
Autor:
Martin Müller
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Reisebericht on the Rocks: Eine Kreuzfahrt in Alaska entlang der Inside Passage, das ist Luxus vor spektakulärer Naturkulisse. Wir waren an Bord der "Coral Princess".
Der Blick von Vancouvers Skytower verursacht bei Herrn M. leichte Schwindelgefühle. Tief unter ihm liegt die "Coral Princess", mit der er eine Woche lang die Inside Passage entlang der südlichen Küste Alaskas bereisen wird. Wildnis, vom Lehnstuhl aus. Herr M. beschließt, den Schwindel als Hochgefühl zu bewerten.
Triumphierend wirkt das abendliche Auslaufen und das Hindurchgleiten unter der Hafenbrücke. Die "Coral Princess" kreuzt unbehelligt durch Meerengen und Nadelöhre der Inside Passage. Gezeiten und Strömungen können sich örtlich zu unangenehmen 20 Knoten - 36 Stundenkilometern - verbünden, hatte die Stimme von Nature Guide Barbara aus dem Bordlautsprecher gewarnt. Doch das Schiff könne mit 23 Knoten dagegenhalten. Außerdem kreuzt man über einem der aktivsten geologischen Plattengeschiebe der Erde. Was am Karfreitag 1964 zu einem Erdbeben mit dem Wert von 9,2 auf der Richter-Skala führte. Die Flutwelle sortierte ganze Küstenabschnitte neu. Seelenruhig gleitet hingegen unser Schiff, während draußen eine mit Regenwald gespickte Überdosis Urnatur vorbeizieht, kommentiert von Barbara. Irgendwie virtuell und irgendwie unaufgeregt, denkt Herr M. nach zwei Tagen über die Reise. Am frühen Morgen des dritten Reisetags hat man klammheimlich in Ketchikan angelegt. Nicht einmal 10.000 Einwohner zählt der Ort, der sich stolz als Lachs-Hauptstadt der Welt präsentiert. Obwohl es heute gerade noch zwei Konservenfabriken gibt, in denen der Lachs in Dosen verschwindet, wie Stacey verrät, dem Herr M. bei seinem ersten Kaffee an Land in die Arme läuft.
In seinem Wagen entführt Stacey den Gast in das Örtchen Saxman, weil dort ein kleiner Wald aus Totempfählen des Tlingit-Volks steht. Wie trotzige Ausrufezeichen dokumentieren sie das Überleben der Küstenindianer. Gesichter von Bären, Wölfen, Raben, Adlern sind ins Holz geschnitzt und vermitteln einen Einblick in die von mächtigen Tierkräften beseelte Indianerwelt vor der Ankunft der weißen Missionare, Pelzhändler, Goldsucher, Anthropologen und Kreuzfahrer. So stellen es die Reiseführer dar. Herr M. liest, dass die Forstbehörde in den 1930er Jahren der dümpelnden Totem-Kunst wieder auf die Beine half.
Doch "Passage to Juneau" von Jonathan Raban, mit die intelligenteste Reiselektüre über die Inside Passage, weckt Zweifel an der Indianerhistorie. Herr M. vertieft sich in ruhigen Momenten in die Geschichte, die der Autor von seiner Segeltour durch die Küstenpassage erzählt. Da die Missionare den Anthropologen vorauseilten, konnten letztere nicht mehr feststellen, meint Raban, ob die erzählten Legenden der Indianer über eine große Flut und den Großen Geist authentisches Indianergut waren oder ein durch Bibelstunden gefärbtes Mysteriendrama. Und konnte nicht durch den Pelzhandel erworbener Reichtum und die damit aufkommende Muße einen Totempfahl-Boom erst ausgelöst haben, fragt Raban scharfsinnig. Die künstlerische Formensprache der Küstenindianer fußt aber auf kaum korrumpierbarer Naturbeobachtung. Spätestens in Ketchikan ist man von Alaska fasziniert.
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