
birgit weidt
InsiderTipps
Hunderte Kilometer Wanderwege warten in den tropisch dampfenden Bergen der französischen Vulkaninsel auf Aktive. Oder man entdeckt sie aus der Luft, per Helikopter. Aber bitte nie, ohne im Anschluss einen erholsamen Strandurlaub einzulegen. Und nie ohne Knoblauch-Huhn zum Vanille-Rum. Reisetipps zwischen Krater und Beach.
Klatschnass klebt das Shirt am Körper. Schweiß tropft von der Nase. Ich schweige in die Hitze hinein. Schritt, schnauf, Schritt, schnauf. Wasis, der kreolische Bergführer, redet dagegen ohne Unterlass, in einer Lautstärke, als habe er im Sturm das Sprechen gelernt. Was ich mir Stück für Stück mühsam erkämpfe, das schwebt er, leicht trippelnd und einfach tänzelnd.
Der Pfad ist zwar gut befestigt, doch die durch heftige Regengüsse aufgeweichte Erde rutscht unter den Schuhen weg. Wasis sieht, dass er mich bei Laune halten muss. „Tec, tec“, ruft er in den Tamarindenwald. Sekunden später flattert ein schwarzer Spatz mit weißer Kehle herbei. Es ist ein Tec-Tec, der so heißt, weil er so trällert. Er wird unser Wegbegleiter, hüpft von Ast zu Ast, zum Greifen nah, und weicht uns nicht mehr von der Seite.
Meine Kräfte schwinden. Mit vorwurfsvollem Blick bleibe ich stehen, um Wasis meine ultimative Kapitulation vor den Serpentinen Réunions mitzuteilen. Suche noch in Gedanken nach den passenden französischen Vokabeln – da stehe ich plötzlich vor einem Tal, in dem durch aufgerissene Wolkenlöcher kleine Weiler zu sehen sind. Der Cirque de Mafate liegt vor uns, wie in Watte gehüllt und mit flockigen Girlanden verziert. Ich verschiebe die Kapitulation.
„Attention“, ruft es unerwartet von hinten. Leichtfüßig und lässig grüßend rennen drei Jogger an uns vorbei. Sie gehören zu den verrückten Cross-Läufern, die für den Grand Raid trainieren. Über 2.000 Marathonfans aus der ganzen Welt treffen sich jeden Oktober, um 125 Kilometer quer über die Insel zu spuren. Dabei sind sie je nach Kondition 16 bis 60 Stunden unterwegs. Ausgerechnet der Kleinste dieses Lauftrios schultert einen Computerbildschirm. Nicht, um noch gleichzeitig Gewichte zu stemmen, sondern schlicht, um das Gerät kostenlos nach Hause zu transportieren. Es gibt keine Straßen nach Mafate. Dorthin muss man wandern – oder gleich in die Luft gehen.
Der Helikopter ist der wichtigste Draht zur Außenwelt, er kommt mehrmals täglich und bringt Reis, Stühle, Dachgiebel und alles, was die Menschen im Dorf brauchen. Die beiden anderen Cirques – Salazie und Cilaos heißen sie – wurden vor 200 Jahren durch Zufahrtswege erschlossen, weil man Thermalquellen entdeckt und sich den Zulauf von Touristen versprochen hatte.
Die Bergschlucht von Mafate dagegen blieb isoliert. Die rund 700 Mafatis lieben ihr zurückgezogenes Dasein, doch sie sind beileibe keine Einsiedler. Sie können, wenn sie denn möchten, per Hubschrauber ihr Dorf jederzeit verlassen. Das kostet pro Flugminute zwar um die 20 Euro, doch an den Wanderern verdienen die Einheimischen recht gut, denn es steigen immer mehr Neugierige in den wild bewachsenen Kessel hinab und bleiben über Nacht.
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