
Autor:
Andreas Hub
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Im Sommer tummeln sich viele Besucher in Portugals Hauptstadt. Wer sie in Ruhe erleben will, sollte die Stadt im Frühling besuchen. Wir haben für diesen Reisebericht die schönsten Plätze und authentischsten Stadtviertel ausgemacht.
"Haschisch? Marihuana?", flüstert es mit konspirativem Unterton. Verführerischer Duft, würzige Rauchschwaden steigen von nebenan in die Nase. Und da steht, ganz legal und sehr typisch für Lissabon, ein Karren mit frisch gerösteten Maronen. Knuspriger Genuss im Vorbeigehen, den jeder gern mitnimmt. Dabei lernt man die Páginas Amarelas - Lissabons "Gelbe Seiten" - kennen: Aus 1.184 Seiten kann man schön viele Tüten drehen. Meine Kastanien sind süß verpackt: Auf Seite 875 locken über 320 Pastelarias.
Ja, ist denn jetzt Winter oder was? Eben Kastanien, jetzt schneit's auf der Rua do Carmo, in der Fußgängerzone. Da staunen die Menschen, unterbrechen ihre Einkäufe, bleiben stehen, lassen die Flocken um ihre Nasen tanzen. Ein spanisches Fernsehteam dreht eine Weihnachtsszene. Kunstschnee wirbelt durch die Luft, aber die großen Windmaschinen braucht es gar nicht.
Durch Lissabon weht meist eine frische atlantische Brise, die auch manch falsche Vorstellung über Portugal aus dem Kopf bläst. Wer mit Europas Süden immer nur mediterrane Leichtigkeit verbindet, lernt schnell: Dies ist die ganz andere Seite der Iberischen Halbinsel. Die Menschen sprechen ein kehliges Idiom, dem Spanisch-Dramatisches und Italienisch-Opernhaftes völlig abgehen. Am Nebentisch der Kneipe am Bahnhof Rossio, in der diese Zeilen zu Papier kommen, zieht ein Mann bedächtig an seiner Pfeife. Diese Szene könnte, sagen wir, auch in Norwegen spielen, wo der Thronfolger im Frühjahr auf diplomatischem Parkett strauchelte und Portugal kurzerhand ans Mittelmeer verlegte. Nein, hier haben sie ein richtiges Meer vorm Haus, nicht so eine Badewanne wie die östlichen Nachbarn. Bis Amerika kommt nichts als wüstes Wasser. Und wer immer noch zweifelt, lasse sich von seiner wachen Nase ins rechte Bild setzen. Die Parfumnoten, die den Dekolletés der Damen entströmen, sind deutlich strenger als in Italien, Frankreich, Spanien.
Lissabons Altstadt könnte man sich erlaufen, ginge es vom zentralen Rossio-Platz in der Unterstadt nicht ständig bergauf. Gemütlicher und ursprünglicher ist die Fahrt mit der historischen Straßenbahn, Linie 28, die auch nach über 100 Jahren noch die steilsten Steigungen schafft. Im Prinzip wenigstens, denn jetzt endet die Fahrt schon nach wenigen Metern: Ein Lkw parkt auf den Schienen, der Fahrer ist weggegangen. Trotzdem bleibt die Lage einigermaßen entspannt, der Fahrer setzt seine hölzerne Tram rumpelnd ein paar Meter zurück, die Fahrgäste zeigen keine Zeichen von Unruhe und unterhalten sich angeregt. Warum auch nicht - die Bahn spendet Schatten, alle Fenster sind hochgeschoben. Lektion: Wer es eilig hat, nimmt die U-Bahn, wer ein paar nette Stunden verbringen will, sitzt auf der gelben E28 goldrichtig. Als es weitergeht, haben sich an den Haltestellen lange Schlangen gebildet - ganz korrekt wartet einer hinter dem anderen. Lissabon war einst britisch besetzt.
Je weiter sich die Bahn ins Graça-Viertel hocharbeitet, desto abenteuerlicher wird der Parcours. Den Händlern könnte man vom Sitz in die Auslagen greifen, so eng sind die Straßen. Nahe der Endstation liegt die "Pastelaria Ci-Ci", eigentlich eher eine Haltestelle mit Kaffee und Kuchen. So stehen die Leute an der Theke und schlürfen ihre Bica, einen bitteren Espresso. Wenn die 28 kommt, macht der Fahrer die Tür auf und ruft in die Bar hinein: "Wer will mit?" Dazu muss er nicht einmal die Stimme erheben, zwischen Bahn und Bar liegt nur ein Meter.
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