Bummel durch die Schleifmühlgasse in Wien
Wiener Blut
Von der sündigen Rotlichtmeile zum Boulevard der Bohemiens. Die Wiener Schleifmühlgasse hat sich gewandelt. Doch eines ist Alt-Mietern wie Neu-Yuppies geblieben: ein Hauch Nestwärme.
Die Schleifmühlgasse in Wien ist so lang wie eine schlaflose Nacht. In den verruchten 60er und 70er Jahren boten sich die Damen hier noch auf den Bordsteinen an und in den Pausen wärmten sie sich im „Café Anzengruber“ auf. Heute ist dieses Kaffeehaus ein Treffpunkt der Galeristen, die hinter die Jugendstilfassaden der Schleifmühlgasse gezogen sind. „Wohnzimmer“ nennt Chefin Ankica Saric ihr Kaffeehaus. Und ihre Familie, das sind die Gäste, die mit großer Vorliebe das Gulasch bestellen.
Unter den Stammgästen befinden sich viele BoBos – das steht für Bourgeois und für Bohemien. „Oh Gott, die BoBos kommen!“, fürchteten viele Altmieter, als sich das Freihausviertel, in dem die Gasse liegt, langsam vom Rotlicht-Hinterhof des Naschmarkts zur Shopping- und Kunstmeile wandelte. Jetzt wird hier alles kaputt saniert, munkelten viele. Und in der Tat sind die Mieten abgefahren im „Grätzl“, wie die Wiener das zu nennen pflegen, was den Hamburgern oder Berlinern ihr Kiez ist.
Doch die Schleifmühlgasse steckt weg, was der Zeitgeist fantasiert, sie reicht durch, was nicht passt, und ist auf beunruhigende Weise beständig. Voller Nestwärme. Sehr wienerisch. Da gibt es die Buchhandlung Spice & Books for Cooks, die auch diverse Kochkurse anbietet. Das Hotel Drei Kronen, wo Liebe einst stundenweise abgerechnet wurde, ist heute ein sauber sanierter Jugendstilbau mit Blick zum Naschmarkt.
In der Nähe finden sich Läden, in denen sich Designer austoben durften. Ein Haus weiter steht das einfache Beisl, das Gasthaus. In der Schleifmühlgasse ernähren sich Schoko-Junkies bittersüß im Grand Cacao, während andere sich beim nächsten „Greissler“ vulgo Tante-Emma-Laden mit Milch und Brot eindecken und die Vernissage nebenan samt Kanapees mitnehmen – bei Kargl oder der Galerie Senn.
Man schaut auf einen Kaffee in der Rösterei Alt Wien vorbei und trifft sich im Programmkino Schikaneder. Und nach durchzechter Nacht beginnt das Leben am Kiosk – süß und scharf um 4 Uhr morgens mit Würsteln aus aller Welt.
Weitere Infos
www.einkaufsstrassen.at/freihausviertel
www.wien.info/de
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