
Autor:
Claudia Steiner
InsiderTipps
Harems-Palast und Hedonisten-Club. Serail und Galerien. Basar und Edel-Shops. Moscheen und Mode-Tempel. Die boomende 12-Millionen-Metropole punktet mit starken Kontrasten. Das macht sie so spannend. Diese Reise-Bericht beweist es: Istanbul ist in!
Du brauchst Nerven! Dieses alltäglichen Chaos, das dich packt und schnell rotieren lässt. Die Taxifahrt wird schnell zum Höllenritt. Laut hupend fahren auf dreispurigen Straßen fünf Autos nebeneinander. Wagen schießen hupend zwischen den Spuren hin und her. Da wird gestikuliert, geschimpft - und gestanden. Für eine Strecke von wenigen Kilometern braucht man zur Rushhour schon einmal zwei Stunden und länger. An den Bootsanlegestellen unten am Wasser spucken die Bosporus-Fähren im Minutentakt Hunderte, ja Tausende Leute aus, die sofort in alle Richtungen weiterströmen. Alles ist schnell, energiegeladen, laut, hektisch.
Diese Stadt kann aber auch anders. „Café Nero” in Bebek. Familien, Studenten und verliebte Paare sitzen auf einer Terrasse direkt am Wasser und blicken versonnen auf den glitzernden Bosporus. Das Tuckern der Motoren kleiner Fischerboote ist zu hören. Weiße Yachten schaukeln auf den Wellen hin und her, die ein riesiges Containerschiff auf dem Weg vom Schwarzen in Richtung Marmarameer vor sich her schiebt. Dazwischen kreuzen Scharen von Deniz Otobüsler, „Meeres-Bussen“, zwischen den asiatischen und europäischen Ufern. Sonntagvormittag am Bosporus.
Es gibt keinen besseren Ort, um sich in Istanbul zu verlieben. „Ist es nicht schön“, sagt Selen Gülün. Die bildhübsche, zierliche 39-Jährige mit dem blau-weiß gestreiften Ringelshirt und der schwarzen Lederjacke lebt seit ihrer Kindheit in Istanbul. Sie ist eine der bekanntesten Jazzpianistinnen des Landes. „Die ganze Stadt erlebt gerade einen Riesenhype“, sagt sie und schaut wieder aufs Wasser. „Kunst, Musik, Kino – alles boomt.“
Überall in Istanbul gebe es kleine, feine Clubs wie das „Babylon“ oder das „Nardes“, dazu kämen gut gemachte Events wie das Jazz- oder das Klassikfestival. Davon hören auch immer mehr ausländische Musiker und wollen unbedingt in Istanbul spielen. „Ich war zum Beispiel lange in den USA, ich könnte überall leben, aber ich möchte in Istanbul sein. Wer aus Istanbul kommt, braucht dieses Chaos, diese Energie, das Überraschende.“, schwärmt Gülün.
„Schätzungsweise 1,5 Millionen Menschen flanieren täglich über die Istiklal-Straße“, sagt Sashah Anton Khan, Mitbesitzer des „360“, das auf dieser Straße im Stadtteil Beyoğlu liegt. Das „360“ ist Bar, Restaurant und Club in einem und wurde auf dem Dach eines historischen Gebäudes erbaut. Wer Gedränge und Menschenmengen liebt, der spaziert mal diese „Straße der Unabhängigkeit“ entlang. Die Istiklal Caddesi ist eine etwa drei Kilometer lange Fußgängerzone zwischen Taksim-Platz und dem Tünel, Endstation der ältesten Standseilbahn der Welt.
Tag und Nacht schieben sich Menschenmassen vorbei an Boutiquen, Ramschläden, Cafés, Konditoreien und Restaurants. Aus jedem Laden schallt Musik: Tarkan, Lady Gaga, Eminen – alle paar Meter ein anderer Takt, der sich mit den schwermütigen Klängen der Straßenmusiker vermischt. Nur das penetrante Bimmeln der historischen Straßenbahn schafft es, die Menge wie von Zauberhand zu teilen.
Zurück ins „360“. Das voll verglaste Restaurant mit dem schlichten, schwarzem Design erlaubt einen Rundumblick über die Stadt: Bosporus und Bosporusbrücke, die asiatische Seite, Mädchenturm, das alte Istanbul mit Blauer Moschee, Hagia Sophia und Topkapı-Palast, das Goldene Horn und die Finanzviertel Levent und Maslak mit ihren verglasten Wolkenkratzern. Clubbesitzer Sashah ist ein echter Weltenbummler: Seine Mutter ist Österreicherin, sein Vater Afghane. Er lebte im Iran, in Großbritannien, den USA und in Österreich und ist seit ein paar Jahren in Istanbul. Zuerst hatte er ein kleines Lokal, inzwischen betreibt er mit drei Partnern fünf Restaurants in der Stadt. „Ich bin vor zwei Stunden in Istanbul gelandet“, sagt eine ungarische Geschäftsfrau im kleinen Schwarzen zu ihm. „Und das erste, was ich sehen wollte, ist das 360.“ Sashah lächelt.
Die Backpacker-Bibel „Lonely Planet“ treibt den Hype um das „Three Sixty“ auf die Spitze und ratet den Club als drittwichtigsten Sightseeing-Spot der Stadt nach Hagia Sophia und Topkapı-Palast. Das geht dann aber doch etwas weit... wenngleich der Laden noch schicker ist, als es www.360istanbul.com vermuten lässt. Auf der Karte stehen klassische türkische Vorspeisen, aber Sushi und Steak. Um Mitternacht werden die Tische zur Seite geräumt, dann verwandelt sich das Restaurant in einen pulsierenden Club. Die Party dauert bis mindestens vier Uhr morgens –wie in vielen anderen Szenetreffs wie dem „Angelique“ oder dem „Reina“ am Bosporus auch.
Muskulöse Türsteher im schwarzen Anzug, mit Stiernacken und Knopf im Ohr regeln den Einlass. Paparazzi lauern herum und versuchen, Promis abzulichten. Ferraris, Lamborghinis und große Limousinen fahren im Minutentakt vor, während am clubeigenen Bootsanleger blütenweiße Luxusyachten festemachen. Drinnen tanzen und feiern die Reichen und Schönen. So mancher Tourist fragt sich, ob er gerade in einem Modelcamp gelandet ist und lässt zweifelnd den Blick über das eigene Outfit streifen. Die Frauen tragen High-Heels, haben wallendes Haar und die neuesten Kreationen internationaler oder nationaler Topdesigner an.
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