Wirtin im Dirndl serviert pfiffig-deftige Hausmannskost - das Fleisch kommt aus der eigenen Metzgerei, die Weine von Winzern der Region und das Gemüse von den Bauern aus der Umgebung. "Wir streben nicht nach irgendwelchen Gourmet-Auszeichnungen. Wir wollen ein Wirtshaus sein, in dem sich die Gäste wohl fühlen", strahlt sie mich aus ihrem kugelrunden Gesicht an. Unser Glücksgefühl stellt sich bereits beim Lesen der Speisekarte ein. Wie wäre es mit Weinbergschnecken-Eierschwammerl-Gröstl?
Die in der Pfanne gebratenen Pfifferlinge zergehen auf der Zunge, ein Hauch von Knoblauch aromatisiert die Schnecken perfekt. Danach genießen wir rosa gebratenes Rindsfilet mit Gänseleber auf Bandnudeln mit Sommertrüffeln. Die Raffinesse der Gerichte setzt sich fort in der detailverliebten Einrichtung des Lokals. Rot-weiß karierte Baumwollvorhänge, ein Kachelofen, dunkles Holz und Kissen mit Brüsseler Spitze. Doch auch die Wachauer Herzlichkeit kennt ihre Grenzen: Als ich mir "nur" ein Mineralwasser bestelle, ernte ich nichts als verächtliche Blicke von unserer Gastgeberin. Also lässt man sich doch schon mittags einen Schoppen G'spritzten, zu Deutsch eine Weinschorle, aufschwatzen. So ist das eben in Niederösterreich. Man kann sich den Verlockungen am Wegrand einfach schwer entziehen.
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