
Autor:
Daniel Brinckmann
Walbeobachtung vor den Azoren
Fluken-Festival
Im Gegensatz zu den meisten Inseln der Kanaren und zu Madeira haben sich die Azoren ihre Ursprünglichkeit erhalten können. Und: Sie sind eine hervorragende Whale-Watching-Destination, wie dieser Bericht eindrucksvoll zeigt.
„Cachalotte, cachalotte, cachalotte“, dröhnt es aus dem Bordfunk. In einem Sekundenbruchteil setzt das manövrierfähige Schlauchboot zur Kehrtwende an und schießt gute vier Seemeilen auf den offenen Ozean hinaus. Und schon recken sich etliche Hälse in Richtung Horizont.
Während sich das Boot langsam aber zielsicher dem Objekt der Begierde nähert, wird die Fontäne im Wellental sichtbar. Kurz darauf durchbricht ein gigantischer grauer Körper den spiegelglatten Atlantik. Was die Whale Watcher an Bord hunderte Male im Fernsehen gesehen haben, das erleben sie nun live und in Farbe.
„Wie eine zwölf Meter lange Zigarre“, mag es dem einen oder anderen gerade durch den Kopf schießen. Aber: Der Anblick ist Ehrfurcht gebietend – dieser Kaventsmann ist weit größer als das Schlauchboot, auf dem die acht Passagiere im Sekundentakt auf den Auslöser drücken. So nahe am Puls der Natur ist man nur selten.
Von seinem Landstützpunkt aus hat Senhor Anteiro Soares den Wal schon vor Minuten entdeckt. Seit Stunden hockt der knorrige Azoreaner in seiner Betonbaracke am Fuß des gewaltigen Vulkans Pico, sucht mit dem Fernglas den Horizont ab und grummelt ins Funkmikrofon, was gerade aus den Weiten des Ozeans auftaucht.
Seinen Adleraugen entgeht selbst bei stärkerem Wellengang nichts: Anhand der Form des Blas kann er einwandfrei die Art der Wale und Delfine feststellen. In den alten Tagen vor 1986 hat der „Vigia“ den Walfängern den Weg zu seiner Beute gelotst. Da mögen die Traditionen und kunstvoll beschnitzte Walzähne noch so sehr in Ehren gehalten werden – selbst die ganz Stolzen unter den einstigen Walfängern haben das Whale Watching als einträgliches Geschäft schätzen gelernt.
Draußen auf See muss jetzt alles schnell gehen. Nach einer zehnminütigen Oberflächenpause zum Luft tanken können die Riesen jederzeit wieder auf Tauchstation gehen. Dahin, wo sich ihre Lieblingsbeute, kapitale Tintenfische, verbergen, und mitunter auch hinab bis in 3000 Meter Tiefe.
Ein kaum erkennbares Krümmen der hinteren Rückenpartie signalisiert den Moment, auf den alle an Bord gewartet haben: Eingerahmt von Spritzwasser-Kaskaden hebt sich die Fluke des Pottwalweibchens bogenförmig aus dem Wasser, um begleitet von einem gewaltigen Wasserschwall wieder einzutauchen. Der Spuk ist so schnell vorbei wie er begonnnen hat.
Ohne den Mann im Adlerhorst wäre das Team nun darauf angewiesen, am Ball zu bleiben und darauf zu warten, dass das Tier irgendwann wieder in der Nähe auftaucht. Doch wie so oft hat Anteiro bereits wieder einen neuen „Cachalotte“ in der blauen Wüste gesichtet. Das dreistündige Spiel geht in eine neue Runde…
Im Sommer suchen vor allem „kleinere“ Weibchen mit ihren Kälbern die Küstenregionen Picos auf. Während die Pott- und Grindwale als häufigste Spezies das ganze Jahr über bei den Azoren vorkommen, sind zwischen Mai und Juni die Bartenwale auf Stippvisite zwischen den Inseln unterwegs.
Sei-, Finn- und Buckelwale werden in jedem Frühjahr gesichtet, selbst Blauwale sind manchmal mit von der Partie. Auch kleine Schwertwale und Orcas werden in nahezu jeder Saison gesichtet. Gut und gerne 25 Wal- und Delfin-Arten machen die Azoren zu einem Hotspot für Meeressäuger.
Und noch ist kein Ende in Sicht: „Neuerdings sehen wir auch Bryde-Wale und Frazer-Delfine, die es sonst nur sehr viel weiter südlich gibt“, berichtet der Chef von Pico Sport, Frank Wirth.
Für den Fachbuchautor und Fotografen ist die Ankunft der neuen Gäste ganz klar eine Folge der Meereserwärmung. Ein Grund mehr, auch meeresbiologischen Projekten unter die Arme zu greifen. Mittlerweile ist sein alt eingesessenes Unternehmen im Küstenstädtchen Madalena die gefragteste Adresse für Tierfilmer auf den Azoren.
Etwa die Hälfte der brillanten Cousteau-Produktion „Dolphins and Whales“ wurde bei ihm auf Pico abgedreht. Dafür gibt es gute Gründe: Die Chance, bei Ausfahrten, auf Wale oder Delfine zu treffen liegt bei 99 Prozent.
Beinahe als tägliche Beigabe gelten Tümmler und Gemeine Delfine, die oft genug in Schulen von 50 oder mehr Tieren gesichtet werden. Etwas seltener sind Flecken- und Streifendelfine sowie die scheuen Rundkopfdelfine. Nicht nur die kleineren Meeressäuger ziehen oft direkt unter Land vorbei, häufig werden auch Wale wenige hundert Meter vor der Küste gesichtet.
Für diese fast einmaligen Verhältnisse sorgt auch die Topografie, die der Azoren im Allgemeinen und jene von Pico im Speziellen. Im Bereich der Kontinentalplatten werden kalte, nährstoffreiche Unterströmungen an die Oberfläche befördert, wo sie sich mit dem von der Sonne gewärmten Wasser vermischen und so für ein beachtliches Nährstoffsangebot sorgen.
Da Pico von einem besonders schmalen Schelf umgeben ist und der Ozean oft schon drei Meilen vor der Insel mehrere tausend Meter tief ist, wird die Nahrungskette schon in unmittelbarer Küstennähe angekurbelt.
Deshalb werden bei den Ausfahrten häufig auch Unechte Karettschildkröten, Mondfische, Hammerhaie, Fliegende Fische und Portugiesische Galeeren im Fahrwasser gesichtet.
Und da wäre noch die Jagd nach den „Baitballs“ – ein einmaliges Spektakel, bei dem Seevögel die Regie übernehmen: Wenn Dutzende von Sturmtauchern mit sperrangelweit geöffneten Schnäbeln in Fischschwärme hinein schießen, verwandelt sich der Atlantik selbst an spiegelglatten Tagen in eine tosende Waschmaschine.
Getrieben von den Vögeln, drängen sich die Makrelen panisch zu einer Kugel zusammen. Von allen Seiten schießen Delfine heran um ihren Anteil an der Beute einzufordern. Im förmlich „kochenden“ Wasser verlieren die Tiere all ihre Scheu und bieten beste Gelegenheiten für spektakuläre Weitwinkel-Aufnahmen.
Regelmäßig tauchen auch Thunfische und sogar Marlins aus dem tiefen Blau auf und beteiligen sich an der Treibjagd. So einfach wahre Traumeinstellungen unter solchen Bedingungen zu bewerkstelligen sind, so schwierig ist die Geschichte mit den dicken Brocken.
Seit 1998 ist das Schnorcheln mit Walen ohne Sondergenehmigung verboten. Und die gibt es in der Regel nur für Biologen und Journalisten. Freilich kann einem niemand verbieten, das Unterwasser-Gehäuse vom Boot aus ins Wasser zu halten… Gemessen an der Größe der Tiere kann sich das durchaus lohnen, vorausgesetzt, der Wal bringt eine Spur Neugierde mit.
Ein legaler Heidenspaß ist dagegen das Schnorcheln mit Delfinen. Dafür werden von Land aus Herden ausgesucht, deren Verhalten auf einen Blickkontakt unter Wasser schließen lässt.
Zugegeben: In der Wetterküche Azoren können zwei Regentage am Stück auch im Sommer schon einmal vorkommen, weshalb die Einheimischen von „vier Jahreszeiten an einem Tag“ sprechen. Sonst würde die traumhaft grüne Lavainsel auch kaum wie eine schillernde Mischung aus Irland und Hawaii anmuten.
Der Anblick des mächtigen Pico, mit 2.351 Metern der höchste Berg Portugals, lässt niemanden kalt und entschädigt locker für die wenigen Strände auf der gleichnamigen Insel, zumal Gezeitenbecken sichere Badestellen bieten.
An einigen Stellen ziehen sich begehbare Höhlen kilometerweit durch das poröse Lavagestein, und auch jenseits der Wasserlinie gibt es Höhlen, die auf ihre Erkundung warten. Echte Abenteuer-Trips für Entdecker-Naturen sind die Ausflüge zur Nachbarinsel São Jorge:
Die meisten Küstenabschnitte der schroffen Insel sind noch gar nicht erschlossen und eignen sich dennoch bestens zum Camping. Die Liste könnte beliebig verlängert werden, aber so ist das nun mal mit den weißen Flecken auf der Landkarte. Es gibt einfach viel zu viel zu entdecken …
Service
Pico Sport
Die Ausfahrten zu den Meeressäugern mit dem Veranstalter dauern 3 Stunden. 1 Fahrt kostet 54 Euro.
www.whales-dolphins.net
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