
Autor:
Ralph Kendlbacher
InsiderTipps
Bis aus Hamburg oder Mannheim reisen die Menschen an, um die Thermalbäder von Budapest zu genießen. Und schon Morgens um sechs Uhr steht die Stadt mächtig unter Dampf, wie unser Bericht beweist. Ergo: Ein Besuch lohnt zu jeder Tageszeit.
In der Ferne eilt bereits die Sonne dem Tag entgegen und nur wer genau hinschaut, hinter die Bäume, entdeckt die Kuppeldächer mit ihren dünnen Schloten, die träge den Dampf in den neuen Tag blasen.Es geht ein lautloser, heimtückischer kleiner Wind. Vier Männer warten geduldig vor einer Tür. Sie haben die Kragen ihrer Mäntel hochgeschlagen und die Hände in den Taschen vergraben.
Das Haus ist noch verschlossen, doch durch die milchigen Scheiben schimmert weißes Licht und Schatten huschen hin und her. Dann und wann werfen die vier einen ungeduldigen Blick auf die getönten Fenster. Denn dahinter verbergen sich die Entspannung verheißenden Verlockungen eines Dampfbads: Wärme, Sauberkeit, gelassenes Verweilen, Stille und dazu jene Hitze, die sich anfangs wie eine Klammer um den Brustkorb legt, dann aber so in einem arbeitet, dass man das Gefühl hat, alles herauszuschwitzen, was alt, müde und übernächtigt ist. In jenen Augenblicken, wenn die warmen Nebel durch die Halle ziehen und lauwarmes Wasser von den Wänden rinnt, gleicht die ungarische Hauptstadt einer anfahrenden Dampflok, Typ Bummelzug.
Budapest ist ein Ort würdiger Rituale. Diese Stadt wird nur sehr langsam wach. Man startet in den Tag, wie man ihn gemeinhin zu beenden pflegt, beginnt in einer stillen erschöpften Atmosphäre. Woanders mag man dem klingelnden Wecker einen Klaps geben, sich auf die Seite drehen und weiterdösen. Echte Budapester tun das nicht. Stattdessen gehen sie ins Bad.
Es ist fast so, als habe die Zweimillionenmetropole an der Donau all ihrem Nass einen Palast nach dem anderen gebaut und derart das zweite Aufwachen vervollkommnet: 123 thermische Heilquellen speisen türkische Bäder, edle Bäder, Bäder mit Bullaugen, Bäder mit Schachspielern, Bäder mit wohl geformten Nackten aus Marmor und so fort. Nirgendwo in Europa gibt es mehr Thermalbrunnen als hier. Unter türkischer Besatzung wandelten sich im 16. und 17. Jahrhundert die vormals schlichten Heilwasserquartiere in prunkvolle Stätten ausgiebiger Badekultur. Zwischen Gellértberg und Margareteninsel machte die Habsburger Monarchie im 19. Jahrhundert daraus wahre Badetempel im Stil des Klassizismus und Sezessionismus (Jugendstil). Prachtvoll umgebaut und erweitert, wurden die kupfernen Kuppeln mohammedanischer Zeiten zu Treffpunkten von Intellektuellen, Bohemiens und Künstlern, später für alle mit Sinn für das rechte Budapester Lebensgefühl.
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