
Autor:
Marion Trutter
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Sherry-Fiesta
Eine Stadt steht Kopf
Bei den Fiestas de Otoño im September feiert die andalusische Stadt ihr liebstes Getränk: den Sherry. Ein Spektakel mit Flamenco & Co. Ein Taumel der Sinne. Tausende von Menschen drängen sich auf der Plaza de la Asunción, eingehüllt in Blumenduft und Chormusik. Ein berauschender Reisebericht.
Altargleich erhebt sich eine hölzerne Kelter über dem Platz. 40 dunkelhaarige Schönheiten in Rüschenkleidern schweben heran, die Weidenkörbe voller Reben, Schritt für Schritt getragen von hymnischen Gesängen. Jede Ladung Trauben wird von einem Geistlichen einzeln gesegnet, dann in die Kelter gekippt. Oben warten vier Pisaderos - was sich wohl und nur etwas banal mit Traubentreter übersetzen lässt - mit Lederschuhen, roter Schärpe und hochgekrempelten Hosen, wie Priester des Bacchus, bereit für ein uraltes Ritual. Im Takt der Musik zerstampfen sie die Trauben, erst langsam, dann immer schneller, bis der erste Most aus der Kelter schießt. Begleitet von frenetischem Jubel und den Klängen der andalusischen Hymne. Das Herbstfest wird Jerez drei Wochen lang in einen regelrechten Taumel versetzen.
Mit den Fiestas de Otoño feiert Jerez sich selbst und den Sherry. Um 1100 vor Christus hatten die Phönizier die ersten Reben ins Land gebracht und die Römer verschifften jährlich bereits acht Millionen Liter Wein aus dem damaligen "Seritium" nach Rom. Selbst unter maurischer Herrschaft wurde Wein angebaut. So genau nahm man es, fern der Heimat, schließlich nicht mit dem Alkoholverbot. Als britische Seefahrer vor rund 400 Jahren den Sherry nach Plymouth brachten, verfielen auch die Engländer dem edlen Trunk. Die erste Ladung lieferte der offizielle Freibeuter Ihrer Majestät, Fancis Drake. 1594 war er nach einem Angriff auf Cádiz in Jerez eingefallen und hatte die Stadt geplündert. 3.000 Schläuche Vino de Xeres lud er auf sein Schiff.
Mit dem Trinken taten sich die Engländer weniger schwer als mit der Aussprache des komplizierten Namens. Aus dem maurischen Xeres und dem spanischen Jerez wurde Sherry. Bald schon gehörte es in den gehobenen Kreisen Großbritanniens zum guten Ton, abends am Kamin ein Gläschen Sherry zu kredenzen. Auch Skakespeare war begeistert: "Der erste menschliche Grundsatz sollte sein, dünnen Getränken abzuschwören und sich dem Sherry hinzugeben." Die Händler reisten in Scharen nach Spanien, Jerez boomte. Ab 1900 lebten die spanischen Sherry-Barone und ihre englischen Partner in Saus und Braus, und das in einer der ärmsten Regionen Spaniens.
Sherry wird ausschließlich im Küstenabschnitt der Provinz Cádiz angebaut. Zwischen Jerez de la Frontera, Sanlúcar de Barrameda und El Puerto de Santa María sind die meisten großen Kellereien inzwischen in der Hand internationaler Konzerne. Statt Señoritas mit Weidenkörben ziehen Erntehelfer aus Osteuropa in die Weinberge und pflücken die Reben in stapelbare Plastikboxen. Die Trauben werden mit Maschinen gepresst. Reifen allerdings darf der Wein nach wie vor in Holzfässern. Und die alten Kellereien verströmen noch die Atmosphäre aus der Zeit der Sherry-Dynastien. Viele der Bodegas liegen in der Stadt - Kathedralen des Weins, die mit ihren meterhohen Bogenhallen in den fast immer wolkenlosen Himmel ragen. Denn Sherry, so sagt man, darf nicht in tiefen Kellern gären, sondern muss das Aroma Andalusiens atmen.
Durch kühle, feuchte Hallen spaziert der Besucher in der Kellerei González Byass zurück ins 19. Jahrhundert. Schon beim Eintreten benebelt ein betörender Duft die Sinne.
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