Baukräne gehören zur Vegetation von Singapur. Der Superlativ scheint in diesem Stadtstaat Normalfall zu sein, der sich jeden Tag neu erfindet. Mit zum unnachahmlichen Singapur-Mix gehören: ein toter Leopard, sexy Kellnerinnen, Urwaldriesen mit Blitzableiter und eine süße Cocktaillegende.
Aufgeregt zeigt Danny Lorenzo auf den nagelneuen schwarzen Jaguar, der auf der rechten Spur der Stadtautobahn an unserem Minibus vorbeigleitet. Weder die Luxuskarosse noch die perfekt gestylte asiatische Schönheit an deren Steuer sind Grund für seine Euphorie. Es sind die Achten auf dem Nummernschild. Gleich viermal hat sich die Dame die Zahl in das Metall stanzen lassen. Die Acht macht reich. Das glauben zumindest die Chinesen. „Für so ein Nummernschild bezahlt man locker 100.000 Dollar “, sagt Danny ehrfürchtig. Nach einigen Jahren in Hamburg und anderswo, wo er auch seine Frau getroffen hat, eine waschechte Bayerin, ist er nach Singapur zurückgekehrt und führt in glasklarem Deutsch vor allem Journalisten durch die Stadt.
Im Maxwell Food Court wabern Duftwolken von Fleisch, Fisch, Nudeln und gegartem Gemüse. Alle Arten von „Snack Delights“ preisen die über 100 Stände an: „Fresh Prawns“, „Roti“, „Pigs Brain“, „Porridge“, „Curries“, „Chop Suey“, „Meatballs“, „Dim Sum“, „Peanut Soup“. In dem eisernen Dachgebälk über den Tischen zwitschern Vögel. Der kitschige rote Altar am Eingang darf nicht fehlen. Unzählige Räucherkerzen qualmen vor sich hin. Je nach Garküche wird aus Plastiktellern gegessen, von Bananenschalen oder aus Porzellantassen geschlürft. „Für Singapurer ist es egal, wie ihnen das Essen serviert wird. Hauptsache, es schmeckt“, weiß Danny.
Zu schmecken scheint es den Gästen, denn der Andrang um die Mittagszeit ist riesig. Zu handeln gibt es nichts an den einzelnen Ständen. Die Preise sind ausgeschrieben. Man muss nur mit dem Finger darauf zeigen und sich entscheiden, ob man eine große oder kleine Portion will. Ein „A“, „B“ oder „C“ prangt jeweils über den Theken. Die Benotungen verteilt das Gesundheitsministerium. „So kann jeder sehen, wie sauber die Garküche ist“, betont Danny.
Der Besitzer des Stands, an dem es die Banana Fritters gibt, zeigt stolz auf eine Reihe Fotografien hinter sich. „Sogar der Präsident hat hier schon gegessen“, lobt Danny, während der Mann lächelnd und nickend Unmengen der honiggelben, klebrigen Köstlichkeit auf einen weißen Plastikteller häuft. Singapurs einzigartig variationsreiche Küche ist ein Spiegelbild des Völker- und Religionengemischs, das sich im Laufe der Jahrhunderte in dem kleinen Stadtstaat zwischen Malaysia und Indonesien entwickelt hat.
Die größte Bevölkerungsgruppe stellen die Chinesen – aber auch Malaien, Indonesier, Inder, Europäer, Peranakan und Araber haben sich niedergelassen. Manche auf Zeit, wie die unzähligen Gastarbeiter, die den Bauboom in der Stadt erst möglich machen. Andere sind für immer geblieben. Rund 4,5 Millionen Menschen leben in dem 685 Quadratkilometer großen Stadtstaat an der Südspitze der Malaiischen Halbinsel. Bis 2015 sollen es noch zwei Millionen mehr sein. Es wird also weiter gebaut werden: nach oben, nach unten und aufs Meer hinaus.
Das legendäre Hotel „Raffles“ – es ist benannt nach Stamford Raffles, der die malaiische Siedlung 1819 dem britischen Empire einverleibte und zu einem florierenden Freihafen machte – war einmal ein Strandhotel. Heute ist die weltbekannte Luxusherberge eine kleine Insel inmitten glitzernder Wolkenkratzer. Und „very, very british“ – pünktlich um 8 Uhr abends schlägt die Standuhr in der Eingangshalle die Melodie von Big Ben. Danach stimmt der Pianist „I’ll see you again“ von Noël Coward an.
In einem kleinen, sehr hübsch aufgemachten Museum im Obergeschoss des „Raffles“ stößt man auf die Konterfeis der Reichen und Schönen, die im Laufe der Jahre hier schon genächtigt haben. Auf einem Foto ist Liz Taylor zu sehen, die 1957 in das reichhaltige Buffet greift. Von anderen Fotos strahlen einen Douglas Fairbanks (1929) oder Charlie Chaplin (1933) an.
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